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Aus: Ausgabe vom 13.09.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die eigene Handschrift

»Botschaften aus Nimmerland«: Eine Anthologie der Werke des chilenischen Dichters Jorge Teillier erstmalig in deutscher Übertragung
Von Michael Mäde
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»Wer wird uns die toten Freunde zurückbringen« – »Mapuche Beerdigung«, Bild (circa 1871) von John George Wood (1827–1889)

Von Jorge Teillier sind in Deutschland bisher nur einzelne Texte erschienen. Dass Teillier neben Pablo Neruda, Pablo de Rokha, Gabriela Mistral, Nicanor Parra und Gonzalo Rojas zu den bedeutendsten chilenischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts gehört, dürfte hierzulande weitgehend unbekannt sein.

Den Dichter und sein Werk bringt uns die Edition Schwarzdruck in einem schön ausgestatteten Hardcoverband nahe. Es ist der dritte hochkarätige, zweisprachige Band nach »Atemübung« von Gonzalo Rojas und »Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier« von Pablo de Rokha, den der Verlag nun vorlegt, unterstützt durch das Förderprogramm für die Übersetzung chilenischer Werke im Ausland der Kulturabteilung des Außenministeriums der Republik Chile (DIRAC) und mit weiterer Unterstützung der Teillier-Stiftung. Auf 212 Seiten gewährt der Band Einblick in das lyrische Schaffen von Jorge Teillier aus den Jahren 1956 bis 1996.

Die erneut von dem Bremer Hispanisten, Herausgeber und Übersetzer Rainer Kornberger übertragenen Texte zeigen eine sehr eigene, melancholische, dichterische Handschrift. Sie beschwören Bilder einer Kindheit in der rauen chilenischen Landschaft, in der auch die Mapuche siedelten und um ihre Identität kämpften. Das scheinbar verlorene Paradies der Kindheit lebt im Gedächtnis des Dichters, in seinen lyrischen Bildern. Der Dichter wird gleichsam zum Hüter dieses Mythos. In einem Kommentar zu seinem Werk erläutert Teillier den Kern seiner Dichtung: »Das Wichtigste in der Dichtung ist für mich nicht der rein ästhetische Aspekt, sondern Dichtung als Erschaffung des Mythos sowie eines Raums und einer Zeit, die das Alltägliche transzendieren unter häufiger Benutzung des Alltäglichen.« Dabei entstehen Texte, die auf Reim und strenges Metrum verzichten, sich allerdings unglaublich lebendiger, einfacher Sprachbilder bedienen.

Die Texte des Dichters sind nicht vordergründig politisch, aber sie weisen schon auf den Widerspruch zwischen der heilen Welt der Kindheit und dem Leben in den modernen kapitalistischen Metropolen der Gegenwart hin. Teillier litt offenbar darunter, dass es ihm nicht möglich war, politisch engagierte Texte zu verfassen. Dabei war seine Sympathie für Salvador Allende und die Unidad Popolar ganz zweifelsfrei. Teillier schreibt über sein Dilemma: »Ich kann so nicht schreiben, obwohl ich es sollte. Oft habe ich den Widerspruch empfunden und mir gesagt: Wenn ich schon die Waffe des Schreibens habe, warum setze ich sie nicht ein, um Dinge zu verurteilen, die mich stören, wie soziale Ungerechtigkeit, die brutalen Verhältnisse, die Herrschaft der Macht über die Vernunft? Aber es gelingt mir einfach nicht, ich kann mich nicht zwingen. Es wäre künstlich.«

Teilliers Vater war engagiertes Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles. Nach dem faschistischen Putsch am 11. September 1973 ging er ins Exil. Jorge Teillier blieb im Land und zog sich weitgehend aus dem nun von den Militärs kontrollierten Kulturbetrieb zurück. In dieser Zeit entstanden erstmals explizit politische Texte. So unter anderem »Der Wind der Irren« und das Gedicht »Im Monat der Füchse«, in dem Teillier apokalyptische Bilder für den Beginn der Militärdiktatur findet: »Wer wird uns die toten Freunde zurückbringen / in diesem Monat der Füchse und der kalten Sonnentage / nachdem die Alten ihre Spiele im Brunnen vergaßen / und ihre Messer in die Gurgeln / der Vögel stießen, die, die das Fenster entdeckt hatten, durch welches die Nacht nicht eindringt. (…) Gewaltig war unser Fall / beim Spott der Füchse und der kalten Sonne / geblendet noch von den großen weißen Brüsten der Hexen. / Schlaflos hörten wir das Knirschen des Galgens / Freund Grille wird unsere Gräber nicht hüten.«

Jorge Teillier zog aufs Land. Eine alte Mühle wurde sein Wohnsitz. Er gab sich mehr und mehr dem Alkohol hin. Sein Motto, lieber am Wein als am Überdruss zu sterben, wurde so Zug um Zug Realität. Jorge Teillier starb am 22. April 1996 im Alter von 60 Jahren.

Jorge Teillier: Botschaften aus Nimmerland. Gedichte 1956 bis 1996.Herausgegeben, eingeleitet, aus dem chilenischen Spanisch übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Reiner Kornberger. Ausgabe in Deutsch und Spanisch. Edition Schwarzdruck, Gransee 2021, 212 Seiten, 25 Euro

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