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Aus: Ausgabe vom 17.09.2022, Seite 7 / Ausland
Teures Infrastrukturprojekt

In den Sand gesetzt

Polen eröffnet Kanal durch Frische Nehrung. Militärs trotz angeblich strategischer Bedeutung des Bauwerks wenig begeistert
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Die Kosten lagen bei rund zwei Milliarden Zloty: Der Kanal zwischen der Ostsee und dem Frischen Haff

An diesem Sonnabend wird Polens faktischer Regierungschef Jaroslaw Kaczynski den neu entstandenen Kanal durch die Frische Nehrung einweihen. Er verbindet das Frische Haff mit der offenen Ostsee. Das in fünfjähriger Bauzeit entstandene, etwa einen Kilometer lange Bauwerk mit einer Schleuse und zwei Brücken hat nach bisherigen Schätzungen rund zwei Milliarden Zloty (440 Millionen Euro) gekostet.

Das Datum für die Eröffnung ist nicht zufällig gewählt. Der 17. September ist der Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in die polnischen Ostgebiete 1939 und wird alljährlich mit Gedenkveranstaltungen begangen. Die Rhetorik der polnischen Regierung bringt den Bau des Kanals daher auch mit der »Wiedererringung der polnischen Souveränität über das Frische Haff« in Verbindung. Denn bisher sah sich Polen in seiner Möglichkeit, die ihm unterstehenden zwei Drittel der 838 Quadratkilometer großen Bucht zu nutzen, durch den Umstand eingeschränkt, dass der natürliche Ausgang des Haffs im russischen Gebiet Kaliningrad liegt und der Schiffsverkehr folglich von russischen Genehmigungen abhängt.

Das Problem ist, dass niemand so recht weiß, wozu Polen das Haff und den daran angrenzenden Hafen der Stadt Elblag nutzen soll. Der Hafen leidet vor allem an der geringen Wassertiefe des Haffs: maximal fünf Meter, im Schnitt nur 2,50 Meter. Der Warenumschlag war so auch zu den besten Zeiten mäßig: 2014 erreichte er mit 360.000 Tonnen ein Allzeithoch. In diesem Jahr ist er praktisch zum Erliegen gekommen, denn bis auf Kohle, Zement und Torf aus Russland wurde dort kaum etwas verladen. Aktuell liegt der Hafen praktisch still. Angesichts der Sanktionen hat sich die Hafengesellschaft jetzt vorgenommen, ihr Geschäftsfeld zu »diversifizieren«. Aber wohin? Unter dem Stichwort »Strategie« auf der Website des Hafenbetreibers findet sich nichts.

Als klar wurde, dass es ökonomisch keine zwingenden Argumente für den Kanalbau und die damit verbundene Modernisierung des Hafens von Elblag gab – und die EU das Projekt aus diesem Grund nicht bezuschussen wollte –, war Kreativität gefragt. Damals meldete sich auch Vizekulturminister Jaroslaw Sellin mit der Hoffnung zu Wort, den Kanal durch die Gewinnung großer Mengen von Bernstein aus dem auszubaggernden Meeresgrund zu finanzieren. Aber die Bernsteinbonanza blieb aus.

In dieser Situation verfiel die Regierungspartei PiS auf das Generalargument der nationalen Sicherheit. Der Kanal biete der polnischen Marine im Kriegsfall den Zugang zu Elblag als Reservehafen. Ein Argument, das nur dazu taugte, beim Durchstich durch die Nehrung die für diese geltenden Naturschutzbestimmungen außer Kraft zu setzen und mitten in einem »Nature 2000«-Schutzgebiet eine Großbaustelle einzurichten.

Polnische Militärs bezweifeln einen militärischen Nutzen des Haffs und des Hafens entschieden. Die oppositionelle Gazeta Wyborcza brachte diese Woche ein langes Interview mit einem Offizier, der viele Jahre in verschiedenen Planungsstäben des Verteidigungsministeriums und des Präsidialamtes gearbeitet hat. Er brachte seine Skepsis kurz auf den Punkt: Der Kanalbau sei förmlich eine Einladung an Moskau, das Frische Haff zu einem neuen Pearl Harbor zu machen. Wenn es einem Angreifer – konkret Russland – gelinge, die Schleuse zu zerstören, am besten noch mit einem Schiff darin, sei die Falle zu. Außerdem sei der seeseitige Ausgang des Kanals mit seiner Mole so eng konstruiert, dass größere Schiffe die dort erforderliche Rechtskehre um 90 Grad nur schwer vollziehen könnten.

Jetzt bleibt die Hoffnung, dass der neue Kanal wenigstens von Freizeitseglern angenommen wird. Ob der Hafen von Elblag von dem Kanal profitiert, ist dagegen völlig offen. Denn die Fahrrinne müsste noch ausgebaggert werden, und auf dem letzten Kilometer dieser ist zwischen Regierung und Stadtverwaltung strittig, wer die Arbeiten finanzieren soll. So gehen die meisten Einschätzungen in Polen da hin, dass hier zwei Milliarden Zloty buchstäblich in den Sand gesetzt wurden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (17. September 2022 um 12:41 Uhr)
    Danke für diesen Blick auf Polen und die Erinnerung daran, dass für manche immer noch genug Geld da ist.

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