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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Der Staub und die Wolke

Tiere, Horror, Western, Bildgeschichte – Jordan Peeles neuer Film »Nope«
Von Peer Schmitt
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Staub, an dem Wolken wachsen: Das Äußere eines Schlundes, der Ross und Reiter zu verschlingen droht

Was ist das für eine Landschaft unter freiem Himmel, in der nur die Wolke unverändert bleibt? Eine verdächtige. Wie kann die Wolke bei Wind und Wetter an ihrem Ort ausharren wie ein sehr geduldiges und daher unauffälliges Raubtier, während unter ihr im Staub der Savanne die Gefolge der Pferde entlangziehen? Und sehen bestimmte Wolken nicht ohnehin wie fliegende Untertassen aus? Sowohl von Wolken als auch von fliegenden Untertassen sind im Laufe der Geschichte unzählige Bilder gefertigt worden. Von den Wolken schon wesentlich länger, wenn man die Pferdewagen der Götter nicht zu den unbekannten Flugobjekten rechnet. Das Bild der Wolke, das ist das Schwebende, das sich selbst verbirgt. Man (nicht einmal die Meteorologen) weiß nicht besonders viel darüber, was im Inneren der Wolken so vor sich geht. Die Wolke ist eine Unbekannte. Vielleicht ist so eine Wolke nichts anderes als das Äußere eines Schlundes, der Ross und Reiter zu verschlingen vermag.

Was es mit der Wolke auf sich haben könnte, erfährt man nur durch einen Zufall, der von ausdauernder Beobachtung ermöglicht wird. Die Aufzeichnung der Wolkenposition durch eine Überwachungskamera macht die Beobachtung wiederholbar und somit natürlich erst vergleichbar. Der Vergleich zweier scheinbar ähnlicher Bilder, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden, produziert das Rätsel, den Verdacht. Das Rätsel in einer von der Kamera beiläufig aufgezeichneten Landschaft, die ein Verschwinden vorbereitet, ist zum Beispiel die Konstellation in Michelangelo Antonionis Film »Blow Up (1966)«.

Es ist auch die Ausgangsposition von Jordan Peeles nach »Get Out« (2017) und »Us« (2019) drittem Spielfilm »Nope«. Es ist eine Horrorparodie, ein Endzeitwestern und eine Bildmeditation zugleich. Die Tragweite wird mit einem biblischen Motto gleich zu Beginn festgehalten: »Ich will Unrat auf dich werfen und dich schänden und ein Schauspiel (exemplum) aus dir machen«. Eine Mahnung: Man muss vorsichtig sein, was man beobachtet und zur Schau stellt, denn der Zorn und der Blick, sie sind bekanntlich auf der Seite des Bildes.

Zunächst geht es einmal um die Erben einer Pferdekoppel, Bruder und Schwester, OJ (Daniel Kaluuya) und Emerald Haywood (Keke Palmer). Ihr Vater, der Betreiber der Pferdekoppel, ist unter den Wolken verschwunden. Die Pferde sind geblieben. Sie werden gezüchtet und trainiert, um an die Film-, Western-Show- und Werb-TV-Industrie verliehen zu werden. Die hochspezialisierten Pferde sind glücklich und wertvoll. Die Ranch – gedreht wurde in Santa Clarita, L.A. County – ist videoüberwacht.

Das Ranchhaus ist nicht nur Regieraum für die Überwachungskameras, sondern auch vollgestopft mit Pferdefilmgeschichte. Die Haywoodfamilie behauptet von Beginn an, mit ihren Pferden dabeigewesen zu sein. Ein Filmplakat von Sidney Poitiers (in Regie und Hauptrolle) Spätwestern »Buck and the Preacher« (1972) kündet auch davon.

Was gern vergessen wird, gut ein Viertel der Cowboys – der Viehtreckarbeiter in den goldenen Zeiten, etwa 1870 bis 1900 – der Viehzuchtindustrie des amerikanischen Westens war schwarz. Die Filme, deren Zeit begann, als es mit der nomadischen Lebensweise der Cowboys in der realwirtschaftlichen Welt bereits zu Ende gegangen war, nahmen erst ziemlich spät wieder davon Kenntnis. Die Haywoods wiederum sind die einzigen schwarzen Pferdetrainer in Hollywood.

In einer Nebenhandung geht es um die Vergangenheit des Betreibers eines Western-Themenparks (Steven Yeun), der ein Kinderstar in einer 90er-Jahre-Schimpansen-TV-Show war, bevor ein wildgewordener Schimpanse dessen (TV-)Familie förmlich zerstückelte.

So wie die Filmgeschichte mit einem Bild von Pferd und Reiter beginnt, steht am Anfang der neueren Fernsehgeschichte die Wohnzimmercouch, die Familie und das Haustier. Auch das gehört zur Geschichte der Bildmaschinen, die in »Nope« zur Schau gestellt werden. Von der selbstgebauten Handkurbelkamera über 90er-TV-Videos bis zur VR-Brille. Was gesucht wird, ist das unmögliche Bild, das Bild des Unbekannten, aus dem Inneren der Wolke, letztlich das eigene Verschwinden. Die Rettung aber liegt darin, sich vor dem Schlund des Unbekannten aus dem Staub zu machen. Zu Pferd.

»Nope«, Regie: Jordan Peele, USA/Japan 2022, 130 Min., bereits angelaufen

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