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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Phantastische Kurzsichtigkeit

Was macht die Besonderheit der politischen Strategien des deutschen Imperialismus aus? 1966 gab der ungarische Marxist Georg Lukács darauf eine Antwort (Teil II)
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Parade der preußischen Truppen 1871 vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Eine normale imperialistische Entwicklung Deutschlands hätte ein vorsichtiges Lavieren zwischen den großen Interessengegensätzen der Zeit – England – Russland, Russland – Österreich, England – Frankreich etc. – erfordert, das Durchsetzen von Etappenzielen auf dem Wege eines do ut des (ich gebe, damit du gibst). Ohne auf Details eingehen zu können, muss festgestellt werden, dass es der Politik Wilhelms II. gelungen ist, was noch wenig früher niemand für möglich gehalten hätte: alle diese Gegensätze temporär verschwinden zu lassen und die spätere Entente ins Leben zu rufen.

In der deutschen Geschichtsschreibung wird mit wenigen Ausnahmen diese Generallinie unsichtbar. Es wird immer wieder der höchst triviale Gemeinplatz bewiesen, dass auch England, Frankreich und Russland imperialistische, also letzten Endes kriegerische Ziele gehabt haben. Es ist aber hier nicht von dieser Selbstverständlichkeit die Rede, sondern davon, welche imperialistische Politik das wilhelminische Deutschland in einem solchen imperialistischen Milieu geführt hat. Wenn zum Beispiel England ernsthaft bestrebt war, zu einer Flottenvereinbarung mit Deutschland zu kommen, so war dahinter weder pazifistische Friedensliebe noch teuflische List verborgen, sondern einfach der Versuch, aus dem gefährlichen Konkurrenten Deutschland einen Juniorpartner zu machen. Der Preis wäre natürlich, neben dem Verzicht auf Flottenrivalität, neben kolonialen Entschädigungen, eine Gegnerschaft zu Russland gewesen. Deutschland hatte also inmitten des säkularen asiatischen Gegensatzes England-Russland die Möglichkeit einer Option. Die Wilhelminische Politik hat aber – absichtlich oder aus strategischer Blindheit – das Bündnis England – Russland zustande gebracht.

Es kann hier nicht auf eine ausführliche Analyse ankommen. Es zeigt sich bloß, dass die deutsche Politik in phantastischer Kurzsichtigkeit einen Kampf auf Leben und Tod, um Weltherrschaft oder Untergang, provozierte. Unter den damals gegebenen deutschen Verhältnissen lässt sich das natürlich aus Programmerklärungen aktenmäßig schwer nachweisen. Das Programm wurde ja, inoffiziell, von den dilettantischen Alldeutschen ausgearbeitet; erst im Kriege wurde offenkundig, wie ausschlaggebend dieser Einfluss vor allem in der Militärbürokratie war (…).

Damit steht die Eigenart der deutschen imperialistischen Politik – im Gegensatz zu den anderen Imperialismen – schon deutlicher als bisher vor uns. Es gibt einen großen und in allen technischen Einzelfragen ausgezeichnet funktionierenden Militärapparat, die zivile Bürokratie hat ein etwas niedrigeres Niveau. Alles Taktische jedoch, das mit dieser Organisation erzielt werden sollte, stand im Dienst einer völlig irrealen Strategie. Bei Bismarck mag es sich noch einfach um einen Irrtum in der Beurteilung der strategischen Lage Deutschlands gehandelt haben. Bei Wilhelm II. wächst der Irrtum in einen selbstsicheren und selbstherrlichen, aber sachlich bodenlosen Irrationalismus hinüber. Und dieser Irrationalismus ist nicht zufällig entstanden, er hat seine Wurzeln nur psychologisch in der Person Wilhelms II. Es ist ein interessanter Zufall, dass zur Zeit einer früheren Schicksalswende Deutschlands, nämlich 1848, Friedrich Wilhelm IV. ideologisch sehr ähnlich veranlagt war.

Die Wurzeln dieses Irrationalismus muss man in der deutschen Vergangenheit, in dem verspäteten und reaktionären Nationwerden suchen. In den westlichen Demokratien gab es ein allmähliches Hinüberwachsen der großen nationalen Zielsetzungen ins Imperialistisch-Weltpolitische. Beide hatten dieselben gesellschaftlichen Grundlagen, beide unterstanden, in steigendem Maße, einer Kontrolle der öffentlichen Meinung. Es gab deshalb höchst selten und nie prinzipiell einen qualitativen Abgrund zwischen politisch-militärischer Strategie und Taktik. Da Russland zwar in sozialer Hinsicht ein zurückgebliebenes Land war, seine staatlich-nationale Vereinigung aber in einer zentralisierten absoluten Monarchie erhielt, stellt es eine Zwischenstufe zwischen Deutschland und den Westmächten dar, in der politischen Strategie steht es diesen näher als jenem. Für Deutschland war aber jahrhundertelang die nationale Einheit, die nationale Macht ein utopischer Kyffhäusertraum, der in unüberbrückbarem Gegensatz zu den kleinlichen, bürokratisch engstirnig ausgeklügelten politischen Schachzügen stand. Diese historische Überlieferung äußert sich bereits in der strategischen Blindheit Bismarcks nach 1871. Ihre schädlichen Folgen treten explosiv ans Tageslicht unter Wilhelm II. Und es ist sicher kein Zufall, dass die überwältigende Mehrheit der deutschen Intelligenz sich beim Kriegsausbruch begeistert diesem strategischen Irrationalismus anschloß. Sie spielte die »Idee« von 1914 gegen die von 1789 aus.

Georg Lukács: Über die Bewältigung der deutschen Vergangenheit. (Vorwort zu Georg Lukács: Von NIetzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus in der deutschen Politik. Frankfurt am Main 1966). Hier zitiert nach dem Faksimile des Typoskripts im Internetarchiv der Ungarischen Akademie der Wissenschaften: real-ms.mtak.hu/21818/

Teil I dieses Textauszuges erschien in der Wochenendbeilage vom 13./14. August

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