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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 7 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Acht Tage Streik in Felixstowe

Größter britischer Containerhafen vor Ausstand, Merseyhafen in Liverpool könnte folgen
Von Burkhard Ilschner
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»48 Prozent des britischen Containerumschlags«: Hafen von Felixstowe in Suffolk

Die maritime Wirtschaft schaut auf die für Montag angesetzte zehnte Tarifverhandlung für die norddeutschen Seehäfen, aber auch über den Ärmelkanal: Ab Sonntag wird der große Containerhafen im britischen Felixstowe für acht Tage bestreikt. Außerdem läuft unter den Hafenarbeitern in Liverpool eine Urabstimmung über einen noch nicht terminierten Ausstand. Beide Arbeitskämpfe werden sich erheblich auch auf hiesige Häfen auswirken.

In Felixstowe haben sich die organisierten Beschäftigten Ende Juli laut Mitteilung der Gewerkschaft Unite mit großer Mehrheit für den Streik ausgesprochen. Eine von der Felixstowe Dock and Railway Company (FDRC) angebotene Lohnerhöhung um nur fünf Prozent bewertete Unite mit Blick auf zweistellige Inflationsraten als »effektive Gehaltskürzung«. Anfang August scheiterte ein Vermittlungsversuch durch den Advisory, Conciliation and Arbitration Service (ACAS), einer nach britischem Arbeitsrecht vorgeschriebenen Schlichtungsstelle: Die FDRC erhöhte ihr Angebot zwar auf sieben Prozent, das genügt Unite aber nicht annähernd. Damit ist der angekündigte Acht-Tage-Streik von mehr als 1.900 organisierten Hafenbeschäftigten nun unausweichlich.

Parallel spitzt sich im Hafen von Liverpool die Lage zu: Zunächst hatten mehr als 500 Hafenarbeiter einen Arbeitskampf beschlossen, nachdem auch ihr Unternehmen, die Mersey Docks and Harbour Company (MDHC), nicht über ein Sieben-Prozent-Angebot hatte hinausgehen wollen. Darüber hinaus wirft Unite der MDHC vor, eine Lohnvereinbarung von 2021 nicht eingehalten zu haben. Eine Terminentscheidung soll es erst geben, wenn eine noch laufende Urabstimmung wegen des gleichen Lohnangebots unter den Wartungstechnikern des Hafens beendet ist.

In beiden Häfen finden die geplanten Arbeitskampfmaßnahmen beträchtlichen Rückhalt – Ausdruck der Stimmung unter den Beschäftigten: In Felixstowe beteiligten sich 81 Prozent der Unite-Mitglieder an der entscheidenden Urabstimmung, 92 Prozent von ihnen votierten für den Streik. In Liverpool sprachen sich bei einer Beteiligung von 88 Prozent sogar 99 Prozent der Hafenarbeiter für Streik aus (das Votum der Ingenieure steht noch aus) – eine Entscheidung in einer Tradition. Der nordwestenglische Merseyhafen machte vor 25 Jahren international Schlagzeilen mit einem 27 Monate und 29 Tage dauernden Arbeitskampf. Konfrontiert mit brutaler Härte der MDHC, unterstützt von Politik und Polizei, konnten die Arbeiter jenen Streik dank weltweiter Solidarität durchhalten.

Der nordwestenglische Hafen von Liverpool ist nur mittelgroß, der Jahresumschlag liegt bei rund 8,5 Millionen Tonnen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Massengut und Öl, aber auch beträchtliche Containermengen – allerdings überwiegend befördert von kleinen und mittleren Schiffen. Hingegen ist Felixstowe der größte Containerhafen des Landes, wenn man die umgeschlagenen Boxen zählt – hinsichtlich der Zahl abgefertigter Schiffe rangieren London Gateway, aber auch Southampton deutlich vor dem ostenglischen Hafen. Das liegt daran, dass Felix­stowe sehr viel stärker als alle anderen britischen Häfen von den großen und größten Containerfrachtern angelaufen wird: 48 Prozent allen Containerumschlags des Inselreichs laufen über Felixstowe.

Beiden Häfen gemeinsam ist, dass ihre Betreibergesellschaften den Angaben von Unite zufolge keinerlei Probleme hätten, ihre Belegschaften höhere Reallöhne zu zahlen. MDHC, das 2021 einen Gewinn von mehr als 30 Millionen Pfund Sterling (etwa 35 Millionen Euro) erzielte, gehört der Peel Group des britischen Multimilliardärs John Whittaker – beide haben ihren Sitz im Steuerparadies Isle of Man –, ein australischer Investmentfonds ist der zweitgrößte Investor der Gruppe. Die FDRC hat laut Unite im Jahr 2020 einen Vorsteuergewinn von rund 61 Millionen Pfund erzielt (rund 72,42 Millionen Euro) und 99 Millionen Pfund (117, 54 Millionen Euro) an Dividenden ausgeschüttet. Zum überwiegenden Teil gehört die FDRC der global aktiven Holdinggesellschaft Hutchison, einem an der Börse Hongkong notierten, aber im Steuerparadies der Cayman Islands registrierten Konzern.

In beiden Fällen handele es sich um »äußerst profitable Geschäfte und unglaublich wohlhabende« Eigner, betont Unite-Generalsekretärin Sharon Graham. Die aktuellen Konflikte in den Häfen seien ein »weiteres Beispiel dafür, warum die Arbeiter in diesem Land genug haben«.

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