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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Notas de Cuba

Redaktion Bahamas

Von Ken Merten
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So schön türkisblau ist die Karibik ...

»O arme Opfer unsrer Zwistigkeiten« – die späte Einsicht des alten Capulet im letzten Akt von Shakespeares »Romeo und Julia«, übersetzt von August Wilhelm Schlegel. Vorgeschlagene Versöhnung, nicht zu haben ohne den Staat als Überordnung (»Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen«, sagt Prinz Escalus von Verona), die innerhalb eines Systems und einer Klasse vielleicht nach großem Schicksalsschlag so gehen mag.

Gehen wir einmal voll und ganz in Belletristik über und denken uns zwei, die in der Ferne nicht einmal von einer Zeitzone, dafür durch zwei Systeme getrennt sind: die eine in den USA, der andere auf Kuba. Auch mit den in diesem Mai von US-Präsident Joseph Biden angekündigten Lockerungen der Blockade Kubas bleiben Individualreisen zwischen beiden Ländern ohne Sondergenehmigung verboten.

Also kratzen die beiden Liebenden ihr Geld zusammen und fliegen jeder von sich aus auf die Bahamas. Nordöstlich von Kuba, südöstlich von Miami. Ein Commonwealth von – wieviel? – knapp 400.000 Linksfahrern und Christinnen (knapp 70 Prozent davon in allerlei protestantischen Unterkirchen versammelt), deren Gouverneur von der britischen Krone bestimmt wird. 700 Inseln, nur 30 bewohnt, ein Teil davon in privater Hand. Was es auf Kuba gibt, gibt es auch hier: Tausendfüßler von der gleichen Sorte wie die roten auf Kuba, nur sind sie auf den Bahamas schwarz; Hunde, nur greifen sie dich auf den Bahamas nicht mit ihrem Blick an, der ansagt, dass sie Hunger leiden, sie greifen mit ihren Zähnen an, wenn du am Haus vorbeiläufst. Warum? Es läuft niemand, Fußwege sind nur sporadisch da, es gibt ja Pkw, große AMG, kleine Nissan »Cubes«, hier und da ein eingedellter Lexus oder auf der Grasfläche stehende Teslas, selbst vor jenen bescheidenen Häuschen, die hurricanesicher extraflach gebaut sind.

Das Leben findet drinnen statt, verdunkelte Fensterscheiben lassen weder Sonne noch Blicke ein. Auch nicht in die bahamaische Bankenwelt: Geldwäsche macht jene geil, die von ihrem Kapital auf dem Konto in Mitteleuropa und den USA nichts an Steuern abdrücken wollen. Neben Steuerhinterziehung sind die Bahamas auch ein prima Luxusurlaubs- und Drehort für James-Bond-Filme.

Kapitalistische Arbeitsteilung im Weltmaßstab: Die Bahamas haben ihr Plätzchen als bestochene Randerscheinung. Trotz einer vorpandemischen Arbeitslosigkeit von 10,1 Prozent (2019; 2020 dann 14,4) stand das Bruttoinlandsprodukt pro bahamaischem Kopf 2020 bei 28.600 des dortigen Dollars (rund 28.000 Euro), der an den US-Dollar gekoppelt ist. In Kuba waren es im Vergleichsjahr 9.477 US-Dollar, in Haiti 1.176.

Aber wir wollten ja Belletristik: Die beiden Liebenden fassen sich am Flughafen der Landeshauptstadt Nassau um Körper und Reiserucksack. Vorfreude und Angst, denn es wird teuer. Allein der Weiterflug auf die östliche Insel Eleuthera, was griechisch ist und »Freie« heißt; dann der Schock im Laden: zwölf Dollar für eine halbe Gallone Milch und einen Salatkopf. Aber die Aussicht: das Karibische Meer da, der Atlantische Ozean dort. An der dünnsten Stelle der Insel gibt es nur zwei Straßenspuren breit Abstand dazwischen. Der Atlantik kackt optisch eindeutig ab gegen sein kleines Azurgegenüber.

Auf dem Weg vom Airbnb zum Wasser bauen Goldene Seidenspinnen (Trichonephila clavipes) ihre Netze auf Kopfhöhe. Trotz ihrer Totenkopfmusterung sind sie den beiden ungefährlich, nur die reißfesten Fäden sind arg anhänglich. Die beiden Liebenden von links und rechts, Ost und West der Weltmauer verbringen einen ersten Abend in kilometerweiter Strandeinsamkeit am Surfer’s Beach – atlantikseits, leider. In der Ferne ein unregelmäßiges Blitzen auf dem Wasser – Krieg könnte das sein, aber es ist auch Samstag, und da fahren viele Kreuzfahrer, also muss es Feuerwerk sein.

So gehen die Tage dahin, auch die letzten, zurück in Nassau auf der Insel New Providence. Der von Papa bezahlte Tourismus mit rosa Stoffhosen, Ledergürtel und hineingestecktem, pastellgelbem Hemd trottet um sie her, kauft teuren billigen Nippes und Rumkuchen. Auch sie sind verkatert. Sie haben simultan Orgasmen im Hostelbett und liegen faul am öffentlichen Strand – sie mit Michel Houellebecq und Bahamas, er mit Hanya Yanagihara und Konkret; sie hört Deutschrap von jetzt, er 15 Jahre alten Metalcore (auch deutschsprachig). Vollgeladene Schiffe schleppen sich durch den Hafen, um die Erholungsrotte zum Delphineglotzen zu transportieren. Die beiden gucken zu.

Der Urlaub drängt dem Ende zu. Der Abschied ist schwer, das Wiedersehen fern. »Denn nie verdarben Liebende noch so wie diese.«

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