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Aus: Ausgabe vom 19.08.2022, Seite 5 / Inland
Bildungssystem

Pauken ohne Pauker

Zum Schulstart zeigt sich enormer Lehrkräftemangel
Von Annuschka Eckhardt
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Lernen ohne Lehrer? Allein in Berlin sind zum Schulanfang über 600 Vollzeitstellen für Lehrkräfte unbesetzt (Erfurt, 26.2.2016)

Der Countdown läuft: Noch viermal schlafen, dann geht die Schule wieder los. Diesmal mit einigen Hürden. Die Preise für Lernmaterialien wie Schulhefte sind um fast 14 Prozent gestiegen, das Pausenbrot ist 8,6 Prozent teurer geworden, Politiker fordern Energiesparmaßnahmen im Klassenzimmer, und irgendwie gibt es viel zu wenig Lehrerkräfte.

In Berlin startet das Schuljahr 2022/23 mit einer Rekordzahl an Schülerinnen und Schülern. Allein an den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen steigt die Schülerzahl um gut 6.000 auf voraussichtlich 342.810.

Doch wer soll die ganzen Kinder und Jugendlichen betreuen, im besten Fall sogar unterrichten? Allein in Berlin bleiben etwa 600 Vollzeitstellen für Lehrkräfte unbesetzt, wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch in einer Pressemitteilung verkündete. Das scheint aber nicht das einzige Problem zu sein, denn von den Lehrerkräften, die neu eingestellt werden konnten, hat nur noch ein knappes Drittel eine abgeschlossene Lehramtsausbildung. Von den knapp 4.000 Neueinstellungen sind etwa 200 Lehrkräfte im Ruhestand, aber insgesamt lediglich 1.250 Personen voll ausgebildet.

Gesucht werden Quereinsteiger, die berufsbegleitend zu Lehrkräften ausgebildet werden. Das Interesse von Hochschulabsolventen am Quereinstieg in Berliner Schulen lässt allerdings nach. Nur rund 400 Quereinsteiger konnten für dieses Schuljahr unbefristet eingestellt werden. Sie unterrichten Grundschulklassen oder die sogenannten Mangelfächer, für die es nicht genug Lehrkräfte gibt, und das sind einige. Als Mangelfächer gelten derzeit Mathematik, Physik, Informatik, Chemie, Musik, Sport, Biologie, Wirtschaft-Arbeit-Technik sowie alle sonderpädagogischen Fachrichtungen.

Über die Hälfte der eingestellten Lehrkräfte, die keine oder keine vollständige Lehramtsausbildung haben, werden nur befristet beschäftigt. Das sind etwa 1.000 Studierende, über 200 Lehrkräfte für die Willkommensklassen und über 1.100 Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung.

Markus Hanisch, Geschäftsführer und Pressesprecher der GEW Berlin, sagte am Donnerstag gegenüber junge Welt: »Für die Schülerinnen und Schüler muss man ganz klar sagen, dass der Lehrkräftemangel die Bildungschancen einer ganzen Generation gefährdet. Die, die Bildung am nötigsten haben, leiden darunter am meisten.« Aufgrund des Mangels an Lehrkräften werde vor allem an der individuellen Förderung gespart, Klassen würden größer und Förderstunden wie zum Beispiel die Sprachförderung und die Förderung von Menschen mit besonderem Förderbedarf fielen aus.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie scheint einen völlig anderen Eindruck zu haben. In einer ebenfalls am Mittwoch veröffentlichen Pressemitteilung verkündete sie: »Das Schuljahr startet gut vorbereitet und mit großen Herausforderungen«. Auf jW-Anfrage vom Donnerstag antwortete Martin Klesmann, Pressesprecher für Bildung: »Berlin verbeamtet seine Lehrkräfte seit diesem Jahr wieder«. Angestellte Lehrkräfte hätten zudem seit Jahren schon bei der Einstellung fast die höchste Gehaltsstufe erreicht und das Grundschullehrergehalt sei erhöht worden.

Für Gewerkschafter Hanisch sieht die Situation der Lehrkräfte weniger rosig aus, wie er gegenüber jW verrät: »Für die Lehrkräfte bedeutet die Mangelsituation eine immense Mehrbelastung, die die Gesundheit gefährdet. Durch Corona, durch die schlechte bauliche Situation der Schulen wird die Arbeitssituation zusätzlich belastet«. Lehrermangel ist kein Berliner Problem, auch in anderen Bundesländern gibt es viel zu wenig Lehrkräfte. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sieht ein gravierendes Problem im Kooperationsverbot, eine grundgesetzliche Regelung, die besagt, dass der Bund keinen Einfluss auf die Schulpolitik der Länder ausüben darf, insbesondere nicht durch die Finanzierung von Bildungsmaßnahmen.

Gegenüber jW forderte Beckmann am Donnerstag: »Die Politik muss das Kooperationsverbot durch eine in der Verfassung verankerte Verantwortungsgemeinschaft von Bund, Ländern und Kommunen ersetzen, um mehr Bildungsgerechtigkeit unabhängig vom Wohnort und sozioökonomischen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler gewährleisten zu können.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. aus 08280 Aue (19. August 2022 um 14:57 Uhr)
    Zu Schwimmbädermisere und Nichtschwimmerland war kürzlich in junge Welt zu lesen. Ein fast Dauerthema im reichen Deutschland. »Pauken ohne Pauker« heißt akuter Lehrkräftemangel – ebenso ein Dauerthema im Lande der Dichter und Denker. Warum ist dem so und muss so sein? Wer genau nachdenkt, sich mal die Spielregeln gelobter Marktwirtschaft näher zu Gemüte führt, der kann richtige Erkenntnis erlangen. Im übrigen steht eine DDR nicht nur für alle Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, sondern auch dafür, dass in ihr Nichtschwimmer, Schüler ohne Lehrer nie Problem gewesen sind. Nur wenige Jahre Existenz der DDR haben ausgereicht, Schwimmunterricht, Bäder und Schulen mit ausreichend Lehrern zu versehen. Nicht alles gleich, sofort auf höchstem Niveau, aber sehr schnell, überall und für alle landesweit, ohne Geldmangel. Wie ging das bei akutem Arbeitskräftemangel, bekanntem ökonomischem Rückstand, angeblich verheerender Planwirtschaft? Kapitalistische Marktwirtschaft hat die ausschließliche Priorität »Profitabilität«. Öffentlicher Daseinsvorsorge, Bildung, Bäder usw. hat das noch nicht ausreichend, auch wenn es zunehmend privatisiert, profitabel zu machen versucht wird. Tiefe umfassende Erklärung findet sich darin, dass die nach wie vor gelobte Marktwirtschaft längst keine ihrer Begründer, wie Gründerzeit ist. Kapitalverwertung heute, der Konzerne, Finanzmonopole haben mit freier Marktwirtschaft nichts mehr gemein. Konkurrenz schließt nicht mehr notwendig Konkurrenz der Konkurrenten um beste Waren, Produkte und Leistungen ein. Un- und nicht genügend Profitables wird abgestoßen, der Allgemeinheit oder Fürsorge überlassen. Schwimmer oder allgemein Hochgebildete sind nur gefragt, wenn sie profitabel verwertbar sind. Das ist erstes und letztes Menschenrecht dieser Gesellschaft.

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