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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

»Auf dem Weg zur Nichtschwimmernation«

Die Misere bei den Schwimmbädern ist groß. Gespräch mit der Präsidentin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, Ute Vogt
Von Andreas Müller
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Abgesperrter Startblock am Rand des Schwimmerbeckens im Freibad Hengstey, Hagen, Nordrhein-Westfalen

Freibäder sind lahmgelegt, weil Bademeister und Rettungsschwimmer fehlen, Bäder müssen wegen der Energiekrise die Wassertemperatur senken. Wie stehen die Chancen für den von Ihnen vorgeschlagenen »runden Tisch« mit Bund, Ländern und Kommunen zum Thema Schwimmen und Bäder?

Bisher gibt es vom Bund leider noch keine offizielle Reaktion, doch wir werden da hartnäckig dranblieben. Wir werden unser Anliegen immer wieder zur Sprache bringen, so wie kürzlich bei der Innenministerin und im Sportausschuss, wo das Thema im Herbst auf die Tagesordnung genommen werden soll. Die Kommunen bauen die Bäder und verantworten ihren Unterhalt, bei den Ländern liegt die Hoheit über den Schwimmunterricht, der Bund kümmert sich um Investitionen: Das sind verschiedene Zuständigkeiten, die endlich koordiniert und gebündelt gehören, so dass an einem »runden Tisch« mit allen Beteiligten kein Weg vorbeiführen kann.

Warum kam der Vorschlag gerade von Ihnen als DLRG-Präsidentin?

Der Vorschlag knüpft unmittelbar an unsere Onlinepetition »Rettet die Bäder« an, die mehr als 120.000mal unterschrieben wurde und die wir dem Petitionsausschuss des Bundestages überreicht haben, von dem sie 2020 einstimmig angenommen wurde. Die entscheidende Forderung dabei ist, dass wir bei den Bädern ein strukturiertes und abgestimmtes Vorgehen brauchen. Es geht nicht nur um Fördertöpfe, bei denen meistens sowieso nur jene Kommunen zum Zuge kommen, die Geld haben. Es geht darum, flächendeckend sicherzustellen, dass der Schwimmunterricht, der übrigens in sämtlichen Bundesländern in den Lehrplänen steht, vor Ort auch tatsächlich überall stattfinden kann. Es ist ein Unding, dass seit der Jahrtausendwende schätzungsweise zwischen 500 und 1.250 Bäder verlorengingen. Mitunter müssen unsere Ausbilder mit den Kindern über eine Stunde lang bis zu einem Bad fahren.

Ein Viertel aller Grundschüler hat gar keinen Schwimmunterricht mehr

Worunter nicht nur die Schwimmfähigkeit bei den Kindern stark leidet. Weniger Bäder und Schwimmhallen beeinträchtigen zugleich die Ausbildung bei unseren Rettungsschwimmern. Hinzu kommen die Folgen von Corona, so dass die Zahl der Rettungsschwimmprüfungen von fast 55.000 im Jahr 2019 auf 22.000 im Jahr 2020 und knapp über 29.000 im Vorjahr zurückgingen. Ähnlich verhält es sich bei den Schwimmprüfungen für Kinder und Jugendliche. Die Anzahl der »Seepferdchen« verringerte sich von über 48.000 im Jahr 2019 auf unter14.600 im Jahr 2020 und knapp 36.400 im Vorjahr. Bei den »Schwimmabzeichen« ist der Einbruch noch deutlicher. Wurden 2019 noch 93.000 verteilt, lag diese Zahl 2020 bei nur noch 23.500 und 2021 bei etwa 38.000.

Das klingt dramatisch …

Wenn es so weitergeht, sind wir auf dem Weg zur Nichtschwimmernation. Wir haben einen riesigen Nachholbedarf in einem Fach, das genauso wichtig ist wie Lesen, Schreiben und Rechnen und das dazu noch lebensrettend ist. Vor kurzem hatte einer unserer Rettungsschwimmer einen achtjährigen Jungen aus dem Wasser gerettet, der über absolut keinerlei Schwimmfähigkeit verfügte. So etwas ist für meine Begriffe mehr als bedenklich.

Wo ist die Not am größten? Was sollte der »runde Tisch« ins Zentrum rücken?

Zuallererst muss verhindert werden, dass weitere Bäder schließen und verlorengehen. Parallel dazu brauchen wir schleunigst eine Landkarte über die genaue Verteilung aller Bäder und deren Zustand. Zwar wurde auf diesem Wege mit dem digitalen Bäderatlas seit 2021 ein erster wichtiger Schritt gemacht. Wir sind aber noch längst nicht aussagefähig und stochern weiter oft im Nebel. Erst wenn wir eine bundesweit lückenlose Landkarte haben, können wir darangehen, diese Lücken mit zielgerichteten Investitionen zu beseitigen.

Vom Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer kam gerade der Vorschlag, Schwimmbäder komplett zu schließen, um Gas zu sparen. Die Leute sollten statt dessen in natürliche Gewässer ausweichen …

Solche Pauschalaussagen sind meines Erachtens unsinnig. Was wir jetzt brauchen, sind Differenzierungen und ein Stufenplan. In der ersten Stufe ist es nach unserer Auffassung legitim, die Temperaturen bei Außenbecken etwas herunterzufahren. In einer weiteren Stufe könnten Spaß- und Freizeitbäder geschlossen werden. Bäder zur Schwimmausbildung jedoch sollten bis zuallerletzt geöffnet bleiben und wirklich erst dann vom Netz genommen werden, wenn es gar nicht mehr anders ginge. Außerdem dürfte bekannt sein, dass natürliche Gewässer und besonders Flüsse ein äußerst schwieriger Ort sind, um das Schwimmen zu erlernen.

Im Juni konnte die DLRG an Nord- und Ostsee nicht alle Wachtürme besetzen. Haben Sie nun für die Ferienzeit überall genügend Rettungsschwimmer zur Verfügung?

Die 86 Stationen an der Nord- und Ostsee sind alle besetzt, an den Küsten sind in der laufenden Saison insgesamt knapp 5.000 Rettungsschwimmer im Einsatz. Dort können wir unsere vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Gemeinden und Kurdirektionen vollauf erfüllen. Inklusive der Binnengewässer sind bundesweit rund 45.000 Ehrenamtler in der Wasserrettung aktiv. Ob allerdings jeder See, jeder Fluss und jede Badestelle durchgehend besetzt sind, das hängt jeweils von den Kapazitäten und individuellen Verträgen unserer rund 2.000 DLRG-Ortsgruppen ab.

Ute Vogt ist seit dem vergangenen Jahr Präsidentin der mit über 1,7 Millionen Mitgliedern und Förderern weltweit größten Wasserrettungsorganisation, der DLRG. Zuvor bekleidete die Rechts­anwältin seit 2005 das Ehrenamt der DLRG-Vizepräsidentin

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