Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Sa. / So., 1. / 2. October 2022, Nr. 229
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kultur- und Musikszene

»Dann wurde es doch sehr dystopisch«

Über das Album »A Study of Dreaming Habits«, die Kulturszene nach zwei Jahren Corona und veränderte Hörgewohnheiten. Ein Gespräch mit Arya Zappa
Von Michael Sommer
10.jpg
»Techno hat sich in eine Metapher für Mittelmäßigkeit und Spießbürgerlichkeit verwandelt« – Arya Zappa, raus aus dem Club

Ihr Künstlername klingt eklektisch, so allumfassend: A bis Z.

Stimmt, so habe ich es noch gar nicht betrachtet.

Neben der Arbeit für Ihre Technolabels Konsequent und Television Rocks haben Sie 2019 eine zweite Karriere als Sängerin gestartet. Als 2020 das Album »Dark Windows« herauskam, lief gerade die erste Welle der Coronapandemie. Dachten Sie sich, das sei »schlechtes Timing«, oder: »Ich zieh’ das jetzt trotzdem durch«?

Es war auf jeden Fall recht unglücklich, und das aktuelle Album leidet gerade auch schwer darunter, da die Tourinfrastruktur immer noch nicht funktioniert. Das Problem ist, dass neue Acts immer noch nicht wie früher touren können. Viele kleine Veranstalter und Venues waren insolvent und mussten schließen. Gerade werden nur die abgesagten Bookings der großen Acts abgearbeitet. Für neue Künstler ist es fast unmöglich, in der aktuellen Marktsituation eine Fanbase aufzubauen.

Wie zufrieden waren Sie mit der Politik des Berliner Senats gegenüber der Kulturszene während der Pandemie? Ist von der Unterstützung etwas bei Ihnen angekommen, oder haben Sie es gar nicht erst versucht?

Ich denke, was die Förderungen betrifft, war Deutschland ganz vorne. Was aber diese Situation gezeigt hat, ist, wie fragil unsere Kulturstrukturen mittlerweile sind. Das liegt aber auch an der Musikindustrie, die sich selbst über die letzten Jahre kaputtkommerzialisiert und in absolute Belanglosigkeit gebügelt hat. Um kosteneffizient über Social-Media-Algorithmen Marketing zu betreiben, wurde ein musikalischer Einheitsbrei geschaffen, was schlicht eine Beleidigung für die Intelligenz darstellt. Diese manipulative Form von Konsumentenkonditionierung findet bereits seit einigen Jahren statt und hat nicht nur die musikalische Diversität in der populären Musik vernichtet, sondern auch erheblichen Schaden beim Konsumenten angerichtet. Um das nachzuvollziehen, braucht man nur die Vielfältigkeit der Genres der Popmusik aus den 80ern zu betrachten. Was damals im Radio lief und es sogar in die Top ten der Albumcharts schaffte, ist heute undenkbar.

Warum?

Dazu fehlt dem heutigen Zuhörer die kognitive Kapazität. Die Aufmerksamkeitsspanne der Spätmillennials und Zoomer gleicht der von Eichhörnchen und ist extrem auf Konsum reduziert. Musik oder künstlerische Arbeit hat keinen großen Wert mehr, sondern sollte häppchengerecht und schnell verabreicht werden, und dann kommt auch schon der nächste Kick. Das ist extrem ungesund und wird gerade auch der Entwicklung unserer Gesellschaft hinderlich. Wenn alles, was wir als Menschen ausdrücken und produzieren, einen kommerziellen Zweck erfüllen muss, was ist dann die Botschaft, und wer sind wir? Als eine Zivilisation stehen wir da gerade vor einem ernsthaften Problem.

Noch mal zur Kulturförderung. Was ist das Problem mit den Fördertöpfen?

Angesichts der schon erwähnten Fragilität der Kulturstruktur in Deutschland wäre es aus meiner Sicht wichtig, dass weniger kulturfremde Bürokraten und Politiker über solche Belange entscheiden dürfen, als dass sachkundige Experten aus Musik und Kultur zu Rate gezogen werden. Ein Grundeinkommen, das Hartz IV und die labyrinthische Wohlfahrtsbürokratie für Künstler ersetzen würde, wäre schon mal ein Anfang.

Zurück zum neuen Album: Bei Ihrem kleinen Radiokonzert auf Radio eins Ende Juni sagten Sie, zwei der Songs auf »A Study of Dreaming Habits« seien speziell als Reaktion auf die Situation während der Pandemie entstanden – ich rate mal, dass es »Berlin« und »Kiss me awake« sind? Jedenfalls sprechen die Videos zu den Songs eine deutliche Sprache: Einsamkeit, Isolation, Eingesperrtsein.

Anfänglich habe ich es leichter genommen und dachte, es würde sich eh nichts für mich Studioeinsiedlerkrebs ändern. Dann wurde es aber doch sehr dystopisch. Die einsamen Spaziergänge durch die leeren Straßen und die Isolation von Freunden und Familie, das war schon deprimierend.

Im Video zu »Kiss me Awake« wirken Sie wie eine Art Gothic-Dornröschen. Einige Bilder erinnern an Horrorfilme.

Das Video ist eine Hommage an das italienische Horrorcinema der 80er von Dario Argento.

Beim Hören des neuen Albums haben mich die Zeilen »It’s almost midnight / let’s fall in love again« in »Saturday« direkt gekriegt. Das ist schon sehr romantisch. Im Vergleich zu anderen Stücken wirkt der Song sehr optimistisch und up­tempo – richtig befreiend.

Ich fand es interessant, im Zuge der Zusammenarbeit mit Flavio Gonelli und Jonathan Boyle »Saturday« zu produzieren, um etwas Neues auszuprobieren. Ich mag Italo Disco, sehe es aber nicht als zukünftigen Bestandteil des Arya-Zappa-Soundspektrums.

Wie haben Sie zusammengefunden?

Flavio und Jonathan wurden mir vorgestellt, und die Chemie passte von Anfang an. Die beiden arbeiten sehr unterschiedlich, Flavio ist ein großartiger Gitarrist und Jonathan eher elektronisch orientiert. Mit ihm ist zum Beispiel der Song »One Afternoon« entstanden. »Berlin« entstand während einer der Sessions mit Flavio. Ich spielte mit dem Roland-»R-8«-Drumsampler herum, und Flavio spielte dazu auf der Gitarre. Ich nahm einige Loops auf und am gleichen Abend noch die Vocals. Es steckt viel Frustration, aber auch Trotz und Hoffnung in »Berlin« – entstanden in der Peakphase der Lockdowns.

Als Einflüsse höre ich viel Dark Wave oder Synth Wave, aber auch durchaus Synthpop heraus – à la Heaven 17 oder frühe Human League. Es gab damals unendlich viele Bands und Acts. Hören Sie solches Zeugs viel? War es eine bewusste Entscheidung zu sagen, »nach dem Techno drehe ich mal die BPM-Zahl etwas herunter«?

Ich bin mit Human League, Depeche Mode, Bauhaus, Anne Clark, The Cure, Sisters of Mercy und so weiter aufgewachsen. Techno war eine neue Freiheitsbewegung, die mit Abstraktion neue Möglichkeiten eröffnete. Von Styling bis Beats etc. Der Vielfältigkeit waren keine Grenzen gesetzt, und es wurde wild experimentiert. Auf den Tanzflächen liefen Acid, Techno, Breakbeat, Jungle oder Trance und alles zusammen an einem Abend. Mit dem heutigen Techno kann ich mich nicht mehr identifizieren. Er ist weder besonders kreativ noch offen oder vielfältig. Alle sehen gleich aus und klingen auch gleich. Er hat sich in eine Metapher für Mittelmäßigkeit und Spießbürgerlichkeit verwandelt.

Ihr Album ist als Download erhältlich. Hoffen Sie auch auf einen physischen Tonträger irgendwann, oder ist es Ihnen – auch der Vinyl-Hype – egal?

Ich habe 2011 meine Sammlung von fast 14.000 Vinyls aufgelöst. Ich kann nur für mich sprechen und finde Vinyl überflüssig und umwelttechnisch auch nicht mehr vertretbar. Das Argument, Vinyl würde besser klingen, stimmt auch nicht. Vinylliebhaberei hat meiner Meinung nach mit Nostalgie und Projektion zu tun. Dennoch, falls die Nachfrage groß genug sein sollte, werde ich Vinyl auch anbieten, aber sonst ist es mir den Aufwand und die Umweltverschmutzung nicht wert.

Wie geht es für Sie weiter? Sind Auftritte geplant? Zum Beispiel mit Ihrem Alter ego »ReveRso«? Der Auftritt bei Radio eins Ende Juni war ja schön anarchisch, vor allem was die Weigerung von ReveRso betraf, sich ernsthaft mit dem bereitgestellten Instrument auseinanderzusetzen.

Ja, das geschah absichtlich und gehört zu der Performance, die bei Radio eins ja aus Platzgründen nur extrem abgespeckt umgesetzt wurde. An einer Tour arbeitet gerade mein Management, und hoffentlich geht es ab November los. ReveRso wird immer dabeisein, und wir werden dann auch die großartige Performancekünstlerin Mad Kate mit dabeihaben. Die Show ist eher auf Performance, Tanz und Stimme fokussiert. Viele Kostüme und eine Performance, die um meine Stimme drapiert ist.

Arya Zappa war zunächst als Maral Salmassi Techno-Produzentin und Labelchefin, seit 2019 ist sie Popstar. Sie lebt in Berlin.

Arya Zappa, »A Study of Dreaming Habits« (Kobra Recordings)

aryazappa.com

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

Ähnliche:

  • 19.10.2016

    Der Preis der Ekstase

    Der Soziologe Jan-Michael Kühn untersucht »Die Wirtschaft der Techno-Szene«
  • Hits gibt es keine, Kobosil würde sich eher die Finger abhacken
    25.04.2016

    Unter Spannung

    Niemand mit Verstand will heiteren Techno hören: Kobosil aus Berlin-Neukölln hat fremde Planeten besucht und ein großes Album gemacht
  • Die Zuschauer sahen aus wie die Roboter
    15.01.2015

    Lieder aus der Kunstgeschichte

    Die Neonleuchten der alten Bundesrepublik: Kraftwerk haben ihre Berliner »Katalog«-Konzerte beendet.

Regio:

Mehr aus: Feuilleton