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Aus: Ausgabe vom 15.09.2022, Seite 16 / Sport
Polizeigewalt

Von Linken lernen

Polizeigewalt im Fußball: Freund und Helfer des Status quo
Von Raphael Molter und Lara Schauland
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Tag und Nacht wird sie bei dir sein – die Polizei

Polizeigewalt ist weitgehend unerforscht. Was schon Horst Seehofer gekonnt ignorierte, konnte erstmals vor zwei Jahren im Kontext Fußball untersucht werden. 2020 brachte der Journalist Thorsten Poppe das Thema Polizeigewalt im Fußball in großem Stil auf die Agenda und zitierte in einem ARD-»Sportschau«-Beitrag (20.2.2020) eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, nach der rund ein Viertel der 3.300 Befragten angegeben hatte, Erfahrungen mit Polizeigewalt beim Fußball gemacht zu haben. Immer wieder mehren sich Berichte von prügelnden Polizisten, willkürlichen Maßnahmen und Machtdemonstration des Staates gegenüber Fans. Besonders bei Auswärtsspielen bekommen das viele zu spüren: Unnötiges und stundenlanges Einkesseln bei Minusgraden, anlasslose Personenkontrollen und Eskalation statt Deeskalation sind oftmals an der Tagesordnung. Ein Phänomen, das man ansonsten vor allem von linken und gegenherrschaftlichen Demonstrationen kennt. Die von Poppe angestoßene Debatte flachte schnell ab, doch die Vorfälle wurden nicht weniger. Zuletzt fiel die Wolfsburger Polizei beim Heimspiel der konzerneigenen Mannschaft gegen Werder Bremen am 18. August auf, indem die Anreise von Bremer Fans zum Auswärtsspiel in die Volkswagen-Arena behindert und von Beginn an gekesselt wurde. Die Beamten verhängten anlasslos pauschale Aufenthaltsverbote, durchsuchten Taschen und nahmen Personalien auf.

Linke und Fußballfans haben mehr gemeinsam, als man meinen mag, und ihre jeweiligen Rollen zu betrachten kann erklären, warum Polizeigewalt ausgerechnet im Fußball so häufig vorkommt. Offensichtlich werden beide Gruppen regelmäßig Opfer von heftiger Polizeigewalt, beide vereint ihre Ablehnung der Institution Polizei. Den liberal-bürgerlichen Standpunkt, nach dem die Polizei »Freund und Helfer« ist, halten beide für absurd. Aber während man sich in linken Kreisen schon seit langer Zeit mit dem Ursprung der Institution und den Gründen der andauernden Repressionen und der Gewalt im Kontext einer kapitalismuskritischen Herrschaftsanalyse auseinandersetzt, fehlt diese Dimension im Fußball noch vollends. Zwar hat so ziemlich jeder Verein, jede aktive Fanszene auch eine Fanhilfe, die als Solidargemeinschaft über Verhalten bei Begegnungen mit der Polizei und die eigenen Rechte aufklärt und anwaltliche Hilfe bereitstellt und die Kosten trägt, allerdings bleibt die Analyse der Gründe für die Repressionen meist am Anfang hängen. Gewaltenteilung und bürgerliche Rechte sind zentrale Themen, auch sieht man sich als Feindbild – aber warum ist man überhaupt ein Feind?

Innerhalb der linken Szene lässt sich der hohe Repressionsgrad durch den Staat offensichtlich erklären, man trifft hier kaum auf ideologische Verästelungen oder Verklärungen. Schließlich dient die Polizei der Absicherung des Status quo und der bestehenden Besitz- und Herrschaftsverhältnisse, während sich viele Forderungen der linken Szene aktiv gegen die Herrschaftslegitimation des bürgerlichen Verfassungsstaats und seiner Staatsapparate und vor allem gegen die wirtschaftliche Ordnung des Kapitalismus richten, die der Staat absichern soll. Bei Fußballfans und besonders Ultra-Gruppierungen wird ein entsprechender Zusammenhang nicht sofort ersichtlich, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass es nicht allzu viele offensichtlich links auftretende Gruppierungen im deutschen Profifußball gibt. Dennoch haben Fußballvereinigungen vergleichbare Repressionen zu erleiden wie linke Gruppen.

Die Repressionen sind erst dann vollständig zu erklären, wenn man sich vor Augen führt, welche Rolle viele aktive Fußballfans für sich reklamieren und wie ihre Praxis aussieht. Sie kritisieren nicht nur – und dabei ist es egal, welche politisch-ideologische Ausrichtung die jeweilige Gruppierung hat – die Auswüchse der Kommerzialisierung, positionieren sich gegen herrschaftliche Institutionen wie DFB und DFL und den Ausverkauf des Fußballs. Ultra-Gruppierungen fordern für sich als größte Jugend- und Subkultur des Landes ein erhebliches Maß an Autonomie ein, so wie es sonst nur innerhalb der linken Szene praktiziert wird. Vollständig oder größtenteils selbstorganisierte und -verwaltete Räume, ohne jede staatliche Möglichkeit des Eingriffs. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene ist das ein wichtiger Raum zur Sozialisierung außerhalb des staatlichen Zwangs und der mittlerweile dauerhaften Konditionierung durch die Einrichtungen des Bildungssystems, um so schnell wie möglich fit für den Arbeitsmarkt zu werden. Durch diese absichtlich erzeugte und verteidigte Unabhängigkeit geraten Ultras in den Blick des Staates, der sich und seinen Way of Life in der Gesellschaft auf jeder Ebene reproduzieren und gegen solche Entwicklungen absichern muss.

In anderen Ländern sind Ultras sogar noch deutlich weiter gegangen, so zum Beispiel im Rahmen des »arabischen Frühlings« in Ägypten, als sich eigentlich verfeindete Gruppierungen zusammenschlossen, um gemeinsam für eine andere Gesellschaft auf die Straße zu gehen. In der Türkei zeigte sich dieser freiheitssuchende Wille noch deutlicher, als während der Gezi-Proteste 2013 der zivilgesellschaftliche Protest erst von der Istanbuler Polizei mit brutaler Gewalt zusammengeschlagen wurde und sich daraufhin Ultra-Gruppierungen der drei größten Vereine Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray zusammentaten und die Demonstrationen gegen die Rodung eines Stadtparkes und gegen den autoritären Herrscher Recep Tayyip Erdogan anführten. »Schulter an Schulter gegen Faschismus« skandierten sie auf den Straßen Instanbuls und zeigen damit auch deutschen Ultras auf, wie weit man sich über den Tellerrand des Fußballs beugen kann und muss.

Wer verstehen will, warum Fußballfans und besonders Ultra-Gruppierungen immer wieder Opfer von Polizeigewalt und Repressionen werden, kann und sollte sich bei der linken Analyse der Institution Polizei bedienen. Nur wer die Verhältnisse versteht, kann sie auch ändern. Damit es nicht nur bei der Symptomlinderung bleibt, sondern Herrschaft konkret sichtbar und dadurch angreifbarer wird.

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