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Aus: Ausgabe vom 17.08.2022, Seite 7 / Ausland
Westafrika

Abschied ohne Lebewohl

Mali: Französische Truppen abgezogen. Deutsche Falschinformationen richtiggestellt
Von Jörg Tiedjen
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Nicht ganz freiwillig: Abtransport von Fertigbauten vom französischen Stützpunkt in Gao (15.4.2022)

Welch ein Kontrast zu den Bildern von vor neun Jahren, als begeisterte Malier die ersten Kontingente der französischen Armee mit Jubel empfingen: Am Montag meldete der Generalstab in Paris in einer Pressemitteilung, dass die letzten Einheiten der »Opération Barkhane« um 13 Uhr Mali verlassen hätten. Zwar ist das Kommuniqué voll des Lobes über den geordneten Rückzug, der trotz aller logistischen Herausforderungen in weniger als einem halben Jahr bewältigt worden sei. Ein Wort über einen feierlichen Abschied nach gelungener Mission sucht man jedoch vergeblich.

Statt dessen Schimpf und Schande: In Gao fand erst am Wochenende eine Demonstration der Bewegung »Forces vives« statt, wie die Infoseite Maliactu berichtete. Dabei sei nicht nur der Vorwurf erhoben worden, dass in Wahrheit die französischen Truppen für den Terrorismus im Sahel verantwortlich seien. Paris sei auch ein Ultimatum gestellt worden, die Stadt am Niger »innerhalb von 72 Stunden« zu verlassen. Ansonsten werde man die Hauptverkehrsachsen für Armeefahrzeuge sperren.

Als im Januar 2013 die damals noch »Serval« genannte französische Militärintervention in Mali begann, galt sie als Rettung in letzter Minute vor einem Vorstoß diverser Dschihadistenfraktionen auf die Hauptstadt Bamako. Allerdings hat weder die militärische Präsenz der Franzosen noch anderer Länder im Rahmen der UN-»Blauhelmtruppe« Minusma seitdem mehr Sicherheit gebracht. Im Gegenteil stürzte Mali immer weiter ins Chaos. Erst Anfang des Monats hatten Dschihadisten die Ortschaft Tessit im Südosten des Landes überfallen. Dabei gab es auf seiten der malischen Streitkräfte 42 Tote – der schwerste Terrorangriff seit drei Jahren.

Die Angreifer vom »Islamischen Staat« sollen in Tessit über Artillerie und Drohnen verfügt haben. Aber wie kann es sein, dass Organisationen, die angeblich seit Jahren von internationalen Streitkräften bekämpft werden, so stark sind, dass die malische Armee ihnen schon von ihrer Ausrüstung her nichts entgegenzusetzen hat? Insbesondere Frankreich wird vorgeworfen, den Terrorismus nur zum Schein zu bekämpfen und in Wirklichkeit von ihm zu profitieren. Oder, mit den Worten der »Forces vives« aus Gao: Das französische Militär erscheine als der »wahre Pate der Terroristen«.

Nicht nur die frühere Kolonialmacht Frankreich ist in Mali in Verruf geraten. Wie der Sender Africanews am Montag meldete, wurden Ende vergangener Woche in Bamako 49 ivorische Soldaten wegen »Gefährdung der Staatssicherheit« vor Gericht gestellt. Sie waren Mitte Juli bei der Einreise als Söldner festgenommen worden.

Schon am Freitag hatte Deutschland angekündigt, den größten Teil seiner militärischen Aktivitäten im Rahmen der Minusma auszusetzen. Begründet wurde der Schritt damit, dass Bamako zum wiederholten Male einem Bundeswehr-Flug keine Genehmigung erteilt habe. Das wurde am Sonnabend vom malischen Außenministerium als »Falschinformation« zurückgewiesen. Laut einer von Maliactu wiedergegebenen Pressemitteilung habe Außenminister Abdoulaye Diop bei einem Treffen mit dem deutschen Botschafter Dietrich Pohl darauf hingewiesen, dass die Bundeswehr sich wegen der Flugrechte an die Minusma hätte wenden müssen. So sei es am 1. August mit der UN-Truppe abgesprochen worden.

Unterdessen haben Politiker wie die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), klargestellt, dass sie Mali so schnell nicht in Ruhe lassen werden. Laut einem Spiegel-Artikel vom Freitag plädiert sie dafür, die dortigen Bundeswehr-Truppen im Notfall stärker zu bewaffnen. Schließlich sind Sahara und Sahel auch wirtschaftlich zu verlockend, um sie womöglich Russland zu überlassen, das im Einvernehmen mit China verhinderte, dass der UN-Sicherheitsrat Sanktionen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ­CEDEAO gegen die malische »Putschregierung« unterstützt. Außerdem hilft Moskau Bamako militärisch und hat dessen Streitkräften erst vor kurzem Flugzeuge und einen Kampfhubschrauber geliefert.

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