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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über Ukraine-Krieg

Neues imperiales Zeitalter

Die »ewige Zäsur«: Stefan Bollingers Buch über den Ukraine-Krieg und die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen
Von Arnold Schölzel
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Niemals wieder: Deutsche Truppen überqueren am 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze

Der Publizist Stefan Bollinger legte 2016 zum 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion den Band »Meinst du, die Russen wollen Krieg? Über deutsche Hysterie und ihre Ursachen« vor. Dem folgt nun »Die Russen kommen. Wie umgehen mit dem Ukrainekrieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen«. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen jeweils die deutsch-russischen und deutsch-sowjetischen Beziehungen, hinzu tritt die Analyse des geopolitisch-ideologischen Hintergrunds.

Vor sechs Jahren hatte der stets vorhandene Russenhass in den westlichen Ländern wieder einmal irrationale und rassistische Züge angenommen. Das flankierte den Ausbau der Ukraine zu einem NATO-Mitglied ohne formelle Mitgliedschaft und war verbunden mit dem Verschweigen der Greueltaten, die seit 2014 in der »antiterroristischen Operation« Kiews gegen den Donbass begangen werden. Der Begriff »Hysterie« erscheint als zu schwach für das, was sich seit dem 24. Februar 2022 im Westen insgesamt und auch in der Bundesrepublik abspielt. Immerhin geht es um Gesellschaftsformierung, um Kriegsideologie und die Stabilisierung der Heimatfront, um die jahrelang vorbereitete und nun im Handumdrehen geschaffene neue Volksgemeinschaft, die sich hinter jede Sanktion gegen Russland und hinter jede Waffenlieferung an die Ukraine zu stellen hat.

Bollinger nennt die »Zeitenwende«-Rede des Bundeskanzlers am 27. Februar im Bundestag als Meilenstein: »Und dazu applaudierten unterschiedslos Koalitions- und Oppositionsfraktionen (einschließlich der Linken und eines Teils der AfD).« Er setzt dem entgegen: »Wir stehen offenbar am oder wohl doch schon mitten im Beginn eines neuen imperialen oder imperialistischen Zeitalters.« Darin sei die Ukraine nicht das erste Schlachtfeld, es sei »nur ein Krieg von vielen«. Der Autor schließt sich der Auffassung des konservativen US-Historikers Stephen Kotkin an, »dass weniger der Zusammenbruch des Ostblocks 1989/91 eine Zäsur in der Weltgeschichte markiere, sondern mehr das Jahr 1979«. Gemeint sind der Sturz des Schahs im Iran, der Beginn der Wirtschaftsreformen in China, der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan sowie der »neue Anlauf des Kapitalismus« unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Das Resultat ist laut Bollinger: »Dank der erfolgreichen Umprogrammierung der Gesellschaft auf ›Individualismus‹ und ›individuelle Selbstverwirklichung‹ (oder wie die Schlagworte heißen mögen) und der erfolgreichen Domestizierung und Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der Linken bekam damals der Kapitalismus national und übernational freie Bahn. Und die hat er noch immer.« Das zählt der Autor zur langen politisch-militärischen Vorgeschichte des Krieges. Das eigentliche Problem sei aber nicht Russland, sondern China: »Der Krieg gegen Russland, von willfährigen europäischen Staaten betrieben und von der Ukraine erlitten, könnte das Potential des wichtigsten militärischen, weil nuklearen, Verbündeten Chinas schwächen.« Denn Russland, so der Verfasser, sei »noch für einige Jahre die nukleare Speerspitze Pekings«.

Der Hauptteil des Buches besteht aus »Schlaglichtern« auf die Geschichte der deutsch-russischen und deutsch-sowjetischen Beziehungen von Bismarck bis zur Gegenwart. Bollinger nennt dabei den 22. Juni 1941, den Tag des faschistischen Angriffs auf die Sowjetunion, eine »ewige Zäsur« für die russische Politik: Die Verhinderung der Wiederholung eines solchen Überfalls ist ihr oberstes Gebot. Der letzte Abschnitt trägt die programmatische Überschrift: »Rapallo war und ist der Weg«. Bollinger nennt selbst die Hindernisse: Vernünftige Beziehungen zu Russland, wie in Rapallo 1922 fixiert, wurden stets von rechts attackiert, die »Ostpolitik« Willy Brandts ist »entsorgt«, die Erfahrungen der DDR mit ihrer Führungsmacht sind »für die kapitalistische Bundesrepublik keine Erinnerung wert«. Schon 2019 habe das EU-Parlament Russland zum Alleinschuldigen am Zweiten Weltkrieg gemacht.

Bollinger warnt, das alles sei schon zweimal schiefgegangen, »ein drittes Mal könnte einen Neuanfang mangels Deutscher und Russen scheitern lassen«. Davon lassen sich die »Zeitenwende«-Fans vorerst nicht beirren.

Stefan Bollinger: Die Russen kommen. Wie umgehen mit dem Ukrainekrieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen. Verlag am Park, Berlin 2022, 240 Seiten 16 Euro

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