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Aus: Ausgabe vom 12.09.2022, Seite 6 / Ausland
Free Mumia!

Beachtliche Sammlung

Geschichte der Masseninhaftierungen: Archiv von Mumia Abu-Jamal von US-Uni veröffentlicht. Grundstock für Forschungsinitiative
Von Jürgen Heiser
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Freiheit für Mumia Abu-Jamal: Demonstration in Philadelphia (28.12.2018)

»Wir wissen, dass Mumia frei sein wird, aber wir wollen seine Freilassung so lange wie möglich hinauszögern«: Diese Äußerung über den politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal stammt von Maureen Faulkner, der Witwe des Polizisten Daniel Faulkner, für dessen Tod der frühere Black Panther ohne jeden Tatbeweis 1982 zum Tode verurteilt wurde. Das Zitat ist laut Prison Radio von einer Versammlung der rechten Polizeibruderschaft FOP in Philadelphia überliefert.

Für Faulkner und die FOP war es 2011 ein schwerer Schlag, als ein US-Bundesgericht das über Abu-Jamal verhängte Todesurteil in Teilen als »rechtswidrig« bewertete und es dehalb in lebenslange Haft umwandelte. Seitdem führt die FOP ihre jahrelange Hetzkampagne gegen den Journalisten gnadenlos weiter.

Zuletzt wetterte die zur Galionsfigur der FOP gemachte Polizistenwitwe Ende August im rechten TV-Sender Fox gegen die Brown University. Der Grund: Die in Providence (Rhode Island) ansässige Hochschule hat das persönliche Archiv Abu-Jamals in den historischen Bestand ihrer »John Hay Library« (JHL) aufgenommen und es zum Grundstock der neuen Forschungsinitiative »Stimmen der Masseninhaftierung in den Vereinigten Staaten« gemacht.

In einem Liveinterview mit dem US-Onlineprojekt Black Power Media erklärte Abu-Jamal am 6. September, das Ansinnen der Uni sei für ihn selbst eine Überraschung gewesen. Er habe sich aber damit einverstanden erklärt, weil es »der Beginn ihrer Forschung über Masseninhaftierungen« ist. Da deren Ausmaß seit den 1990er Jahren immer weiter zunehme, »dürfte das eine beachtliche Sammlung werden«, so Abu-Jamal, denn in den USA säßen »Millionen von Menschen in Gefängnissen, mehr als irgendwo sonst auf der Welt«.

Das Archiv des Journalisten, mehr als 40 Kartons aus vier Jahrzehnten Knast, wird nun Teil der Sammlung über »die Lebenserfahrungen von Inhaftierten sowie von Personen, die vom US-Gefängnissystem betroffen sind«, wie die JHL erklärt. Auf Druck der Gefängnisbehörde musste Abu-Jamal seine »persönliche Habe« im Lauf der Jahre an eine Vertrauenspersonen übergeben, die sie für ihn sicher verwahrte. Es sind Briefe, juristische Schriftsätze, Solidaritätspost aus aller Welt und sein über die Jahre gewachsener Buchbestand, denn er darf nur wenige Bücher in seiner Zelle haben. Auch zahlreiche Notizbücher, Tausende von ihm verfasste Kolumnen und Artikel, Manuskripte seiner Bücher sowie Zeitungen und Zirkulare der Black Panther Party gehören dazu.

Der für ein Universitätsarchiv normale Vorgang, den Vorlass des weltweit bekannten Bürgerrechtlers zu übernehmen, war der New York Times (NYT) wichtig genug, sich am 24. August in einem ausführlichen Artikel mit Abu-Jamal als dem »Gesicht der Antitodesstrafenbewegung und als weithin publiziertem Kommentator des Gefängnissystems« zu befassen. Die Archivarin Mary Murphy nannte Abu-Jamals Dokumente »einzigartig«. Es sei »die größte und einzige Sammlung einer Person, die noch inhaftiert ist«. Ihr Team habe in US-Bibliotheken nur etwa 25 Archivalien mit persönlichen Erfahrungen von Inhaftierten ausfindig machen können. Alle anderen Bestände seien »nur aus Unterlagen von Polizei- und Strafvollzugsbehörden erstellt worden«, so Murphy laut NYT. Sie rechne damit, dass der größte Teil des Abu-Jamal-Archivs in etwa einem Jahr systematisiert und öffentlich zugänglich sein wird. Das Gefängnissystem und die Erfahrungen der Inhaftierten, so die Archivarin, seien »ein gewaltiges Stück amerikanischer Geschichte«.

Nach ihrem jüngsten Besuch bei Abu-Jamal nannte Noelle Hanrahan von Prison Radio am 4. September die Initiative der Brown University eine »starke Entwicklung«. Darin spiele »Mumia eine entscheidende Rolle im Diskurs über die Abschaffung der massenhaften Sklavenarbeit hinter Gittern«. Die FOP habe zwar »geschworen, weiter gegen seine Berufungsanträge zu intervenieren«, die Würdigung seiner Person wie durch die Brown University sei dagegen die »Anerkenntnis der Forderung nach seiner sofortigen Freilassung«.

kurzelinks.de/voices

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (12. September 2022 um 11:40 Uhr)
    Lieber Jürgen Heiser, vielen Dank für Deine kontinuierliche Arbeit, den wirklich exemplarischen Fall von Mumia Abu Jamal auch hier in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und Dank auch an die jW-Redaktion, Dir diese Arbeit zu ermöglichen. Welch ein Glück im Unglück, dass davon so viel Beweismaterial archiviert werden konnte und dass es jetzt sogar eine US-amerikanische Universität gibt, die diesen Schatz zu würdigen weiß. – Ich war schon wie elektrisiert, als ich gleich zu Beginn Deines Artikels das »Gott sei Dank« überlieferte Zitat der Witwe des in den 80ern erschossenen Polizisten las. Ja, und wie Du schon sagst, es ist sehr selten, wenn nicht einmalig, dass einer von den vielen zu Unrecht verurteilten und praktisch lebenslang gefangengehaltenen in den USA so viel, das System entlarvendes schriftliches, von seinen Unterstützern gesammeltes Beweismaterial, dann doch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen kann und dass letztlich auch die New York Times nicht umhin kann, diesen Fall zu beachten und damit auch zu würdigen. – Abgesehen davon, dass damit die Hoffnung auf Mumias Freilassung wieder gerechtfertigt wird, kann es seine im Laufe der Jahre verbliebenen und neu dazu gewonnene Unterstützer ermutigen, jetzt erst recht »am Ball zu bleiben«. Darüber hinaus beweist Dein Artikel, dass nicht nur die Coronapandemie oder der jetzige Ukraine-Krieg mit all seinen wirtschaftlichen Verwerfungen ein Schlaglicht auf unser gesamtes sozialdarwinistisches, auf das Recht des Stärkeren und auf Profit ausgerichtetes System wirft, sondern, dass ein einziger tapferer und ehrlicher Mensch, der des Lesens und Schreiben mächtig ist, und damit versteht zu überzeugen. – »Wer es fassen kann, der fasse es.« (N.T.) – Mit herzlichem, tief empfundem Dank Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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