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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der stadtbekannte Bruder Lügenmaul

Goethe macht blau
Von Peter Köhler
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Italienische Reise nur noch mit Maske (Flughafen Frankfurt am Main, 17.2.2021)

»Wenn wo was los, er darf nicht fehlen;

Was ihm beliebt, das muß er stehlen;

Wenn wer was macht, er macht es nach;

Und Bosheit ist sein Lieblingsfach.«

Edward de Vere, Earl of Oxford (1550–1604)

»Des Mannes Bedürfnisse waren sehr vielfach, seine Neigung zumal für gesellige Freuden außerordentlich groß. Von den vornehmsten Häusern der Stadt als unvergleichliches Talent gewürdigt und gesucht, verschmähte er Einladungen zu Festen, Zirkeln und Partien selten oder nie. Diese Vergnügungen, bald bunt und ausgelassen, bald einer ruhigeren Stimmung zusagend, waren bestimmt, dem lang gespannten Geist nach ungeheurem Kraftaufwand die nötige Rast zu gewähren; auch verfehlten sie nicht, demselben nebenher auf den geheimnisvollen Wegen, auf welchen das Genie sein Spiel bewußtlos treibt, die feinen flüchtigen Eindrücke mitzuteilen, wodurch es sich gelegentlich befruchtet.«

Thomas Mann, »Lotte in Weimar« (1855)

Goethe hatte soeben die Gitarre ausgestöpselt und die Kopfhörer abgenommen, als es an der Zimmertür klopfte. »Herein, wenn’s kein Schneider ist!« rief Goethe fröhlich wie immer, wenn er alle trüben Gedanken des Tages durch das wilde Spiel auf der E-Gitarre abgeschüttelt und seine grauen Zellen ordentlich durchgelüftet hatte. Die Grete, sein Stubenmädchen, trat ein, knickste und sagte: »Ihr habt mir aufgetragen, Euch beizeiten zu erinnern, dass Ihr Mozart pünktlich vom Bahnhofe abholen mögt. Er kommt mit dem Zug um 18 Uhr 27 von Prag.«

»Danke, Gretchen«, sagte der Dichterkönig und schaute auf seine Armbanduhr: Es war kurz nach fünf – Zeit genug, noch ein halbes Stündchen am »Wilhelm Tell« zu arbeiten, seinem ebenso langen wie breiten Gedicht über den Tiroler Freiheitshelden und Sportschützen! Wie jedes Mal fühlte er sich nach den krachenden Riffs auf der Gitarre selber frei und bereit, schwungvoll ein paar Verse runterzuhämmern.

»Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!« schurrte die Feder geschwind über das Papier. Goethe hatte sich angewöhnt, wie die Klassiker zunächst mit der Hand zu schreiben, bevor er seinen Sekretär John beauftragte, die Verse ins Notebook einzutippen und in der Cloud zu speichern. »Brüder, zum Lichte empor!« fuhr Goethe fort. Es flutschte. Diese Rede Tells an sein Volk unmittelbar nach seinem legendären Birnenschuss war so recht nach seinem, Goethes, Geschmack. Er war schließlich auch einmal jung gewesen und hatte, von morgenschönen Menschheitsbeglückungswünschen entflammt, das Establishment herausgefordert und gegen die alten Nazis in Verwaltung und Justiz demonstriert, hatte als Parteigänger Maos »das Hauptquartier bombardiert«, wie es im Roten Buche stand, hatte aufbegehrt gegen Habsburg, sich empört wider den eitlen Adel, den US-Imperialismus und alles, mochte sich Erlkönig Carl August von und zu Weimar-Hohenlohe doch im Grabe umdrehen! »Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft hervor!« Ja, das waren Reime. Goethe hörte in seinem geistigen Ohr schon die Musik dazu, eine mitreißende Melodie, Millionen Tiroler überall in der Welt sollten sie singen!

Ob Mozart das komponieren könnte? Oder sogar ein formidables Musical aus dem Epos zu machen bereit stünde? Picasso würde vielleicht die Bühnenkulissen malen, mit Photoshop könnte das doch jeder Idiot … und Henry Moore könnte glatt eine Skulptur aus dem ganzen Stück formen, oder einen modernen Springbrunnen! Beim heutigen Stand der Cross-over-Technik kein Problem! Goethe strich sich über den Bart, zog eine Schublade auf und sog den Duft des faulen Apfels ein, den er seit Wochen darin aufbewahrte. Seine Schwester Elisabeth, die ihm seit ihrer Rückkehr aus Paraguay drunten in Südamerika nach Weimar den Haushalt führte, würde schimpfen, wenn sie das wüsste, der alte Hausdrachen mit dem unzähmbaren Willen zur Macht über ihn, den berühmten Bruder! Apropos!

»Brüder, in eins nun die Hände … der Sklav’rei ein Ende … Alle Menschen werden Brüder …«, seine Inspiration versickerte allmählich. Goethe spürte, wie der Akku leer wurde, »wo dein sanfter Bruder weilt« … Nein, nein! Da vibrierte seine Hand. Ein Anruf! Goethe steckte den linken Zeigefinger ins Ohr und hielt die Rechte vor den Mund.

»Ja?«

»Sachs hier, Hans Sachs, schönen guten Tag, Herr Goethe. Ich wollte Euch nur sagen, dass die Freizeitschuhe fertig sind und abgeholt werden können.«

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Installationsprojekt von Ottmar Hoerl zu Goethe (Uni Frankfurt, 4.6.2014)

Goethe dankte, läutete seinem Burschen, indem er über den Chip in seinem linken Ellenbogen strich, und befahl ihm, morgen früh als erstes zum Schuhmacher Sachs zu gehen. Selber wollte er nicht hin, dann würde dieser Freizeitlyriker ihn wieder belätschern und nicht davonziehen lassen, ohne ihm seine jüngste Tintenkleckserei gezeigt zu haben, irgend so was wie »Die Jobsiade« oder »Fipps, der Affe« oder gar diese unsägliche »Ein Mensch«-Leier: »Ein Mensch, als Tiefseefisch gebaut, / Ist mit der Finsternis vertraut«. Zum Mäusemelken! Wenn er wenigstens schöne Bilder dazu malen könnte!

Unterdessen war es kurz nach halb sechs geworden. Goethe räumte das Manuskript weg und öffnete das Fenster. In der Ferne knatterte ein Motorrad, aus einer Wohnung in der Nachbarschaft drang leise und laut das Brummen eines Staubsaugers, und unten auf dem Pflaster trabte der Postbote in gelber Uniform auf seinem Nachhauseweg vorbei, der alte Eichendorff. Vom nahen Atomkraftwerk wehte eine warme Brise, und das Schnuckfötzgen von gegenüber kippte just einen Kübel Unrat in die Gosse.

Goethe schloss das Fenster, streifte die Rollschuhe über und sauste in die Küche. Seine Schwester war anscheinend ausgeflogen, richtig, da lag ein Zettel auf dem Küchentisch: »Hi Bruderherz! Bin bei Lou, Andreas und Salomé zum Kaffee. Kann spät werden! Gruß und Kuss, Dein Lästerschwein«. Goethe verzog keine Miene, öffnete den Kühlschrank, nahm eine Flasche Bier und tat ein paar große Schlucke. »Aaah!«

Draußen hupte ein Auto. »Brecht!« schoss es Goethe durch den Kopf, »Brecht! Den hatte ich ganz vergessen! Der wollte ja mit mir ins Kino, ›Die roten Teufel von Stalingrad‹, gucken! Hundsfott, Leckarsch gottverdammter!«

Es klopfte an der Küchentür. Die Grete, sein Stubenmädchen, trat ein, knickste und sagte: »Draußen ist ein Herr Brecht. Er sagt, dass –«

»Schon gut! Richte ihm aus, dass ich krank sei und die Verabredung nicht einhalten kann. Sag ihm, ich melde mich bei ihm, sobald ich wieder auf dem Damm bin. Und dass es mir leid täte!«

Ja, das war der Einbruch des Dämonischen, den Goethe zu fürchten gelernt hatte und vor dem man nie sicher war …

Es klopfte wieder. Die Grete trat ein, knickste und sagte: »Der Herr Brecht lässt Euch ausrichten, er habe Euch putzfidel am Fenster erblickt, und glaube nicht, dass Ihr krank darniederliegt. Er lässt Euch auch melden, er habe seinen besten Freund, den Herrn Mann, mitgebracht, der Euch kennenzulernen wünscht, nachdem er schon so viel über Euch geschrieben hat. Ist das ein Journalist, Herr?«

»Mann? Thomas Mann? Nein, Journalist ist der nicht, sondern ein Waschweib. Dieses inkommode Lügenmaul hat mir gerade noch gefehlt! Lotte hat seinetwegen jede Verbindung zu mir abgebrochen, will nie mehr nach Weimar kommen und antwortet nicht mal mehr auf meine E-Mails und Twittermeldungen. Grete, bestell den beiden Herrschaften, ich sei nicht krank. Sag ihnen, ich sei soeben gestorben!«

Goethe hörte einen Wortwechsel, das Schlagen von Autotüren, das Aufheulen des Motors, das Quietschen von Reifen. Immer diese sogenannten Kollegen! Ein Edward de Vere, irgend so ein feiner Pinkel aus Oxford, hatte ihm sein Manuskript der »Lustigen Weiber von Windsor« geschickt, weil er von Goethe eine Empfehlung für eine städtische Bühne erhoffte, Dante wartete seit Wochen auf einen Rückruf von ihm, er musste endlich den dritten Teil seiner »Strömungslehre« vollenden, und dann sollte er sich noch irgendwann auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt treffen! Zu schweigen von diesem eingebildeten Professor für Tiefsinn aus Jena, Friedensreich Schwaller oder wie, den Namen konnte er sich platterdings nicht merken!

Na ja, dieses Wochenende wollte er einfach ein gemütliches Wiedersehen mit Mozart, Hölderlin und Rudolf Diesel feiern, und das sollte ihm niemand kaputtmachen. Sie wollten mit dem Fahrrad raus in die Natur, eine kleine Herrenpartie unternehmen, hatte er Elisabeth gesagt und natürlich mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt, dass auch Else Lasker-Schüler, das verrückte Huhn, Romy Schneider und Cameron Diaz dazustoßen würden, hehe! »Spritztour« wäre das richtige Wort, knallte es Goethen durch den zuweilen ganz schön pubertären Kopf.

Merkwürdig eigentlich, dass ein Technikfreak wie Mozart mit der Eisenbahn angeschuckelt kommt und nicht mit einem dieser praktischen Personal flyer düst, den heute schon jeder zweite in der Garage stehen hat, wunderte sich Goethe höchlich. Gewiss, Mozart soll Flugangst haben, aber dagegen kann man doch vorher ein Nasenspray nehmen, das es in jedem Supermarkt gibt!

In gar mancherlei Betreff war eben selbst ein Mozart konservativ. Ganz anders er, Goethe, der als echter Dichter immer der Zeit voraus war. Mit Zufriedenheit, ja Stolz gedachte er, wie sein Opus magnum, an dem er seit seiner Jugend gearbeitet hatte, jenes Riesenwerk, das über Jahrzehnte hinweg sein poetisches Hauptgeschäft gebildet hatte, ähnlich wie »Zettels Traum« seinerzeit bei der Kritik und beim Publikum auf völliges Unverständnis gestoßen war – und heute war das Ding Schullektüre! Und, grinste Goethe, das Ding war – wirklich ein Riesenscheiß!

Egal! Goethe stellte sich in den Clean-o-mat, drückte einen Knopf und ließ sich frischmachen, artig frisieren und andere Klamotten anziehen. Anschließend rollte er zur Gesindestube, trat ein, ohne zu klopfen, und sagte seinem Burschen und dem Stubenmädchen Grete, die sich schnell was darüberhielten, sie möchten das Gästezimmer für Mozart herrichten, damit alles seine Richtigkeit und gute Ordnung habe. Dann flog er zum Bahnhof.

Peter Köhler, geboren 1957 in Eschwege, ist Journalist und Schriftsteller und hat zahlreiche Anthologien und Sachbücher veröffentlicht. Er ist Mitglied der satirischen »Neuen Göttinger Gruppe« und gehört der Jury des Satirepreises »Göttinger Elch« an. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 16. April 2022 über den Menschensohn: »Was soll aus dem Jungen bloß werden?«

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