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Aus: Ausgabe vom 05.09.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Die Knochen von Cary Grant

Frisch aus den 80ern: Die John-Peel-Session der grandiosen Dadapopband Foyer des Arts
Von Eileen Heerdegen
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Besser als Bryan Ferry (oder zumindest beinah): Max Goldt

Wer in den 80ern nicht dauerpaniert war, kann sich im Gegensatz zu Falco mit seinem ausgelutschten Bonmot sehr wohl an dieses schönste aller Jahrzehnte erinnern. Okay, es gab »Dirty Dancing« und Modern Talking, fiese Fönwellen und lächerliche Aerobicklamotten. Aber es lag Aufbruch in der Luft, es gab noch Hoffnung in die Grünen, es gab sogar Antikriegsfilme. Eine Regenbogendekade, Zeit des Outings mit Bronski Beat, Communards und Erasure. Niemand war bunter als Boy George, und Annie Lennox wurde zur orangefarbenen Mutter aller Pixie-Frisuren. Girls wollten Fun, TAFKAP hieß noch Prince, und Kevin Rowland schrieb mir einen Welthit.

Sogar in der mitklatschgeprägten Populärmusik unseres Landes tat sich was. Analog zur britischen New Wave krachte die Neue Deutsche Welle mit Wucht bis in die Schlagerparaden. Aus einer eher am Punk orientierten Untergrundbewegung begann trotz mutiger Bands wie Fehlfarben oder Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) langsam eine Marktentwicklung, die über Trio und Nena im Sauseschritt zur belanglosen Spaßmusik von Hubert Kah und Frl. Menke düste.

Und mittendrin Foyer des Arts. Das Duo (Gerd Pasemann und der Literat und spätere Mehrfachpreisträger Max Goldt) schaffte es mit dem recht ungewöhnlichen »Wissenswertes über Erlangen« zum eigenen Bedauern bis zu Dieter Thomas Heck. Zunächst mit »Eine Königin mit Rädern untendran«, vom Berliner Undergroundgeheimtipp in die Hitparade. Dann zeigte die LP »Von Bullerbü bis Babylon« (1982) schnell, dass Dadakunstwerke doch nicht so richtig im Mainstream mitmischen können. Der kommerzielle Erfolg des Erlanger Fremdenführers blieb eine Ausnahme, auch die 1986 und 1988 erschienenen Alben waren trotz oder wegen der schönen Titel »Die Unfähigkeit zu frühstücken« und »Ein Kuss in der Irrtumstaverne« nicht massentauglich. Für die Nachgeborenen und diejenigen, die damals kein Geld für LPs hatten und deren Kassetten längst vom Player gefressen wurden, gab es 2003 eine Bullerbü-Neuauflage als CD, die aber mittlerweile auch nur noch zum Streaming angeboten wird.

Doch bevor die nächste Gasrechnung dieses Jahr endgültig zum Annus horribilis macht, gibt es für Nostalgiker, Freunde der schrägen Individualität oder auch für neugierige Youngsters eine Überraschung mit der Mini-LP ­»Foyer des Arts – die John-Peel-Session«. Der legendäre britische Radio-DJ hatte seine deutsche Lieblingsband 1986 eingeladen, die Songs »Frauen in Frieden und Freiheit«, »Ein Haus aus den Knochen von Cary Grant«, »Könnten Bienen fliegen« und »Schimmliges Brot« im topausgestatteten BBC-Studio mit exzellenten Musikern einzuspielen. Die verschollen geglaubte Aufnahme mit dem typischen, sehr eigenwilligen Mix aus Minimal Music, Anklängen an Kurt Weill und den frühen Roxy Music mit überraschenden Texten wie »Großes Geknall ein Autounfall lockt mich, aber nein: Statt Blut sieht man leider nur schimmliges Brot« könnte den Boomer-Sagern mal den musikalischen Mittelfinger zeigen, denn das ist wirklich frisch. Selbst nach über 35 Jahren.

Foyer des Arts: »Die John-Peel-­Session« (Tapete/Indigo)

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