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Aus: Ausgabe vom 13.09.2022, Seite 1 / Titel
Kiews Gegenoffensive

Kein Strom in Charkiw

Russland legt mehrere Kraftwerke im Osten der Ukraine lahm. Infrastruktur als Ziel oder Vorbeugung gegen neue ukrainische Offensive?
Von Reinhard Lauterbach
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Zielgenau zerstört: Von russischer Rakete getroffenes Wärmekraftwerk in Charkiw (11.9.2022)

Russland hat am Sonntag abend mindestens drei Kraftwerke im Osten der Ukraine lahmgelegt. Ohne Strom war für mehrere Stunden insbesondere die Millionenstadt Charkiw, aus deren Umgebung die russischen Truppen sich zuvor hatten zurückziehen müssen. Ein weiterer Angriff traf ein Kraftwerk in Pawlograd östlich von Dnipro. Am Montag nachmittag teilte der Bürgermeister von Charkiw mit, dass die Strom- und Wasserversorgung erneut unterbrochen sei. »Die Lage der letzten Nacht wird wiederholt«, so Igor Terechow. Als Grund nannte er russischen Beschuss. Ukrainische Medien schrieben, die großflächigen Stromausfälle seien die ersten seit dem Beginn des Krieges gewesen. In Russland wurde spekuliert, ob der Schlag gegen die Stromversorgung dem Ziel gegolten habe, die ukrainische Eisenbahn an der Verlegung von Truppen an die Donbass-Front zu hindern. Aus diesem Abschnitt meldet die russische Armee ukrainische Vorbereitungen zu einem Angriff nahe der Stadt Wuhledar südwestlich von Donezk. Von dort sind es nur etwa 80 Kilometer nach Mariupol.

Mit der Notwendigkeit, eine hier befürchtete ukrainische Offensive abzuweisen, begründeten russische Medien auch die faktische Räumung des Bezirks Charkiw durch die russischen Streitkräfte. Ein Kommentator des Portals iz.ru sprach von der Erfordernis, »Prioritäten zu setzen und die Truppen dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht würden«. Das scheint demnach zuvor nicht der Fall gewesen zu sein. Die russische Verteidigungslinie stütze sich jetzt auf den Fluss Oskol. Der Rückzug der letzten Tage hat sich offenbar teilweise chaotisch gestaltet. Von ukrainischer Seite verbreitete Bilder zeigen viele zurückgelassene russische Fahrzeuge und Panzer. Allerdings hat offenbar auch die ukrainische Armee hohe Verluste gehabt. Russland sprach von 4.000 Toten und 8.000 Verwundeten des Gegners; überprüfbar ist diese Angabe nicht.

Unterdessen berichtete die New York Times am Sonnabend, die jüngste ukrainische Offensive sei gemeinsam von der Ukraine und den USA vorbereitet worden. Die US-Armee habe Kiew mit umfangreichen Aufklärungsdaten versorgt und auch an der psychologischen Vorbereitung des Angriffs mitgewirkt. Die ukrainischen Ankündigungen eines Angriffs im Süden des Landes seien eine gezielte Desinformationskampagne gewesen, um Russland zur Verstärkung seiner Truppen an diesem Frontabschnitt auf Kosten der Region Charkiw zu verleiten. In der Anwendung solcher Kriegslisten hätten US-Spezialkräfte seit 2014 ukrainische Militärs trainiert.

Beide kriegführenden Seiten sehen derzeit keinen Anlass, in Friedensverhandlungen einzutreten. Wolodimir Selenskij und sein Verteidigungsminister Olexij Resnikow sagten am Wochenende, zuvor müsse sich Russland vollständig aus der Ukraine zurückziehen und auch die »Volksrepubliken« Donezk und Lugansk aufgeben. Eine Rückkehr auf die Linien vom 23. Februar sei für die Ukraine kein Thema mehr, sagte Resnikow. Die Parole laute jetzt: Rückzug auf die Grenzen von 1991. Auf russischer Seite erklärten Außenminister Sergej Lawrow und Präsidentensprecher Dmitri Peskow, Russland sei nicht gegen Verhandlungen, aber derzeit fehlten die Voraussetzungen dafür. Peskow lehnte es ab, noch weitergehende Forderungen des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, zu kommentieren. Dieser hatte auf seinem Telegram-Kanal eine »bedingungslose Kapitulation der Ukraine zu Russlands Bedingungen« verlangt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (13. September 2022 um 14:56 Uhr)
    Um »… Dmitri Medwedew, zu kommentieren. Dieser hatte auf seinem Telegram-Kanal eine ›bedingungslose Kapitulation der Ukraine zu Russlands Bedingungen‹ verlangt.« Nichts weniger sollte für die RF akzeptabel sein. Warum hier von Spitzenleuten aus Moskau öffentlich ein Dissenz kommuniziert wird, ist eine der vielen Merkwürdigkeiten russischer Politik. Russland hat diesen militärischen Weg ja nicht aus Langeweile gewählt. Die Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung muss hier nicht nochmals aufgeschrieben werden. Jeder politisch Interessierte kennt sie und muss sie berücksichtigen. Nur die deutsche Regierung mit ihrer oliv-grünen Dominanz gibt hier den ignoranten US-Lakaien und duckt sich aus ideologischen Gründen um die Gründe dieses Konfliktes herum. Russland muss jetzt die Zügel anziehen und verständliche Zurückhaltung aufgeben. Wer nicht hören will, muss fühlen.
  • Leserbrief von Michael Lücke aus Berlin (13. September 2022 um 14:23 Uhr)
    Die Faschisten werden zurückgeschlagen und die Linke beschönigt ihre Niederlage.
  • Leserbrief von Reinhard Sandrock aus Dresden (13. September 2022 um 12:45 Uhr)
    Was für ein Desaster für die russische Armee. »Frontbegradigung« ist und war ein Synonym für einen chaotischen Rückzug und das Eingeständnis von Niederlagen. Das Trauma der ersten Monate seit dem Juni 1941 scheint sich wohl zu wiederholen oder das Afghanistan-Abenteuer 1979 bis 1989. Zu mehr als zivile Infrastruktur zu zerkloppen, ist die russische Armee wohl nicht mehr in der Lage. Traurig für eine einst so stolze Armee. In einem militärischen Konflikt ist halt nicht nur die materielle, sondern vor allem die moralische Überlegenheit entscheidend. In Russlands Armee scheint beides nicht mehr weit her zu sein.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (13. September 2022 um 10:29 Uhr)
    Russlands hatte und hat erstrangig nicht mit der Ukraine ein Konflikt, sondern generell mit der Osterweiterung der NATO. Darum ist Russlands Verhandlungspartei allein der NATO-Oberbefehlshaber, der US-Präsident. Er hat aber in Genf eindeutig eine diplomatische Lösung abgelehnt. Erst danach erfolgte der russische Einmarsch. Obwohl Russland bisher um die 20 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzte, blieb die NATO-Strategie weiterhin: Sieg der Ukraine durch Waffenlieferungen. Zwar kämpft die Ukraine als Vorbote der NATO tapfer, jedoch chancenlos gegen eine russische Übermacht. Ob dieser Kurs weiterhin beibehalten wird, kann der Ausgang bei den Senatswahlen am 8. November 2022 entscheiden. Wenn die Demokraten verlieren, ist Biden für seine Restzeit eine lahme Ente und muss höchstwahrscheinlich seine Außenpolitik ändern müssen. Die USA haben mehr als genug Probleme zu Hause zu lösen, statt Geld ohne Ende und ohne Erfolg in der Ukraine zu verplempern. Wenn das nicht geschieht, dann wird der »Waffenkonflikt« bis zum nächsten Präsident der USA dauern. Wann und was für einen Frieden in der Ukraine geschieht, können nur die USA mit Russland am Verhandlungstisch entscheiden. Die schwache EU spielt dabei auch nur eine Opferrolle.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (13. September 2022 um 08:29 Uhr)
    Das Vorgehen der Militärs auf seiten der RF und deren Führung scheint mir weiterhin konsistent, d. h. taktischen Notwendigkeiten zum Trotz hat die RF genügend Eskalationspotential, hat mitnichten das Pulver verschossen. Jetzt beginnt die Entvölkerung der Kampfzone wie schon bei uns im 30jährigen Krieg. RF hat mehrere zigtausend Leute mitnehmen können. Charkiw zu evakuieren ist eine andere Sache, das würde wohl die gesamten Kapazitäten des Westens überfordern, also was passiert jetzt? Spannend.

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