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Aus: Ausgabe vom 12.09.2022, Seite 16 / Sport
Tennis

Abschied von gestern

So waren die 142. US Open: Karriereende von Serena Williams, mit Iga Swiatek eine dominante Nummer eins und im Herrentennis die Suche nach Zukunft
Von Gabriel Kuhn
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Könnte bald die Weltherrschaft übernehmen: Marathonmann Carlos Alcaraz

Am Sonntag gingen die 142. US Open zu Ende, das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres. Begonnen hatten sie mit einem Abschied, der sich verzögerte. Serena Williams hatte angekündigt, dass das Turnier in New York das letzte in ihrer langen Karriere sein würde. Insgesamt führte Williams die WTA-Weltrangliste 319 Wochen lang an und verbuchte 23 Grand-Slam-Titel für sich. Der 24., der sie auf eine Stufe mit der australischen Rekordhalterin Margaret Court gestellt hätte, blieb ihr verwehrt. Ihr letzter Majortitel waren die Australian Open 2017. Dann folgte die Babypause. Als junge Mutter stand sie noch viermal im Finale eines Majors (2018/19 jeweils in Wimbledon und bei den US Open). Ihre bitterste Niederlage dürfte das Halbfinale der US Open 2015 gegen Roberta Vinci gewesen sein. Williams hatte damals die einmalige Chance auf einen lupenreinen Jahres-Grand-Slam. New York war auch der Ort ihrer unrühmlichsten Auftritte: Im Halbfinale 2009 im Halbfinale gegen Kim Clijsters wurde sie wegen der physischen Bedrohung einer Linienrichterin disqualifiziert. Auch die verlorenen Endspiele 2011 gegen Samantha Stosur und 2018 gegen Naomi Osaka verliefen nicht ohne skandalträchtige Ausbrüche. Wenigstens gilt Williams als die bestverdienende Sportlerin aller Zeiten. Auch damit kann man sich trösten.

Williams hat in ihrer Karriere gut drei Generationen Damentennis dominiert (2002/3, 2005–2010 und noch einmal 2012–2017). In dieser Saison hatte Williams vor den US Open ein einziges Match auf der WTA-Tour gewonnen (ihre erste Runde in Toronto). Allerdings auch nicht besonders häufig gespielt – Matchbilanz: 1:3. Ihr letzter Titel war Anfang 2020 das WTA 250 in Auckland gegen die diesjährige US-Open-Viertelfinalistin Jessica Pegula. In New York kämpfte Williams sich bei ihrem letzten Turnier überraschenderweise doch in die dritte Runde vor, unter anderem nach einem Sieg über die an Nummer zwei gesetzte Estin Anett Kontaveit. In Runde drei war jedoch nach einer Dreisatzniederlage gegen die Australierin Ajla Tomljanovic Schluss. Das Ende war mediengerecht inszeniert, Huldigungen, Tränen, Schwanensee, alles dabei. Williams wird der Öffentlichkeit erhalten bleiben.

In Williams’ Schatten scheiterten die Sensationsfinalistinnen des Vorjahres noch früher. Die britische Titelverteidigerin Emma Raducanu verlor gleich in Runde eins gegen die Französin Alizé Cornet und steht in der Weltranliste nun nur noch auf Platz 83, die Kanadierin Leylah Fernandez in Runde zwei gegen die Russin Ljudmila Samsonowa, die im direkten Vorfeld die 250er in Washington und Cleveland gewonnen hatte.

Ihre momentane Vormachtstellung in Damentennis untermauerte die 21jährige Weltranglistenerste Iga Swiatek. Die Polin gewann nach den Titeln bei den French Open 2020 und 2022 ihr drittes Grand-Slam-Turnier. Sie ist übrigens die erste an eins gesetzte US-Open-Siegerin seit … Serena Williams 2014. Im Finale besiegte Swiatek die Tunesierin Ons Jabeur, die bereits Anfang Juli in Wimbledon eine Finalniederlage gegen die für Kasachstan antretende Jelena Rybakina hinnehmen musste und weiter auf ihren ersten Grand-Slam-Titel wartet. Jabeur hatte im Halbfinale überraschend klar gegen die zuletzt groß aufspielende Französin Caroline Garcia gewonnen. Swiatek gab im Laufe des Turniers nur zwei Sätze ab, einen davon im Achtelfinale gegen die Dortmunderin Jule Niemeier, die in Wimbledon sogar ins Viertelfinale vorgedrungen war. Für die sensationelle Wimbledon-Semifinalistin Tatjana Maria aus Bad Saulgau war in New York gegen die an Nummer drei gesetzte Griechin Maria Sakkari in der ersten Runde Schluss.

Bei den Herren läuteten die diesjährigen US Open die Ära nach den »großen Drei« so richtig ein. Vom 41jährigen Roger Federer hat man auf der Tour schon lange nichts mehr gesehen, der 35jährige Novak Djokovic lehnt eine Covidimpfung beharrlich ab und war in New York nicht zugegen, und der verletzungsgeplagte 36jährige Rafael Nadal hatte sich im Laufe des Turniers nicht nur beinah die Nase gebrochen, sondern verlor im Achtelfinale gegen den neuen Helden des US-Publikums Frances Tiafoe. Die Eltern des 24jährigen waren aus Sierra Leone in die USA eingewandert, sein Vater arbeitete als Hausmeister in einer Tennisjugendakademie. Eine »Aschenputtel-Geschichte«, wie Tiafoe selbst sagt, die in den USA gut ankommt. Nach dem Sieg gegen Nadal drang Tiafoe, dem es nicht an Showmanshipqualitäten mangelt, bis ins Halbfinale vor. Dort war nach einem packenden Fünfsatzmatch gegen den erst 19jährigen Spanier Carlos Alcaraz Endstation.

Geschenkt wurde Alcaraz auf dem Weg ins Finale nichts. Insgesamt dreimal musste er über fünf Sätze gehen, im Viertelfinale gegen den 21jährigen Italiener Jannik Sinner sogar einen Matchball abwehren. Das Duell mit Sinner wurde von nicht wenigen als »Match des Jahres« bezeichnet. Die Rivalität zwischen den beiden wird die kommenden Jahre das Herrentennis prägen. Im Moment steht es im direkten Vergleich auf der ATP-Tour 2:2.

Die kommenden Jahre des Herrentennis werden sich wohl ausgeglichener gestalten als die vergangenen 18, in denen Federer, Djokovic und Nadal 62 von 74 möglichen Grand-Slam-Titeln unter sich aufteilten. Die Ausgangslage vor den diesjährigen US Open war ein deutliches Indiz. Nicht weniger als fünf Spieler konkurrierten um Platz eins in der Weltrangliste. Als erster verabschiedete sich der Grieche Stefanos Tsitsipas aus dem Rennen, als er bereits in Runde eins am Qualifikanten Daniel Galán aus Kolumbien scheiterte. Der russische Titelverteidiger Daniil Medwedew vergab seine Chancen auf die Verteidigung der Nummer eins mit einer Achtelfinalniederlage gegen den Australier Nick Kyrgios. Kyrgios, der bereits in Wimbledon ins Finale vorgedrungen war, betrachtete den Rest des Turniers offenbar als Selbstläufer und verlor im Viertelfinale überraschend gegen den Russen Karen Chatschanow. Als Chatschanow dann seinerseits im Halbfinale gegen den Norweger Casper Ruud verlor, waren auch Rafael Nadals rechnerische Chancen auf die Nummer eins dahin. Mit Alcaraz' Sieg über Tiafoe war klar, dass die neue Nummer eins in der ATP-Rangliste in der Nacht auf Montag mitteleuropäischer Zeit (nach Redaktionsschluss) im direkten Duell zwischen Ruud und Alcaraz ermittelt wird. Alcaraz wird das Publikum hinter sich haben. Ruud kann auf solide Grundschläge zählen, doch spektakulär ist sein Spiel nicht. Nick Kyrgios meinte einst, er würde lieber Malerfarbe beim Trocknen zusehen als Casper Ruud beim Tennisspielen. Jucken wird das Ruud wenig, vor allem dann nicht, wenn er nach dem US-Open-Finale tatsächlich als erster Norweger die Spitze der Weltrangliste übernehmen sollte.

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