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Aus: Ausgabe vom 26.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Bis zum Ende

Ukraine beschießt Atomkraftwerk
Von Arnold Schölzel
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Ein russischer Soldat misst das Strahlungsniveau am AKW (23. August)

Am vergangenen Freitag telefonierte Emmanuel Macron mit Wladimir Putin wegen der Lage am AKW Saporischschja. Beide sind für eine schnelle Inspektion durch die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) vor Ort und einig, dass die Anreise über von Kiew kontrolliertes Territorium erfolgen soll. Putin sprach von »systematischer Bombardierung« des Kraftwerksgeländes durch ukrainische Artillerie. Berichterstattung in deutschen Medien: Fast null.

Am Sonntag riefen Macron, Olaf Scholz, Joseph Biden und Boris Johnson gemeinsam zur »militärischen Zurückhaltung« in der Umgebung des AKW auf. Die Meldung verliert sich. Am Dienstag trat der UN-Sicherheitsrat in New York auf Antrag Russlands zu einer Sondersitzung über den Beschuss des AKW zusammen, am 11. August war das schon einmal der Fall. Auf beiden Sitzungen klagten die Vertreter westlicher Staaten zwar Russland wegen des Krieges insgesamt an, sagten aber kein Wort zu den Angriffen auf das AKW und zu dessen Urhebern. In deutschen Medien wird nahegelegt, dass russische Truppen sich dort selbst beschießen, oder sie tun alles so ab wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) am Donnerstag: »Bizarres Schauspiel«. Das inszeniere seit einem halben Jahr der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja, der ein »großer Verdreher der Worte und der Tatsachen« sei. Offenbar zählt das Blatt dazu auch dessen Aussage, die Ukraine beschieße jetzt mit US-Waffen das AKW, um einen Unfall Russland in die Schuhe zu schieben. Immerhin hatte sich Kiew am 22. Juli selbst solcher Attacken gerühmt und dazu ein Video bei Twitter eingestellt, das bis heute abrufbar ist. Was Nebensja da verdrehen muss, schreibt die SZ nicht, andere deutsche Medien interessieren sich kaum für das Thema. Nebensjas Auskunft, Russland habe keine schweren Waffen am AKW stationiert, taucht nirgendwo auf.

Zur eingetretenen Lage äußert sich am Mittwoch Papst Franziskus: Er hoffe auf konkrete Schritte, um eine Katastrophe in dem AKW zu verhindern. Am selben Tag erklärt UN-Generalsekretär António Guterres: »Das UN-Sekretariat ist bereit, jegliche IAEA-Mission aus Kiew zu dem Kraftwerk zu unterstützen.« Die Zusicherung ist nötig. Es war sein Büro, das unter fadenscheinigen Vorwänden am 3. Juni eine mit Moskau und Kiew bereits vereinbarte IAEA-Inspektion abgesagt hatte. Guterres warnt nun erneut vor einer »Selbstzerstörung« durch weitere Eskalation. Am Donnerstag wird das AKW nach erneutem Beschuss abgeschaltet.

Festzuhalten ist: Kiew macht die eigene Bevölkerung regelmäßig zur Geisel der eigenen Truppen. Jetzt erpresst es Europa und die Welt atomar. NATO, EU, UN und IAEA schweigen dazu, deutsche Medien ohnehin, oder sie grüßen wie der Kanzler faschistisch »Slawa Ukraini«. Am Mittwoch kündigte Wolodimir Selenskij an, die Ukraine werde »bis zum Ende« kämpfen. Das entspricht seiner Ideologie, ist also ernst gemeint.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (26. August 2022 um 10:09 Uhr)
    Scholzens »Slawa Ukraini« zeugt erneut davon, welch Geistes Kind der deutsche Bundeskanzler ist. Ein geschichtsvergessener und ungebildeter Mensch, der offenbar gar nicht merkt, wie er von ukrainischen Faschisten instrumentalisiert wird. Das Bild, das heute durch die Medien ging, Scholz auf einem deutschen Panzer, muss daher nicht extra kommentiert werden. Die SPD ist nicht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte Teil einer großangelegten bellizistischen Verschwörung. Wenn die USA und seine europäischen Vasallen dem nicht schnell Einhalt gebieten, wird der Marionettenprinz auf dem Kiewer Thron die Welt in die nukleare Katastrophe führen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (25. August 2022 um 22:42 Uhr)
    Bei aller Einpreisung der eigenen Befangenheit – sprich: Jeder ist geneigt, die Realität so zu interpretieren, dass es in sein bereits bestehendes Weltbild passt – ist doch sehr klar, dass die Ukraine hier eindeutig mehr Gründe hat, die Situation um das Kraftwerk zu eskalieren, um so internationalen Druck zu erzeugen, sowohl auf Russland als auch auf die eigenen westlichen Sponsoren, damit die Unterstützung ja nicht abreißt, denn die ist das einzige, was das System in der Ukraine am Leben erhält. Und es sei gesagt: Seit einiger Zeit tat sich nicht viel im Krieg, im Osten keine größeren Kampfhandlungen, jedenfalls im Vergleich zu der Phase, als die Kämpfe um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk das große Thema waren. Der ein oder andere Kommunikationsstratege mag da durchaus auf den Gedanken kommen, dass man ein Thema bräuchte, was den Konflikt wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit bringt. Russland hat den längeren Atem, es hat große Teile der Ukraine erobert, welche wiederum offenbar nicht in der Lage ist, diese zurückzuerobern. Bei diesem Status quo können es sich die Russen erlauben, auf Zeit zu spielen und daraufzusetzen, dass der Westen das Regime in der Ukraine nicht ewig am Leben erhalten kann oder will. Aber auch nur andeuten, dass die Ukrainer selber das Kraftwerk beschießen könnten, z. B. aus erwähnten Gründen, kann man hierzulande natürlich nicht, angesichts der extremen (und üblichen) Schwarzweißmalerei, demnach die Ukrainer, als die unseren »Guten«, so ein Ganovenstück nie veranstalten würden, man erinnere sich nur an die Reaktion auf den Amnesty International Bericht. Interessanterweise hat man aber auch nie wirklich plausible Gründe gelesen, was das russische Interesse daran sein sollte, das Kraftwerk, das man selbst kontrolliert, zu beschießen. Vermutlich, weil noch nicht mal die kreativsten Transatlantiker in den Schreibstuben der Leitmedien genug Phantasie aufbringen, da etwas einigermaßen Plausibles zu konstruieren.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (26. August 2022 um 12:15 Uhr)
      Volle Zustimmung. Auch ich habe kaum je »wirklich plausible Gründe gelesen, was das russische Interesse daran sein sollte, das Kraftwerk, das man selbst kontrolliert, zu beschießen«. Das ist seltsam, denn es gibt eine ältere Meldung, dass Russland Kernbrennstoff aus dem AKW Saporischschja abtransportiert haben soll (https://linkezeitung.de/2022/06/02/die-geheimen-militaerprogramme-der-ukraine/). Keine Ahnung, was da wirklich dran ist. Gleichwohl ergibt sich eine ganze Menge an Fragen: Was hatte Russland in dem AKW gefunden, was eines Abtransportes bedurfte? Was hatte das halbbankrotte US-Unternehmen Westinghouse für »Kernbrennstoffe« geliefert? Mit welchem Anreicherungsgrad? Hat Russland vielleicht gar das vorgeblich abtransportierte Material durch eigene Zentrifugen geschickt und nunmehr im atomwaffenfähigen Zustand zurückgebracht? Was kann da eine IAEA-Inspektion überhaupt aufklären? Oder geht es bei der Inspektion nur um Propagandarummel? Was wäre ein Hinderungsgrund für die von Kiew geforderte frontquerende Anreise der IAEA-Delegation zum AKW? Schließlich stellt sich die Front durch den Kachowka-Stausee recht übersichtlich dar, und es besteht somit keine Gefahr, dass eine Seite die für eine Anreise per Boot nötige Feuereinstellung zu militärischen Stellungsverbesserungen missbrauchen könnte. Hat da jemand Angst vor der psychologischen Wirkung eines begrenzten Waffenstillstandes?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (25. August 2022 um 20:32 Uhr)
    Hat der Krösus der Ukraine das Orakel befragt? So könnte man »bis zum Ende kämpfen« auch interpretieren. Falls er einen der vielen Flüsse in der Gegend (Dnjepr, Oskil, Don …) überschreitet, könnte ihn das Schicksal seines griechischen Vorfahren ereilen. Allerdings gibt es auch Anzeichen ähnlicher Art von der Ostseite der genannten Flüsse. Vielleicht können wir in dreitausend Jahren bei Wikipedia nachlesen, wie die Sache ausgegangen ist. Es kann aber auch sein, dass es dann weder eine Wikipedia noch Leser gibt.

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