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Aus: Ausgabe vom 01.09.2022, Seite 12 / Thema
Nachruf

Der Verschlimmbesserer

Er war mehr als ein Pechvogel, auch wenn ein bewusster Verrat nicht erwiesen ist. In ihm spiegelt sich der Bankrott einer Partei, die nicht mehr wusste, was sie wollte. Zum Tode von Michail Gorbatschow
Von Reinhard Lauterbach
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Bankrotteur und Totengräber: Michail Gorbatschow, geboren am 2. März 1931, gestorben am 30. August 2022

Für den Zerfall und schließlich den Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es eine Vielzahl von Gründen. Im Detail haben viele diese Gründe als Probleme der Sowjetunion wahrgenommen, aber auch ihre professionellen Feinde haben nicht damit gerechnet, dass sie in so kurzem zeitlichem Abstand akut werden und sich in ihren Effekten gegenseitig verstärken würden. Wollen wir das Wirken Michail Gorbatschows, des letzten Generalsekretärs der KPdSU, nachrufend würdigen, ist es hilfreich, diese Probleme zunächst zu sortieren: in objektiv/strukturelle, subjektive und zufällige.¹

Objektive Niedergangsgründe

Fangen wir mit den objektiven an, also jenen, mit denen sich jeder neue Generalsekretär hätte auseinandersetzen müssen. Vor allem ist hier der Rüstungswettlauf mit dem kollektiven Westen zu nennen, der die Leistungskraft der sowjetischen Volkswirtschaft langfristig überforderte. Offiziell wies der Haushalt des Landes etwa 25 Prozent an Ausgaben mit Bezug auf Militär und Rüstung aus, nach einigen Schätzungen soll er tatsächlich bis zu 40 Prozent erreicht haben. Diese Überlastung der Volkswirtschaft mit Militärausgaben zog das zweite Strukturproblem zwangsläufig nach sich: die Innovationsschwäche. Denn wenn die besten Köpfe des Landes damit beschäftigt waren, neue Raketen zu entwickeln, konnten sie sich zwangsläufig nicht mit der Modernisierung im zivilen Bereich befassen. Die Innovations- und daraus hervorgehende Wachstumsschwäche der sowjetischen Volkswirtschaft im Verbund mit einer nach wie vor insbesondere in den asiatischen Landesteilen rasch wachsenden Bevölkerung untergrub schließlich langfristig das Potential für die sozialen Transferleistungen an die wirtschaftlich schwächeren Landesteile, wie sie das sowjetische Entwicklungsmodell kennzeichneten: es sollte ja gerade kein Kolonialismus herkömmlicher Art sein und war es auch nicht. Praktisch gesagt: Die stattfindenden und mit dem sozialistischen Anspruch des Landes begründeten Transfers waren den Empfängerrepubliken immer zu wenig und den Geberrepubliken immer zuviel. Das bot die Grundlage für wachsende Spannungen, die von entsprechenden Ideologen und »Volksfront«-Bewegungen national aufgeladen wurden und dazu führten, dass sich in der Endphase der UdSSR jeder von jedem betrogen und/oder historisch gekränkt fühlte.

Auf dieser Grundlage wurden Entwicklungen, die man landläufig als Pech bezeichnen würde, tendenziell ebenfalls zu Systemfragen. Hier sind vor allem zwei Ereignisse zu nennen, die in die Amtszeit Michail Gorbatschows fielen: das AKW-Unglück in Tschernobyl am 26. April 1986 und das Erdbeben in Armenien am 7. Dezember 1988. Für keines der beiden trug Gorbatschow im direkten Sinne eine Verantwortung, und bei beiden zeigte sich, dass er ihrem Management nicht gewachsen war.

Betrachten wir es am Beispiel der Katastrophe von Tschernobyl genauer. Heute ist es Stand der Diskussion, dass der Super-GAU ausgelöst wurde durch eine Verbindung von mehreren Faktoren: vor allem der Wahl eines Hochrisikoreaktortyps (RBMK), die wahrscheinlich aus militärischen Erwägungen erfolgte, weil er mit relativ geringen Kosten und Stillstandszeiten die Gewinnung des Bombenrohstoffs Plutonium erlaubte – hierfür spricht, dass dieser Reaktortyp von der UdSSR nie exportiert worden ist, sondern nur noch ein weiteres Mal verbaut worden war: im etwas früher entstanden AKW Ignalina in Litauen, wo wenige Jahre zuvor eine ähnliche Katastrophe nur knapp hatte vermieden werden können. Konsequenzen daraus wurden nicht gezogen. Hinzu kam erheblicher Pfusch am Bau, der aufgrund von inzwischen veröffentlichten KGB-Akten aus ukrainischen Archiven rekonstruiert werden kann², Arbeitskräftemangel, der zur Beschäftigung von wenig qualifizierten Kräften führte, und extreme Leichtfertigkeit der Kraftwerksleitung, die ein planmäßiges Herunterfahren des Reaktors zu Wartungszwecken für Experimente entgegen allen auch in Tschernobyl bestehenden Sicherheitsregeln nutzte. Dass dies mit tragischen Folgen schiefging, hatte Gorbatschow nicht zu verantworten, die meisten Entscheidungen waren lange vor seiner Zeit an der Parteispitze gefallen, und man kann ihm sogar abnehmen, dass er als gelernter Jurist und Agrarexperte, der er im Zuge seiner Parteikarriere geworden war, keine Ahnung von AKW-Technik hatte.

Langfristig folgenreich war unabhängig von Gorbatschows persönlichem Handeln aber auf der wirtschaftlichen Seite, dass der letzte Fünfjahrplan bereits im ersten Jahr seiner Geltung durch den Megastörfall von Tschernobyl zur Makulatur geworden war, und auf der politischen, dass das Image der Partei als im großen und ganzen fürsorglicher und um das Wohlergehen der Menschen kämpfender Instanz einen Schlag bekam, von dem sie sich nicht mehr erholte.

Subjektive Faktoren

Beide Effekte wurden durch Gorbatschows persönliches Handeln verstärkt. Dass er sich zunächst zurückhielt und die Leitung der Rettungs- und Sanierungsarbeiten seinem Regierungschef Nikolai Ryschkow und dessen technisch gebildeten Fachleuten überließ, war sicherlich auf der praktischen Ebene vernünftig; aber dass er einen Monat danach die gesammelte nukleartechnische Elite des Landes zur Sau machte, ihn nicht gewarnt zu haben, zeigt – einer der subjektiven Faktoren – eine Reaktion auf Fehlschläge, die für Gorbatschow typisch war: mit – übrigens falschen – Anschuldigungen Sündenböcke aufzubauen, um Verantwortung von sich zu schieben. Falsch waren die Anschuldigungen, weil die Bedenken eines Teils der sowjetischen Wissenschaftler gegen die Einführung des RBMK-Reaktors in den Akten dokumentiert waren – aber das Aktenlesen war nach den Erinnerungen vieler seiner Berater nicht Gorbatschows Stärke. Eher neigte er zum Phrasendreschen und dazu, sich für sein »Geschwätz von gestern« nur wenig zu interessieren.

Einiges spricht übrigens dafür, dass aus derselben Situation heraus auch Gorbatschows Entscheidung entstanden ist, mit der Parole der Glasnost das alltägliche Meckern der Bevölkerung zur politischen Grundtugend zu machen. Zumindest kam diese Losung ebenfalls im Frühjahr 1986 auf, ungefähr zur selben Zeit wie das Reaktorunglück von Tschernobyl. Denn völlig unabhängig von ihm war deutlich geworden, dass Gorbatschows erste Wirtschaftskampagne zur »Beschleunigung« (Uskorenie) von allem und jedem, vor allem dem Investitionstempo, genauso versandete wie viele andere Kampagnen zuvor. Auch hier wurden Schuldige gesucht: Saboteure auf der mittleren Parteiebene, die die guten Absichten der obersten Führung aus mehr oder minder eigennützigen Interessen hintertrieben hätten. Gegen diese »Bremser« wollte Gorbatschow den »gerechten Unmut der Werktätigen« mobilisieren, und das ging heftig nach hinten los.

Nicht, dass es diese eigennützigen Interessen, die die Vorgaben der Planung in der Praxis untergruben, in der Sowjetunion nicht vielfach gegeben hätte. Sie waren Teil des Problems, an dessen Lösung nicht erst Gorbatschow verzweifelte, sondern auch schon die meisten seiner Vorgänger: Eigeninteressen der unmittelbaren Produzenten, von den Arbeitskollektiven an höheren Löhnen und auf Seite der Betriebsdirektoren an Prämien und Rohstoffzuweisungen, mit den Planungsdirektiven zu versöhnen und sie für diese zu nutzen. Dem Ochsen, der da drosch, sollte zwar das Maul nicht verbunden werden, aber zu sehr aufsperren sollte er es auch nicht dürfen. Dass eine Situation chronischen Materialmangels auch Korruption auf allen Ebenen des Apparats förderte, liegt auf der Hand.

Politisch wurde die Lizenzierung des Meckerns im Zuge der Glasnost für Gorbatschow zum Problem, weil sich die Unzufriedenheit der Leute mit der Versorgung – in einer Politbürositzung dieser Zeit wurde ein Brief aus der Bevölkerung mit der Frage verlesen, warum man von der Wolga nach Riga fahren müsse, um einen Karton Nägel zu ergattern – schnell ins Prinzipielle steigerte. Denn es stimmte ja: eine Partei, die für sich die führende Rolle in der Gesellschaft beanspruchte, musste sich dann schon fragen lassen, in welchem Maße sie dann nicht auch für alles verantwortlich war, was eben nicht funktionierte. War die Pandorabüchse der Kritik erst einmal geöffnet, ließ sie sich nicht mehr schließen.

Rumoren in der Partei

Das wollten sich große Teile der Parteifunktionäre nicht beliebig bieten lassen, und so bekam Gorbatschow im Frühjahr 1988 den ersten großen Krach in der Partei. Er wurde ausgelöst durch einen Text unter dem Titel »Ich kann meine Prinzipien nicht aufgeben«, der am 13. März in der Zeitung Sowjetskaja Rossija erschien, gezeichnet von der Leningrader Chemiedozentin Nina Andrejewa. Dem Inhalt nach war der Text eine Generalabrechnung mit der seit zwei Jahren lizenzierten Kritik an allem, was die Sowjetunion trotz aller Mängel erreicht hatte: vom Sieg über die Nazis bis zum Sozialismus als solchem. Der Text enthält auch unfreiwillig komische Passagen wie die Beschwerde, seit dem Nachlassen der öffentlichen Kontrolle wollten die Studierenden nur noch über Sex reden und nicht mehr über Patriotismus und Planerfüllung; aber er sprach jedenfalls großen Teilen der Parteiführung aus der Seele. Als Gorbatschow wenige Tage nach dem Erscheinen von einer Reise nach Jugoslawien zurückkam, herrschte im Politbüro eine aufgekratzte Stimmung: endlich habe es mal jemand den Kritikastern gezeigt, es müsse ein Ende haben mit der Glasnost – das war die vorherrschende Stimmung.

Ob der Aufsatz Andrejewas – sie war eine real existierende Person – von Gorbatschows Stellvertreter, dem unter anderem für Ideologie und Kaderfragen verantwortlichen Jegor Ligatschow, inspiriert oder vielleicht sogar direkt verfasst worden sei, wurde damals viel spekuliert; Gorbatschow muss diesen Verdacht gehegt haben, auch wenn er nie bewiesen worden ist. Ligatschow, persönlich sicherlich ein integrer Mann, der die Lage des Landes tatsächlich verbessern wollte, war übrigens auch der Ideengeber der Anti-Alkohol-Kampagne gewesen, die Gorbatschow den Spitznamen »Mineralsekretär« einbrachte und mit der, schlimmer, die UdSSR im Namen der Bekämpfung eines realen Problems wie des Massenalkoholismus ihre Staatsfinanzen ruinierte: die Alkoholsteuer brachte etwa 25 Prozent der Einnahmen des Budgets ein, reichte also rechnerisch zur »Gegenfinanzierung« des Rüstungsetats.

Abbruchunternehmen

Das Erscheinen des Textes von Andrejewa war aber der Anfang des Bruchs von Gorbatschow mit der schweigenden Mehrheit der Partei. Er ließ Inhalt und Autorin im April 1988 in der ­Prawda durch seinen Berater Alexander Jakowlew nach allen Regeln stalinistischer Rhetorik als »parteifeindlich« und dergleichen heruntermachen; aber das änderte nichts daran, dass Gorbatschow um diese Zeit den Entschluss gefasst haben muss, seinerseits die führende Stellung der Partei, die er nach wie vor leitete, zu untergraben. Unmittelbar wohl, um die Gefahr seiner eigenen Absetzung zu bannen; es sieht im Rückblick wie eine Flucht nach vorn aus.

Jedenfalls ging ab Mitte 1988, also grob gesagt zur Halbzeit von Gorbatschows Amtszeit, der ursprünglich geforderte Aufbruch in eine Modernisierung der UdSSR in den Abbruch eines ihrer Strukturelemente nach dem anderen über. Es begann mit der Aufhebung des Machtmonopols der Partei nach Artikel 6 der Verfassung und der Einführung eines aus direkten Wahlen erwachsenden Präsidentenamtes nach französischem und US-Vorbild, von dem Gorbatschow für sich die Legitimität erhoffte, die er der Funktion als Generalsekretär einer grummelnden und weitgehend konzeptionslosen Partei nicht mehr zutraute.

Wirtschaftspolitisch waren die späteren Jahre der Perestroika gekennzeichnet von einem Wettlauf nach unten. Immer verzweifelter suchte Gorbatschow den weltpolitischen Ausgleich mit den USA und erzielte tatsächlich einige Erfolge bei der Rüstungskontrolle, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts von den USA Schritt für Schritt wieder in Frage gestellt wurden. Aber der ­parallel und immer schneller verlaufende Verfall der sowjetischen Wirtschaft erlaubte ihm nicht mehr, die »Friedensdividende« für die Entwicklung des Landes nutzbar zu machen. Die Einführung von immer mehr »marktwirtschaftlichen« Elementen, verkürzt verstanden als Freiheit der Betriebe zu Preiserhöhungen, zerrüttete die produktiven Zusammenhänge, die die Planwirtschaft wie mangelhaft auch immer hergestellt hatte, und sorgte für eine Versorgungskrise, die außerhalb von Kriegszeiten noch nie vorgekommen war.

Die Aufgabe des politischen Vorfelds der Sowjet­union in Osteuropa, die Gorbatschow im Westen vor allem zugutegehalten wird, passte aus innersowjetischer Sicht zu dem Versuch der von der Krise getriebenen Moskauer Führung, Ballast abzuwerfen. Die Erklärung Gorbatschows auf einem Treffen der Bruderparteien 1988, sie hätten das Recht, ihren eigenen Entwicklungsweg zu wählen, war im Grunde die Aufforderung, selbst zuzusehen, wie sie künftig zurande kommen würden. Denn militärisch waren die sozialistischen Länder mit der Entwicklung der Interkontinentalraketen in ihrer Bedeutung als strategisches Vorfeld relativiert, und wirtschaftlich wirkte die Notwendigkeit für die UdSSR, sich vor allem mit Energielieferungen an den Kosten der Unterhaltung des Sozialismus im befreundeten Ausland zu beteiligen, aus sowjetischer Sicht als einziger Abzug von der Möglichkeit, mit Öl und Gas im Westen »harte Valuta« zu verdienen. In den ehemals sozialistischen Ländern sind bis heute Vorstellungen darüber gängig, dass man »den Russen« vom BH bis zum Fischtrawler alles Mögliche habe unterhalb der Selbstkosten liefern müssen. Das mag durchaus so gewesen sein, die UdSSR nutzte die ungleichen »Terms of Trade« natürlich auch zu ihrem Vorteil aus. Nun aber machte sie den »Brudervölkern« die Gegenrechnung auf: jede Tonne Öl, die man ihnen für »hölzerne« Transferrubel lieferte, war eine, die man eben nicht mehr für Devisen auf dem Weltmarkt verkaufen konnte. Die letzten Jahre des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe waren nach den Berichten von Teilnehmern eine Kette von unerfreulichen Feilschereien und gegenseitigen Vorwürfen. Dass die Sowjetunion unter Gorbatschow den Abfall ihrer einstigen Bündnispartner ohne größeren Widerstand hinnahm, lag nicht daran, dass sie die nicht mehr hätte hindern können. Das hätte sie durchaus noch gekonnt. Sie wollte sie schlicht nicht mehr hindern. Aus ­sowjetischer Sicht war zum Beispiel die DDR mehr und mehr ein lästiger Bittsteller. Gleichzeitig misstraute Gorbatschow den Bemühungen der DDR-Führung unter Erich Honecker, mit der BRD zu einer »kleinen Entspannung« und einer »Koalition der Vernunft« zu kommen. Als sich deshalb 1989/90 die Möglichkeit ergab, sie der BRD für damals erhebliche DM-Milliardenbeträge zu überlassen, sah er darin den finanziellen Vorteil für sein eigenes Land und zögerte nicht lange.

Gerade unter Menschen, die dem realsozialistischen Versuch nahestanden oder -stehen, ist Gorbatschow oft vorgeworfen worden, er habe die Sowjetunion und den Sozialismus verraten. Dieser Vorwurf ist nicht nur nicht erwiesen, er erklärt auch nicht viel. Daran ändert auch nichts, dass Gorbatschow selbst mit solchen Argumenten kokettiert hat, etwa in einem Interview mit dem Spiegel von 1993. Denn das sind später gemachte Äußerungen, die genauso gut dem Wunsch entsprungen sein können, sich das eigene Scheitern nachträglich als Erfolgsweg schönzureden. Eine angebliche Rede Gorbatschows in der Türkei 1999, wo er sich offen zu seinem Ziel dieses »Verrats« bekannt haben soll, ist nicht nur nirgends im Original nachzulesen, auch die Angaben darüber, an welcher Universität er dies gesagt haben soll, weichen voneinander ab, so dass diese Überlieferung als nicht gesichert gelten muss.

Andropows Schützling

Vor allem aber dreht der Verratsvorwurf die Frage, woran die Sowjetunion gescheitert ist, ins Subjektive und trickst sich so an einer ehrlichen Antwort vorbei. Die Wahrheit ist: Gorbatschow war ursprünglich der Schützling von KGB-Chef Jurij Andropow, dem nach der Meinung vieler klügsten KPdSU-Chef nach Lenin. Andropow hat den Aufstieg Gorbatschows an die Parteispitze gefördert, er sah offensichtlich in ihm jemanden, der seine eigene Agenda – vielleicht die des KGB als Institution – realisieren konnte. Und diese Agenda muss schon zu Andropows Lebzeiten auf den gesteuerten Systemwechsel von oben hinausgelaufen sein. Dass die Gründungskohorte der späteren russischen Oligarchie aus Komsomolfunktionären bestand, die ihre Vernetzung auszunutzen verstanden, ist kein Geheimnis. Mehrere in den USA und in Großbritannien entstandene Studien weisen in erschreckender Dichte nach, wie der KGB in diese Machinationen verwickelt war.³

Andropow als Geheimdienstchef war nicht nur am besten darüber informiert, was alles nicht oder schlecht lief im Sowjetland; er war es auch, der vom kapitalistischen Systemkonkurrenten faszinierten Ökonomen und Sozialwissenschaftlern ihre akademischen Inseln sicherte, als ihre Ergebnisse zu weit von der offiziellen Erfolgspropaganda abwichen. Aus dem Fundus dieser Gruppe von Experten heraus entstand eine ganze Bibliothek von internen Memoranden für »mehr Markt«, die sich Gorbatschow vorlegen ließ, als ihn Andropow 1983 mit Planungen für eine »grundsätzliche Wirtschaftsreform« beauftragte und dazu die Creme dieser »Reformer« zu Beratern des Politbüros machte.⁴ Dass viele dieser Elaborate heute vollkommen naiv wirken, ist das eine; dass es aber Leute bis hoch in die Parteispitze gab, die solchen Hoffnungen nachhingen, ist das andere. Andropow selbst hat das Gefühl der Ratlosigkeit mit der Formulierung auf einem ZK-Plenum im Juni 1983 auf den Punkt gebracht: »Genossen, wir haben die Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten, noch nicht hinreichend studiert, (…) und wir sind nach wie vor auf wirtschaftlichem Gebiet darauf angewiesen, nach der Methode von Versuch und Irrtum zu handeln.«⁵ Es war für eine Partei, die von sich behaupten ließ, »Verstand, Ehre und Gewissen unserer Epoche« zu sein, eine glatte Bankrotterklärung. Aber sie nahm den Gang von Gorbatschows Perestroika ziemlich präzise vorweg. Sollte sie diejenigen der Zuhörer, die auf Zwischentöne achteten, auf das Kommende vorbereiten?

Gorbatschow war kein Irrläufer. Sein – sicherlich in Absprache mit Andropow entstandenes – Referat zu Lenins Geburtstag im April 1983 hatte sich schwerpunktmäßig damit befasst, wie Lenin in seinen späten Jahren Fehler der Bolschewiki eingeräumt habe. Es war also ein Abbruch mit Ansage, den Gorbatschow nur vollzog. Dass dabei das Land zerbrach, in dem die Bolschewiki ihren Sozialismusversuch unternommen hatten, war sicherlich so nicht vorgesehen gewesen. Aber eine kontrafaktische Argumentation, mit jemand anderem als Gorbatschow an der Spitze hätte dieser Zerfall aufgehalten werden können, ist Glaubenssache. Keiner der Autoren, die diese These vertreten, hatte damals die Gelegenheit, den Gegenbeweis anzutreten. Gorbatschow hat der These Wladimir Putins nie widersprochen, der Zerfall der UdSSR sei eine »geopolitische Katastrophe« gewesen. Generell hat er sich in den Jahren nach dem Amt politisch loyal gegenüber der jeweiligen Führung verhalten und nicht versucht, den Oppositionellen zu spielen. Die Expansionstendenz der NATO in Richtung Russland jedoch, die er 1990/91 aus außenpolitischer Naivität nicht voraussah und ihr deshalb auch keine rechtlichen Riegel vorschob, als er es noch gekonnt hätte, hat er in späteren Jahren als »unklug« und »provokativ« verurteilt. Über den Ukraine-Krieg äußerte er sich kurz vor seinem Tode »tief enttäuscht«. Er habe »alles zerstört, was ich als Erbe hinterlassen habe«.

Anmerkungen

1 Für eine ausführlichere und mit Quellen belegte Darstellung dieser Faktoren verweise ich auf: Reinhard Lauterbach: Das lange Sterben der Sowjetunion. Berlin 2016

2 Online unter: https://tsdea.archives.gov.ua/exhibitions_ru/chern/index_ch.php?page=ch_doc (russisch)

3 Karen Dawisha: Putin’s Kleptokracy. Who owns Russia? New York 2015; Michail Zygar: All the Kremlin's Men: Inside the Court of Vladimir Putin. New York 2017; Katherine Belton: Putin’s People. How the KGB took back Russia und then took on the West. London 2020

4 https://ru.wikipedia.org/wiki/Андропов,_Юрий_Владимирович#Генеральный_секретарь_ЦК_КПСС_и_Председатель_Президиума_Верховного_Совета

5 Aleksandr Moskvitin: My ne znaem obščestva, v kotorom živem (2019) https://stihi.ru/2019/05/12/4502 Üblicherweise wird der Satz in der von Gorbatschow überlieferten, aber nicht direkt tradierten zugespitzten Version zitiert: »Wir kennen uns nicht aus in der Gesellschaft, in der wir leben«. Der Nachsatz ist aber im Grunde noch aufschlussreicher.

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. Februar 2022 über die Lage in der Ukraine.

Der an dieser Stelle für die heutige Ausgabe angekündigte Artikel »Revolutionskrieg. In der Karawane von Alibi Dschangildin« wurde aus aktuellem Anlass geschoben und erscheint am kommenden Dienstag.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heike N. aus Berlin ( 6. September 2022 um 21:38 Uhr)
    Eine wesentliche Information von Reinhard Lauterbachs Analyse zur Rolle Gorbatschows am Untergang der UdSSR (CCCP) scheint mir in den Leserbriefen nicht ausreichend thematisiert zu werden. Gemeint ist das prinzipielle »Problem« (RL), welches als bis heute (!) unerkannter Webfehler im sozialistischen Reproduktionsprozess die sowjetische Wirtschaft und mit ihr die Gesellschaft insgesamt dem Untergang weihte. Wie um alles in der Welt konnten die »Eigeninteressen der unmittelbaren Produzenten« (RL) in einen (antagonistischen?) Widerspruch zu den »Planungsdirektiven« der Partei- und Staatsführung geraten? Ganz unerklärbar, wie es ausgerechnet im Sozialismus zu dem Bild vom »dreschenden Ochsen« (RL) kommen konnte, dem man das Maul zubindet. Ein Schiff mit einem derartigen Leck kann sich unmöglich über Wasser halten. Das Wunder ist dabei eher: Wie konnte sich das über 70 Jahre halten? Wenn bereits Jurij Andropow, was mir bis dahin nicht bekannt war (Dank an RL), als Vorgänger von Gorbatschow Zeugnis tiefster »Ratlosigkeit« (RL) über ein tragbares gesellschaftliches Konzept abgab, wenn selbst mit KGB Unterstützung »von Oben« (RL) ein »gesteuerter Systemwechsel« (RL) auf der Regierungs-»Agenda« (RL) stand (!), dann wird bei diesem niederschmetterndem Offenbarungseid eines gesellschaftlichen Reproduktionsprinzips die Subjektivität seines Bestatters zur Nebensache. Statt sich also mit Gorbatschow zu beschäftigen, könnte für heutige Sozialisten die (!) Grundfrage, welche uns die Niedergangsgeschichte der UdSSR vererbt hat, lauten: Was war der Systemfehler der UdSSR und wie könnte im zweiten Anlauf eine sozialistische Gesellschaftsformation aussehen, die sich nicht mehr als reversibel erweist? Dr. Enrico Mönke, Berlin, den 06.09.2022
  • Leserbrief von Renato Lorenz aus Berlin ( 6. September 2022 um 17:26 Uhr)
    Ein sicherlich völlig unzureichendes soziales Gesellschaftssystem aufzugeben, das immerhin in der Lage war, den schlimmsten Feind der Menschheit, den Faschismus, zu vernichten, das dem übergroßen Feind der Menschheit, den nach globaler Herrschaft strebenden US-amerikanischen Imperialismus, Schranken aufzuzeigen in der Lage war, das sein aggressives Vorgehen eindämmte, das in Abwesenheit von kapitalistischer Ausbeutung einen neuen Weg für die Menschheit suchte, dies und einiges mehr sind das historische Verdienst von Gorbatschow.
    Tatsächlich passierte es, ohne dass ein Schuss gefallen ist. Wenn auf dem Schlachtfeld eine Seite in stabil ausgebauten, aber in mangelhaften Strukturen ausgestalteten Schützengräben ausharrt, dann aber plötzlich auf Befehl des Herrschers die Stellungen dem Gegner überlässt, statt die Strukturen zu verbessern, also die Waffen niederstreckt und sich auflöst, mit dem Ergebnis, dass der Gegner auch auf dieser Seite machen kann, was er will, wird eine solche Schlacht wohl nicht zum Ruhm dieses Herrschers gereichen. Dies hat zum Ende des »Kalten Kriegs« geführt.
    Ein solcher Herrscher hat die Welt nun verlassen. »Selbst ein Engel sündigt, wenn er mit einer Versuchung, wie die Macht es ist, in Berührung kommt und niemand auf ihn achtgibt.« So wird von Valentin Falin, ehemaliger Berater von Gorbatschow, in seinen »Politischen Erinnerungen« (Droemer Knaur Verlag, 1993, S. 504) Mieczyslaw Rakowski, ein späterer polnischer Regierungschef, im Interview mit Oriana Fallaci entschuldigend zitiert, nachdem Falin feststellte: »Unkontrollierte und unbeschränkte Macht haben Gorbatschow verdorben. Politisch, moralisch, ideell.«
    Gorbatschow, als Politiker in der Nachkriegsgeschichte des Zweiten Weltkrieges emporgekommen, ist nun auch physisch Geschichte. Seine Verdienste, Taten, mehr noch Unterlassungen, die heutzutage öffentlich und medial im übrig gebliebenen Westen meist wohlwollend eingeordnet werden, sind mehr als fragwürdig. Wirklich ohne einen einzigen Schuss zwischen den weltgrößten Militärgruppierungen, die sich in Europa gegenüberstanden, ist von Gorbatschow das Verschwinden der DDR, die Auflösung des Warschauer Vertrages und der hoffentlich nur vorläufige Niedergang der Sowjetunion »gehandelt« worden. Das Hintergehen seiner Verbündeten im Ausland, auch mithilfe seines zwielichtigen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse, und die per »Glasnost-Geschwätz« (Falin) im Innern erzeugte Bindung der Umbauwilligen waren wichtige seiner Methoden, um dieses Ergebnis zustande zu bringen.
    Wesentlich hinzu kommt, dass er den Umbau der Gesellschaft als Ziel (Perestroika) versprach. Aber »jeden Sozialismus abzulehnen, um dem russischen auszuweichen (der aus dem deutschen hervorging) ist nichts anderes, als sich kastrieren zu lassen, um der Ausschweifung zu entgehen.« (so zitiert Falin den Schriftsteller Dimitrij Mereschkowskij in diesem Zusammenhang – ebenda S. 506) Es ist zu konstatieren, dass ein Umbau weder konzipiert noch in Angriff genommen worden war. Stattdessen waren die berühmten Geister gerufen worden, die man nicht mehr loswurde. Sie kamen aus dem »demokratischen« Westen und brachten schweres Unheil für die Völker der Sowjetunion und anderer Länder.
    Dieses versuchen heute Menschen wie Putin irgendwie zu mildern und auch zu beseitigen, nach den überraschend genau übereinstimmenden, von Falin umrissenen Gedanken: »Das neue System muss seine Qualität bekunden, muss zeigen, wessen Interessen es spiegelt und wem es dient; es muss beweisen, dass die jetzige Demokratie besser ist als die der Perestroika. Der Marktwirtschaft obliegt es, ohne zu schlingern, sich zurechtzufinden und mit aller Kraft zu arbeiten. Dafür sind die Voraussetzungen vorhanden, denn der Markt als solcher wird nicht bezweifelt. Diskussionen werden hauptsächlich um die Frage geführt, was für ein Markt, ein sozialer (vom Typ des schwedischen oder des deutschen) oder ein „freier“, den die Professoren aus Chicago predigen?«
    Nun kann man ja zustimmen und sich freuen, dass es so friedlich abging. Jeder Tote ist immer ein Toter zu viel. Doch wenn man von der historischen Momentaufnahme dieser Zeit den Blick erhebt und auf den Zeitraum und die globalen Ereignisse danach schaut und zudem Zukünftiges erahnt, kommt eine andere Bewertung zustande. Schüsse sind schon hinreichend in diesem Zusammenhang seitdem gefallen, nur eben zeitlich und teilweise örtlich versetzt, und sehr viel mehr, als zu befürchten war, und unabsehbar fallen sie weiter, so weit das Auge reicht. Ganze Länder sind de facto verschwunden und US-amerikanische Stiefel (oder Drohnen) kennen keine Hindernisse auf der Welt, wohin sie auch marschieren wollen.
    So gehört die Zerstörung von Jugoslawien zum Verdienst von Gorbatschow, denn er machte diese unmittelbar möglich. Sie war kausal damit verbunden, dass es keine Hemmung im Westen mehr gab, um den Machteinfluss auszuweiten. Die Schwächung der UNO und des Völkerrechts ist ebenso damit verbunden. Versprechen sind nichts wert, wie auch Verträge, da ein maßgebliches und im Westen wahrnehmbares Korrektiv weggefallen ist.
    Die nationalistischen Verbrechen in den sich abspaltenden Unionsstaaten der nicht mehr existierenden Sowjetunion sind ebenfalls ein Ergebnis des »friedlichen Aufgebens«. Die Ausbreitung des aggressiven NATO-»Bündnisses« auf Osteuropa und fast den gesamten Balkan stellt ein gefährliches Ergebnis der verfehlten Politik dar, die in Gorbatschows »Verdiensten« einen Ausgangspunkt finden. Letztlich sind auch der westlich orchestrierte »Krieg gegen den Terror«, der in Kriegen gegen den Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien und anderswo eine kausale Folge aus dem Fehlen der Sowjetunion. Der derzeitige Konflikt in der Ukraine und mit Russland sind ebenso eine direkte Folge aus der von Gorbatschow »gestalteten« Lage, der historische Zusammenhang ist unverkennbar und deutlich sichtbar.
    Ein Trugschluss scheint auch, dass Gorbatschow etwa die nukleare kriegerische Auseinandersetzung verhindert habe. In aller Munde, auch beim Autor, war die Rede von der »Unführbarkeit der Kriege«, weil sie nicht mehr, wie bisher, die »Fortsetzung von Politik von Klassen mit anderen Mitteln« (Lenin), sondern »das Ende jeder Politik« (Gorbatschow) darstellen würden. Dies hat sich als falsch herausgestellt. Schon Hitler wusste im Übrigen, dass ihm der Einsatz chemischer Waffen keinen sicheren militärischen Erfolg bringen konnte und verzichtete weitgehend darauf. Die (…) USA, die um die Weltherrschaft ringen, wissen auch, dass sie mit der Atombombe letztlich nichts erreichen können und halten immer nur den Finger über dem Knopf, während sie in herkömmlicher, aber recht modern ausgestatteter Weise die vielen Kriege ausführen.
    Falin sprach Gorbatschow eine der bei Staatsmännern seltensten Fähigkeiten in aller Entschiedenheit ab: »… der Wahrheit unentwegt ins Auge zu blicken, den anderen und sich selbst die Wahrheit zu sagen. Und nicht nur zu sagen, sondern nach der Wahrheit zu leben. Das heißt den Fakten entsprechend und rechtzeitig zu handeln.« (ebenda S. 205)
    »Glücklich der, der die Welt verlässt, bevor sie auf ihn verzichtet.« (lt. Falin eine Inschrift am Eingang von Tamerlans Grabstätte – ebenda S. 506) Dieses Glück war Gorbatschow nicht beschieden.
  • Leserbrief von Doris Prato ( 6. September 2022 um 16:32 Uhr)
    Oder war der regelrechte Verkauf der DDR an Kohl und damit die skrupellose Auslieferung seiner jahrzehntelangen Kampfgefährten der DDR an die Siegerjustiz der BRD kein Verrat. Lassen wir einfach die Fakten sprechen, beginnend mit seiner öffentlichen Erklärung: »Das Ziel meines ganzen Lebens war die Vernichtung des Kommunismus, dieser unerträglichen Diktatur gegen die Menschen. (…) Als ich mich persönlich mit dem Westen bekannt gemacht hatte, verstand ich, dass ich von dem gestellten Ziel nicht ablassen durfte. Um dieses zu erreichen, musste ich die ganze Führung der KPdSU und der UdSSR ersetzen, und ebenso die Führung in allen sozialistischen Ländern. (…) Nach dem Jahr 2000 wird eine Epoche des Friedens und der allgemeinen Blüte anbrechen.« Nach einem Bericht in der Prawda Rossi vom 26. Juli 2000 führte Gorbatschow das in einem Seminar an der US-amerikanischen Universität in Ankara im Herbst 1999 aus (nachzulesen in Justus von Denkmann: »Wahrheiten über Gorbatschow«, Spotless, Berlin, S. 13). Bei einem Besuch an der Grenze zu Westberlin (der »Mauer«) hatte dieser Heuchler der übelsten Sorte 1986 ins »Gästebuch« geschrieben: »Am Brandenburger Tor kann man sich anschaulich davon überzeugen, wie viel Kraft und wahrer Heldenmut der Schutz des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden vor den Anschlägen des Klassenfeindes erfordert. Die Rechnung der Feinde des Sozialismus wird nicht aufgehen. Unterpfand dessen sind das unerschütterliche Bündnis zwischen der DDR und der UdSSR. (…) Ewiges Andenken an die Grenzsoldaten, die ihr Leben für die sozialistische DDR gegeben haben.« Einen Gipfelpunkt seiner Heuchelei erreichte dieser Renegat, als er 2004 vor Schülern der Hildegard-Wegscheider-Oberschule in Berlin-Wilmersdorf sagte: »Wenn ich mich an die Mauer in Berlin erinnere, spüre ich heute noch Entsetzen über dieses Bauwerk.«
    Wie in Alexander von Plato: »Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel. Bush, Kohl, Gorbatschow und die geheimen Moskauer Protokolle« (Bonn 2002) nachzulesen ist, erklomm Gorbatschow den Gipfel des Verrats an der DDR bereits im Juli 1990 bei den letzten Verhandlungen in Archys im Nordkaukasus mit einer Delegation Bundeskanzler Kohls, bei denen auch die strafrechtliche Verfolgung ehemaliger Führer der DDR zur Sprache kam. Kohl habe Gorbatschow immerhin vorgeschlagen, den Personenkreis zu benennen, gegen den keine strafrechtlichen Verfolgungen eingeleitet werden sollten. Doch der sowjetische Präsident habe erwidert, »die Deutschen würden schon selbst mit diesem Problem fertig«. Selbst Kohl und der anwesende Genscher hätten betreten auf den Präsidenten der UdSSR geblickt. Hätte Gorbatschow Kohl in Archys »eine Liste mit – sagen wir – hundert Namen übergeben, die als ‚Persona grata, als ›unantastbare‹ gegolten hätten, wäre es der bundesdeutschen Justiz nie möglich gewesen, Verfahren in jenem demonstrierten Schauprozessstil zu inszenieren.« Die Auslieferung von Repräsentanten eines mit der UdSSR durch einen Freundschaftsvertrag verbundenen Staates an den Feindstaat war »die Schmierenkomödie eines verantwortungslosen politischen Hasardeurs«, schätzten Czichon/Mahron in »Das Geschenk. Die DDR im Prerestroika-Ausverkauf« (Köln 1999, S. 396) ein.
    Wie dem Spiegel (Nr. 29/1999) zu entnehmen war, nahm Gorbatschow auch für sich in Anspruch, dass er im Herbst 1989, während er sich zum Staatsbesuch in der VR China befand, zu den Konterrevolutionären auf dem Tiananmen-Platz (Platz am Tor des Himmlischen Friedens) in Beijing sprechen und sie zu ihrem Ziel, die chinesische Führung zu stürzen, ermuntern wollte. Die chinesische Führung durchschaute seine Machenschaften und verhinderte das.
  • Leserbrief von Hiltraud Stenzel aus Hannover ( 6. September 2022 um 16:17 Uhr)
    Vom Standpunkt der Russischen Föderation aus betrachtet, ist die kritische Analyse der politischen Leistung M. Gorbatschows von Reinhard Lauterbach mit viel Hintergrundwissen dargestellt worden. Gorbatschow hat mit der Entmachtung der kommunistischen Partei ein führungsloses Land geschaffen, in dem das Wirtschaftsgeschehen, völlig unkontrolliert sich selbst überlassen, von Oligarchen erobert wurde, sehr zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung.
    Aber ich möchte eine mehr außenpolitisch-europäische Einschätzung der Bedeutung Gorbatschows hinzufügen. Mit dem Schritt die Sowjetunion in eine Russische Föderation umzuwandeln und den militärischen Warschauer Pakt einseitig aufzulösen, hat Gorbatschow den Weg für wirksame Abrüstungsabkommen zwischen den verfeindeten Machtblöcken frei gemacht. Er hat auch den gefährlichen »Kalten Krieg« gestoppt und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten zugelassen. M.G. hat das politische Handlungsprinzip der Vorherrschaft einseitig aufgegeben und als Konsequenz die Schaffung eines »Europäischen Hauses« vorgeschlagen. Eine Europäische Union, in der die verschiedenen Staaten, ungeachtet ihrer politischen Verfassung und ihres wirtschaftlichen Entwicklungsstandes, demokratisch, d. h. gleichberechtigt verbunden sind. Diese großartige Vision hat nicht zuletzt Generationen friedensbewegter Menschen in ganz Europa inspiriert: »Europa unter Einschluss Russlands, vom Lissabon bis zum Ural«. Das ist das Gegenkonzept zur EU, die sich zu einer abschottenden, mehr und mehr aggressiven und undemokratischen Union kapitalistischer Konzerne entwickelt hat.
    Anfang der 90er gab es eine reale Chance, erste Schritte auf dem Weg zu einem anderen Europa zu tun. Aber Gorbatschows Pläne wurden von den die Macht habenden, westlichen Eliten abgelehnt. Sie konnten das Blockdenken nicht aufgeben und wollten das Scheitern des Sozialismus in der SU als Sieg des Kapitalismus realisieren, wie in einem gewonnenen Eroberungskrieg.
    Vom gemeinsamen »Europäischen Haus« zu sprechen ist heute zum Schlagwort verkommen, vom politischen Gegner missbraucht und von den Parteilinken als Illusion abgetan. Aber das Konzept von einem Europa unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen, ist nicht gescheitert, vielmehr wurde es noch nicht realisiert. Es lebt weiter in den Bevölkerungen der europäischen Nationen, in der Jugend, die für eine bessere Welt kämpft. Es wird die Menschen noch beflügeln, wenn die Kritiker und Fans von Gorbatschow längst unter der Erde sind.
    Die Idee besagt: Gemeinsam sind wir stärker, der Nationalismus ist eine Sackgasse. Das Europa der feindlichen Konkurrenz hat keine Zukunft. Die großen Menschheitsprobleme können nur überstaatlich gelöst werden (global ist vielleicht zu hoch gegriffen). Sie besagt auch, wir brauchen solidarische Kooperation, statt Konfrontation der Nationen. Befreit vom Joch der Vorherrschaft einzelner Staaten (insbesondere Russlands und der USA), wünschen sich die Menschen in Europa ein gleichberechtigtes Zusammenleben der Nationen. Diese Idee wird sich notwendigerweise eines Tages durchsetzen. Und der 1. Staatsmann, der sich das vorstellen konnte und der das auch mit anderen europäischen Staatsmännern realisiert hätte, war Michael Gorbatschow. Das bleibt seine historische Bedeutung für uns und für Europa.
  • Leserbrief von Elke Dunkhase ( 6. September 2022 um 15:57 Uhr)
    Vielen Dank, dass ihr so einen qualifizierten Artikel von Reinhard Lauterbach über Gorbatschow so schnell bringen konntet. Es hat sicher keinen Sinn und führt die Bewegung nicht weiter, Gorbatschow hauptsächlich als Verräter zu behandeln, auch wenn ich volles Verständnis dafür habe, dass die Menschen – insbesondere in Russland – ihn als solchen betrachten. Es geht jedoch darum, die Geschichte aufzuarbeiten und sie für uns fruchtbar zu machen. Denn wir werden bestimmte Fehler nicht wiederholen dürfen. Besonders interessant und neu war für mich die Rolle Andropows, die ich bisher ganz anders gesehen hatte und die Lauterbach überzeugend darstellte. Offenbar spielte auch beim Untergang der UdSSR das Verhältnis »Plan und Markt« eine Rolle und Gorbatschow repräsentiert nur das Ende der Degeneration und Sozialdemokratisierung der Partei, schon vorher wurden die Weichen Richtung Marktwirtschaft und Liberalisierung gestellt.
    Das angegebene Buch von Lauterbach werde ich mir schleunigst bestellen.
  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin ( 6. September 2022 um 15:37 Uhr)
    Unausgesprochen zieht sich auch durch Reinhard Lauterbachs Überlegungen der Gedanke, der Untergang der Sowjetunion sei unvermeidbar gewesen. War er das wirklich oder ist das nur wieder das Ergebnis einer Denkweise, die den Ausgang historischer Entwicklungen nur von ihrem Ende her betrachtet? Einer Denkweise, die eingetretene Resultate als alternativlos beschreibt und sich deshalb nicht der Mühe unterziehen muss, über Alternativen nachzudenken. Ja, die Sowjetunion und mit ihr das gesamte sozialistische Lager hatten mit einem ganzen Bündel schwierigster Widersprüche zu kämpfen. Ja, sie hat in den davorliegenden Jahrzehnten viel Zeitverzug zugelassen oder selbst verschuldet. Aber an Widersprüchen muss man nicht zerbrechen, sondern man kann sie auch lösen. Als Hitlers Armeen vor Moskau standen, war die Lage für die Sowjetunion lebensbedrohlich. Aber die Losung lautete: »Keinen Schritt zurück!« An diesem unbedingten Willen ist damals ein übermächtiger Gegner zerbrochen. Gerade, weil die notwendigen, schmerzhaften Entscheidungen in der richtigen Reihenfolge und mit der notwendigen Konzentration auf die wichtigsten Fragen erfolgten. Und auf die unbändige Kraft des Volkes setzend. Einem Volk, das keine hehren Sonntagsreden, große Philosophie und Abscheu vor der eigenen Geschichte braucht, sondern Entschlossenheit und praktische Taten.
    Eines kann man heute mit Gewissheit sagen: Der Untergang der Sowjetunion hat der Welt nicht gutgetan. Die Kette der Kriege, die die USA und ihre Helfershelfer in den vergangenen drei Jahrzehnte vom Zaune gebrochen haben, zeigt: Die Welt ist nicht friedlicher geworden, seit den USA der einzige geostrategische Konkurrent abhandengekommen ist, auf den sie Rücksicht nehmen mussten. Wir stellen heute fest, dass die Gefahr einer weltweiten Konfrontation noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg so groß war wie heute. Wenn das das Ergebnis der Politik eines Landes ist, das sich als historisch notwendige Gegenkraft selbst abschaffte, dann darf man die dafür verantwortliche Politik durchaus als Katastrophe bezeichnen. Es müssen nicht vor allem die Umstände schuld sein, wenn der Kaiser am Ende seiner Herrschaft ohne Reich dasteht.
  • Leserbrief von Matthias Bartsch aus Lichtenau ( 6. September 2022 um 15:19 Uhr)
    Der große Michail Gorbatschow war meines Erachtens seiner Zeit weit voraus. Leider ist sein außerordentliches Vermächtnis schon zu seinen Lebzeiten nicht verstanden und anerkannt worden. Weder in Ost, noch in West. Die Welt indes braucht Menschen wie ihn, um Gewaltlosigkeit und Frieden erreichbar zu machen. Sonst kämpft die Wahrheit auch weiterhin für sich allein (frei nach Erhard Blanck).
  • Leserbrief von Klaus P. Jaworek aus Büchenbach ( 6. September 2022 um 15:16 Uhr)
    Nun ist auch Michail Gorbatschow verstorben, ein Mann, der in der westlichen Welt hochgeachtet, in Russland aber eher hochverachtet wurde und wird! Unter seiner Regentschaft wurde die Sowjetunion (1922-1991) zu Grabe getragen und jetzt mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, da haben wir den Salat, den Putin nicht essen mag.
    Dieser Putin mag sein »klitzekleines« Russland nicht so gerne, er will einfach seine große Sowjetunion wieder zurück haben! Von einem »Wind of change« sang damals im September 1989 der Klaus Meine von den Scorpions, heutzutage bläst uns ein ganz anderer und sehr rauer Ostorkan voll ins Gesicht!
  • Leserbrief von Peter ( 5. September 2022 um 16:02 Uhr)
    Wenn ein Mann die Macht besitzt, ein sozialistisches Weltreich zu zerstören, wie hier viele meinen, muss die Frage gestellt werden, was mit dem politischen System los ist! Die USA haben bisher manche Präsidenten ertragen und überlebt.
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen ( 2. September 2022 um 22:56 Uhr)
    Selten hat die Weltgeschichte solch einen Stümper, solch einen Rohrkrepierer wie gerade diesen Gorbatschow gesehen. Für ein Linsengericht verschleuderte er nicht nur den Sozialismus, ließ seine Verbündeten in Stich, ruinierte die Wirtschaft, verursachte den Zerfall der Sowjetunion, ermöglichte die Ausdehnung der NATO bis an die Toren Russlands. Einziger »Gewinn« für diesen Traumtänzer und Wirrkopf war und ist das Lob der imperialistischen Staaten. Dabei gilt allemal der Spruch Brechts: »Wenn der Klassenfeind dich lobt, haste ’was falsch gemacht.« Gutgläubig wie dieser G. nun mal war, vertraute er den Sirenenklängen der Bourgeoisie, schöpfte Hoffnung aus den Friedensbeteuerungen der führenden westlichen »Wertestaaten.« Eine bloße mündliche Zusage, dass das westliche Bündnis so artig sein werde und sich nicht ausdehnen wolle, hielt dieser Narr für bare Münze. Eigentlich hätte er von China so Manches lernen können, so z.B. bei wirtschaftlichen Reformen dennoch und gerade dann die Staatszügel fest in der Hand zu halten. Genau das gelang diesem Phantasten nicht, der aus reiner Schwäche heraus die Verhältnisse vor sich hin treiben ließ. Eingefallen sind ihm lediglich irgendwelche Phrasen, so z. B. »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, was ihm wenig später selbst widerfuhr. Hinzu kam dann noch Glasnost, was allen Systemgegnern ein ideales Sprungbrett verpasste. Unüberlegt wie G. nun mal war, nahm er zu all dem auch noch gehäuft Anleihe bei Lenin, gab sich als dessen Schüler aus. Dabei hätte er doch erkennen müssen, dass kapitalistische Staaten, allemal jene des Imperialismus Wölfe im Schafspelz sind, die niemals ruhen und rasten, um den Sozialismus zu zerstören. Wie kann man unter diesen Prämissen von einem gemeinsamen europäischen Haus schwafeln, in dem für eine SU kein Platz, für Russland allenthalben eine mickrige Kellerwohnung bereitstünde und dies auch nur Abruf und Ausverkauf Sibiriens an westl. Konzerne.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin ( 2. September 2022 um 11:38 Uhr)
    An dem Ausdruck »Verschlimmbesserer« habe ich in bezug auf Gorbatschow etwas auszusetzen. Das bedeutete ja, dass es schon schlimm in der UdSSR gewesen sei. Tatsächlich war natürlich die Situation – wirtschaftlich wie ideologisch – durch Chruschtschows polit-ökonomische, auf unleninistischer Basis beruhenden Phantastereien kompliziert, aber nicht hoffnungslos, aus denen auch Breschnew, ungeeignet in seiner Persönlichkeit, nicht herausfand. Diese Situation gerade nutzte später der Bauernfänger, den der Westen schon beim Ableben von Breschnew gerne an der Macht gesehen hätte. Im Westfernsehen äußerte jedenfalls ein Kommentator diesbezüglich großes Bedauern. Aber vor Gorbatschow war noch nichts verloren und er wollte, wie er später bekannte, ja den Kommunismus vor allem als herrschende Ideologie beseitigen. Dazu wechselte er die bisherige Führung in der KPdSU aus. Alles weitere ist bekannt. Wie schrieb Lenin schon 1913 in der Prawda? »Die Dialektik der Geschichte ist derart, dass der theoretische Sieg des Marxismus seine Feinde zwingt, sich als Marxisten zu verkleiden.« Gorbatschow war ein Trojaner, damit dienend, dass die alte Welt weiter ihr Unwesen – und wie wir jetzt erfahren – sogar auf die Spitze treiben kann. E. Rasmus schrieb mir seine Kondolenz für Gorbatschow. Wieviel Lob und Geschrei doch um einen, der nicht die Welt verändert hat! Groß mag er denen nur erscheinen, die wurmig selbst an Kapitalgebeinen, Profiterheischend macht das Elend satt.
  • Leserbrief von Ralph Petroff aus Schweinfurt ( 2. September 2022 um 01:26 Uhr)
    Der Artikel über Gorbatschow war interessant und aufschlussreich. Im Gegensatz zum Autor gehe ich aber durchaus von einer bewussten Zerstörungsarbeit aus. Denn was hat er wohl gedacht, was passiert, wenn er quasi die gesamte Geschichte der Partei als eine von Terror und Repression schildert? Was hat er gedacht, was passiert, wenn er die sozialistische Staatsmacht diffamiert und demontiert? Was hat er gedacht, was passiert, wenn er die Wirtschaft liberalisiert und auf »Freiheit des Wettbewerbs« und »Gleichstellung aller Eigentumsformen« setzt? Und was hat er gedacht, was passiert, wenn er mit den Imperialisten nach einer »gerechten Gesellschaftsordnung« suchen will, »die beider Interessen berücksichtigt«? Bei einem Mann, der in der Partei ausgebildet wurde und aufgestiegen ist, fällt es mir schwer, an Dummheit oder Naivität zu glauben …
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 1. September 2022 um 16:54 Uhr)
    Michail Gorbatschow ist zu einem für Russland symbolträchtigen Zeitpunkt gestorben – während des Ukraine-Kriegs macht die Tragik sein Erbe noch größer! Gorbatschows Tragik lag stets darin, dass er – der Vater der Deutsche Einheit, was ein Glücksfall für Deutschland war – seinen Wunsch von einem friedlichen Russland in einem gemeinsamen Haus Europa nicht verwirklichen konnte. Sein Land ist derzeit ferner davon entfernt als je zuvor und die Geschichte urteilt danach. Gorbatschow ließ die Sowjetunion implodieren und hinterließ ein bis heute wirkendes Machtvakuum in ganz Osteuropa. Er setzte mit seiner politischen Naivität sowohl in der ehemaligen Sowjetunion und in den Satellitenstaaten unkontrollierbare Kräfte frei, welche bis heute teilweise wirken. Schließlich flutschte einfach die Macht aus seiner Hand aus. Er war ein naiver politischer Träumer, ein »Schwätzer«, wie man ihn daheim schon damals nannte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thilo S. aus Weimar ( 1. September 2022 um 15:49 Uhr)
    Normalerweise wünschen Russen den Toten nichts Schlechtes auf die letzte Reise, ausgedrückt wird das meist so ›Pust semlja emu budjet puchom‹, in etwa ›Auf das die Erde ihm weich sein möge‹. Im Falle Gorbatschows hört man in Moskau ›Pust semlja emu budjet steklowatoi‹, steklowata bedeutet ›Glaswolle‹. Dem schließe ich mich ausdrücklich an.
  • Leserbrief von Henning Gans aus Leipzig ( 1. September 2022 um 13:03 Uhr)
    Man sollte die Bestattung des früheren KPDSU-Chefs Gorbatschow auf familiärer Ebene belassen, denn er hat während seiner Regierung nicht nur ein unbeschreibliches Chaos angerichtet, sondern auch die Grundlagen für den zweiten Kalten Krieg und die daraus resultierende gegenwärtige Revisionspolitik Moskaus geschaffen, nicht zu sprechen von dem Unglück, das er über Millionen Menschen brachte (Massenarbeitslosigkeit, Armut usw.). Der Westen nutzte die Zeit bis zur Restauration Russlands, um die Ukraine aufzurüsten, damit das Kräftegleichgewicht zugunsten Washingtons verschoben wird. Der Preis ist für seine Bürger hoch: Inflation, Preisanstieg, Rezession.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wieland K. aus Neustadt in Holstein ( 1. September 2022 um 11:40 Uhr)
    Ich kann mich als junger Offizier noch gut an die Zeit der Inthronisierung von Gorbatschow erinnern. Wir waren begeistert, endlich ein junger Kader, frischer Wind, neues Denken. Und wir hofften darauf, dass sich in unserer greisen Führung auch mal etwas tun würde, dass sich die alten Herren mal aus ihren piefigen Amtsstuben heraus bewegen würden. Wir hofften, dass solche Sprüche wie »Wenn der Nachbar renoviert, müssen wir doch nicht gleich tapezieren« endlich aus den Zeitungen verschwinden würde. Die Worte eines alten Genossen, ehemaliger Spanienkämpfer – »Passt auf, Jungs, hier gaukelt einer sehr gekonnt« – haben wir mit einer Handbewegung weggewischt. Dass die kühnen Neuerungen in der Sowjetunion sukzessive ins Chaos führten, haben wir mit der Begründung akzeptiert, dass, wenn man Neues aufbauen will, das Alte erst mal weggeräumt werden muss. Aber wurde da nicht schon zu viel zerschlagen, ohne Ideen für Neues zu haben? Als ihm die innenpolitischen Probleme über den Kopf wuchsen und er, außer hilfloser Aktionismen (Alkoholverbot als »Mineralsekretär«), alles auf andere abschob, da verlegte er sich auf die Außenpolitik. Die macht mehr Spaß und da ist mehr zu holen. Dass »Gorbi« sich als Ebenbürtiger zu seinem amerikanischen Gegenüber sah, nutzen die USA erbarmungslos aus. Die besseren Denkfabriken und Spindoktoren besaßen sie allemal. Eine Condolezza Rice amüsierte sich bei den Verhandlungen über den unbedarft naiven Gorbatschow. Er verkaufte mit strahlendem Lächeln den Warschauer Vertrag, die gesamten Ostblockländer und genehmigte ausdrücklich in Strickjackenverhandlungen die Hetzjagden bundesdeutscher Revanchisten auf die ehemaligen DDR-Staatskader. Sein Danaergeschenk waren die Finanzen für diverse Stiftungen, die er verwalten und nutzen durfte, nachdem ihn sein sprithaltiger Konkurrent Jelzin in die Wüste geschickt hatte. Ihm blieb bis zum Lebensende nur Lamentieren und Rechtfertigen übrig. Fare well, großer Gaukler.
    • Leserbrief von Peter aus Heidelberg ( 3. September 2022 um 20:30 Uhr)
      Danke für diesen Einblick!
  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 1. September 2022 um 11:01 Uhr)
    Der die Welt veränderte, lebt nicht mehr. Viele Jahre hat sich niemand mehr seiner erinnert. Er hat seine Schuldigkeit getan. In wessen Interesse und wofür? Friedensnobelpreis für mehr Kriege seit 1990? Oder ist die Welt friedlicher geworden auch ohne Putin? (…) Hohn und Spott bleibt von dem gefeiertem Mann.
    Masken fallen wie so oft. Lobeshymnen waren reine Heuchelei. Was hat er hinterlassen? Ein Blick in die Welt mit offenen Augen spricht Bände des Grauens, Elends, Armut, Hass, Krieg, der mörderischen »Befreiungen« und des Krieges gegen den Terror. Davon wollen Medien beim Gedenken an Gorbi natürlich nichts wissen. Einheit, Freiheit, Demokratie, abstrakte Begriffe werden gefeiert. Wo BürgerInnen im Gedenken an Gorbi konkret gefragt werden, sind die abstrakten Phrasen zu vernehmen und zugleich deren Inhalte, die sich erinnernd erschöpfen in Reisen, Konsum, D-Mark, Auto bis Banane. Große Phrasen und dahinter, was schon immer jeder wissen konnte, banalste Dinge der Konsumfreiheit, die alle sozialen Freiheiten des Sozialismus nur begrenzt geboten haben. An den Wertvorstellungen hat sich schon viel geändert, die blinde Dummheit herrscht weiter und Krieg ist ja noch scheinbar weit von den Einheitsdeutschen weg.
    Kapital, Krise, Inflation, frieren für den Frieden. Wir sind solidarisch und gedenken unserem Gorbi. Sein Friedensgedanke und -wille hat Jahrzehnte niemandem mehr interessiert und heute schon gar nicht. Krieg ist Frieden, alle machen mit. Hass ist Völkerfreundschaft. Ist das der Geist des Gorbi? Was war er jemals?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Uwe M. aus Hohenmölsen (31. August 2022 um 22:14 Uhr)
    Es mag ja alles durchaus richtig sein, was Lauterbach an objektiven und subjektiven Ursachen des Scheiterns von Gorbatschow darstellt, aber es ist und bleibt ein Verbrechen und Verrat der sowjetischen »Kommunisten«, die Sowjetunion zerstört zu haben. Die Sowjetunion ist nicht zusammengebrochen, sondern sie wurde wissentlich zerstört! Diese Zerstörung der SU ist meiner Ansicht nach die wesentlichste Ursache für die aktuellen Probleme in der Welt. Wenn man schon den Sozialismus sich vom Halse schaffte, weil es offensichtlich zu mühsam war, neue Wege zu beschreiten, so musste man nicht gleich auch die UdSSR abschaffen. (…) Gorbatschow ist für mich ein Verräter und Verbrecher. Er hat durch sein planloses Handeln dazu beigetragen, dass das Rad der Geschichte zurückgedreht werden konnte und heute ein viel größere Kriegsgefahr existiert, als sie jemals zu Zeiten der Existenz der Sowjetunion vorhanden war.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Sascha S. aus Berlin (31. August 2022 um 21:52 Uhr)
    Hallo, Rainer Lauterbach. Vielen Dank für diese Zusammenfassung und faktenbasierte Einschätzung. Zwar versöhnt mich das nicht mit dem ungeschickten Wirken Gorbatschows, den viele und auch ich seinerzeit bewunderten, aber es nimmt ein wenig die Bitterkeit dieser Niederlage im Systemkampf.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (31. August 2022 um 21:34 Uhr)
    Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen. Das braucht man im Falle von Michail Sergejewitsch auch nicht. Das einhellige Lob, mit dem ihn einstige Todfeinde seit Jahrzehnten überschütten, ist historische Demütigung genug.
    • Leserbrief von Gerdt Puchta aus Rostock ( 2. September 2022 um 10:38 Uhr)
      »De mortuis nil nisi bene« heißt nicht, dass man den Toten nicht ihre Fehler vorwerfen sollte. Das »bene« ist adverbial gebraucht und bedeutet, dass der Nachruf nur auf eine »gute Art und Weise« erfolgen soll. Das hat Heiner Lauterbach hervorragend getan.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (31. August 2022 um 20:42 Uhr)
    Wenn deine Feinde dich loben … Und sie tun es. Den Vogel schoss heute der Black-Rock-Beauftragte im Deutschen Bundestag, Merz, ab. Zitat: »Wir vertrauten ihm und er vertraute uns«. Was er für das Vertrauen erhalten hat, weiß man mittlerweile: Ruin und Abwicklung der Sowjetunion, das Verscherbeln der Rohstoffe an das internationale Kapital, der verheerende Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft, millionenfaches Elend, Verarmung, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und eine explodierende Kriminalität einerseits und die Verschleuderung des Volkseigentums an verbrecherische Oligarchen andererseits. Und das nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion, sondern in allen Ländern des ehemaligen RGW. Und außenpolitisch? Der Vertrauensbruch bei der zugesagten Nichtweiterverbreitung der NATO, weil der tolle »Außenpolitiker« G. offenbar unwillig oder unfähig war, diese Zusage in einen völkerrechtsgültigen Vertrag formulieren zu lassen. Das, was sich heute in der Ukraine abspielt, ist die Folge des Handelns eines Hochverräters.

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