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Aus: Ausgabe vom 18.08.2022, Seite 2 / Ausland
Lehren aus Grazer Wahlsieg

»Zurück zum kommunistischen Handwerk!«

Österreich: KPÖ Tirol tritt zur Landtagswahl im September an und will mit Arbeit an der Basis überzeugen. Ein Gespräch mit Pia Tomedi
Interview: Gabriel Kuhn
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Nah an der Basis: Wahlstand der KPÖ in Graz (2017)

Im September finden im österreichischen Bundesland Tirol vorgezogene Landtagswahlen statt. Warum?

Landeshauptmann Günther Platter von der ÖVP will zurücktreten, das Amt aber mit einer Wahl an seinen designierten Nachfolger Anton Mattle übergeben. Die Grünen, in Tirol Koalitionspartner der ÖVP, stimmten dem zu.

Bei den Landtagswahlen 2018 trat die KPÖ nicht an, nun steht sie wieder auf dem Wahlzettel. Was hat sich verändert?

Die KPÖ Tirol hat im letzten Jahr starken Zulauf erhalten, die Mitglieder engagieren sich. Der Wahlsieg der KPÖ in Graz (bei den Gemeinderatswahlen im September 2021, jW) hat gezeigt, dass es eine linke, soziale Alternative gibt, die wir auch den Menschen in Tirol anbieten wollen.

Welche Bevölkerungsgruppen sind in der Partei aktiv?

Bei uns findet sich eine breite Mischung: Leute Anfang 20 sind genauso aktiv wie eine 83jährige Genossin, die seit mehr als 50 Jahren Mitglied ist und immer noch an unseren Infotischen steht.

Was sind Ihre Zielsetzungen für die Wahlen?

Das erste Ziel haben wir schon erreicht, nämlich es auf die Liste zu schaffen. In den Bezirken Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land haben wir dafür genügend Unterstützungserklärungen gesammelt. Das nächste Ziel ist es, einen guten Wahlkampf zu führen und unsere Themen einzubringen.

Welche sind Ihre Themen?

Die Wohnpolitik ist seit jeher wichtig in der KPÖ. Gegenwärtig dreht sich vieles um die Teuerungen, die für uns alle existenzbedrohend sind. Außerdem wollen wir die Politikergehälter senken, die in Österreich weit über dem EU-Durchschnitt liegen. Politiker verlieren die Bodenhaftung und den Bezug zur Realität, sie haben keine Ahnung von den Lebensproblemen der meisten Menschen. Den Statuten der KPÖ zufolge zahlen alle unsere Funktionäre den Teil ihres Gehalts, der über den Durchschnittslohn einer Fachkraft hinausgeht, in einen Sozialtopf ein. Aus diesem werden Menschen in Notlagen unterstützt. In Graz konnte die KPÖ auf diese Weise in den letzten 30 Jahren mehr als eine Million Euro umverteilen.

Der Alpenraum gilt als tief katholisch und erzkonservativ. Gibt es in der politischen Geschichte Tirols irgendwelche Aspekte, auf die Sie sich als KPÖ positiv beziehen können?

Es gibt eine sozialrebellische Tradition, die bis zu Michael Gaismair und den Bauernkriegen Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreicht. Während der Naziherrschaft gab es Widerstandsgruppen, in denen auch KPÖ-Mitglieder aktiv waren. Menschen wurden verfolgt und hingerichtet. Nicht wenige von ihnen kamen aus bäuerlichen Familienstrukturen. Wir wollen, dass die KPÖ Tirol als Partei der Arbeiter und Bauern wahrgenommen wird.

Gibt es in der Bevölkerung nicht einen starken Vorbehalt dem Kommunismus gegenüber?

Die katholische Kirche und die ÖVP, die in Tirol ein schwer zu brechendes Machtmonopol bilden, haben hier ganze Arbeit geleistet. Entsprechende Haltungen sind nicht leicht zu überwinden. Aber der meiste Gegenwind kommt vom politischen Gegner und den bürgerlichen Medien. Bei unseren Hausbesuchen werden wir kaum mit antikommunistischen Vorurteilen konfrontiert.

Apropos Partei der Arbeiter und Bauern: Wie wollen Sie das bäuerliche Milieu für sich gewinnen?

Ich bin selbst am Land aufgewachsen, ich kenne die dörflichen Strukturen und die sozialen Probleme. Stadt und Land werden oft gegeneinander ausgespielt, sind aber eng miteinander verbunden. Die Menschen in der Stadt und auf dem Land sind voneinander abhängig. Man sollte sich auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren und den Stadt-Land-Gegensatz überwinden. Wenn es um die politische Arbeit auf dem Land geht, muss man sich auf die dortige Kultur einlassen. Es gibt am Land schlechte Traditionen, aber auch gute.

Die Bedeutung des KPÖ-Erfolgs in Graz wurde bereits erwähnt. Wie hat sich dieser auf kommunistische Politik in Österreich insgesamt ausgewirkt?

Vielen KPÖ-Mitgliedern ist klar geworden, dass man zum eigentlichen kommunistischen Handwerk zurückkehren muss. Ich meine damit die konkrete Arbeit an der Basis. Ohne diese wäre der Erfolg in Graz nicht denkbar gewesen. Es geht nicht um große Worte und schöne Theorien, sondern darum, wirklich auf die Leute zuzugehen.

Pia Tomedi ist Spitzenkandidatin der KPÖ Tirol bei den Landtagswahlen am 25. September

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  • Leserbrief von Wolfgang Müller aus Berlin (18. August 2022 um 09:23 Uhr)
    Hätte bis Mitte der Nuller Jahre die Berliner rot-rote Regierungskoalition unter Senator Sarrazin nicht 200.000 Wohnungen an Immobilienkonzerne verhökert, dann würde die Linkspartei heute sicher doppelt und dreifach so viele Stimmen bekommen – in Berlin jedenfalls. Klar freut mich, dass die Linkspartei den Verkauf des städtischen Tafelsilbers heute als »Fehler« bezeichnet. Trotzdem frage ich mich, wenn diese Partei in einer für ihre Identität so entscheidenden Frage derart versagt, hat sie überhaupt das kompetente Personal, dass die Glaubwürdigkeit und Konsequenz einer KPÖ in Graz besitzt?

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