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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst am Bau

Abstraktes auf die Fassade

Wie Künstler helfen, einem Neubauviertel ein neues Image zu verpassen. Ein Ortsbesuch in Eberswalde
Von Fabian Lehmann
_STA1589 © Torsten Stapel.jpg
Es gehe nicht darum, sich an der Wand zu verewigen: Dag Przybilla

Es ist der Morgen des dritten Tages, an dem Dag Przybilla den Zug von Berlin nach Eberswalde nimmt. Hier fremdelt er etwas mit der rauen Brandenburger Herzlichkeit, den wenigen Worten, die beim Bäcker gewechselt werden und dem zugepflasterten Potsdamer Platz, an dem man sich zu früher Stunde zum ersten Bier trifft. Eberswalde, das ist die Stadt, in der Dag Przybilla seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, bevor er 1985 mit Anfang 20 nach Berlin zog, Künstler wurde und sich seither DAG nennt.

Nun kehrt er mit Auftrag zurück. Er ist einer von vier Künstlern, die für die Wohnungsgenossenschaft 1893 den Eingangsbereich eines Wohnblocks im Brandenburgischen Viertel gestalten. Das Neubauviertel, in den 80er Jahren gebaut und ursprünglich nach dem Kommunisten Max Reimann benannt, schaffte seinerzeit Wohnraum für Tausende Arbeiter des Schlacht- und Verarbeitungskombinats im benachbarten Britz. Nach der »Wende« das alte Lied: Wegzug, Verödung, Vernachlässigung der Plattenbauten. Während die Eberswalder Innenstadt wieder glänzt, erfährt das einst aus dem Wald gestampfte Brandenburgische Viertel erst jüngst die gerechte Aufmerksamkeit. Als »Brand.Vier« soll es gewissermaßen neu erfunden, sollen 27 Wohnblöcke innen und außen umfangreich saniert werden. Es handele sich um das »größte Sanierungsprojekt in der Eberswalder Geschichte« behauptet die Wohnungs­genossenschaft Eberswalde 1893 auf der Website brand-vier.de.

DAG weiß, dass seine Kunst hier eine Funktion erfüllen soll. Sie soll helfen, den Ruf des Viertels aufzuwerten, schick renovierten Wänden individuellen Charakter zu geben. Als Künstler mache er das i-Tüpfelchen, sagt er, die unwichtigste und zugleich wichtigste Arbeit. »Ein Kind, das in diesem Block aufwächst, wird durch mein Bild geprägt«. Es gehe nicht darum, sich an der Wand zu verewigen. Ein Angebot wolle er schaffen, das helfe, das zunächst austauschbare Wohnumfeld anders wahrzunehmen, vielleicht Stolz zu empfinden für das abstrakte Gemälde, das zuallererst den Bewohnern der Cottbusser Straße 11 gehöre.

Dort zieren nun geometrische Grundformen die Wand: Kreise, Dreiecke, Vierecke, gerade und geschwungene Linien in roten, schwarzen und türkisen Acrylfarben. Lässt man die Formen wie vorbeiziehende Wolken auf sich wirken, ergeben sich Figuren. Ein Haus mit rauchendem Schornstein, ein bewaldeter Berg vielleicht, ein Boot. Die märkische Landschaft auf Klischees herunterzubrechen und als Baukastensystem aus abstrakten Grundformen zusammenzusetzen, das interessiere DAG. In seiner Farb- und Formästhetik erinnert das an Piktogramme der 70er Jahre.

Mit seinem Hawaiihemd ist Dag Przybilla leicht als jemand zu erkennen, der woanders zu Hause ist. Er spricht leise, aber wenn er spricht, ist er kaum zu stoppen. In den 90ern bemalte er die Wände von Berliner Technoclubs, wo sich die kleingliedrigen Formen synästhetisch mit den stampfenden Beats vereinigen sollten. Im längst geschlossenen Toaster, einem der ersten Jungle Clubs etwa, oder im Watergate. Mit dem vier Jahre jüngeren Berliner Pop-Art-Künstler Jim Avignon reiste er um die Welt, machte Club-Kunst, wie er es nennt. Heute betreibt er den Projektraum Glue an wechselnden Orten und bietet ungegenständlich arbeitenden Künstlern ein Forum.

Das ist der öffentliche Teil seiner Arbeit. Dann gibt es das Berliner Atelier, wo er seine Bilder detailversessen auf Leinwand bringt. Da rauschen eng gesetzte Punkte, ordnen sich immer selbe Formen zu Körpern, flirren Linien dem Auge davon. Zwischen Atelier und Technoclub muss sich nun irgendwie die Wand im Aufgang zur Platte fügen. DAG reizt die Herausforderung. Dazu gehört der Austausch mit den Bewohnern. »Ich hätt’ mir ja gewünscht, dass erst der Bürgersteig fertig gemacht wird«, sagt einer. Eine andere erfreut sich an der Abwechslung und daran, dem Bild beim Entstehen zusehen zu können.

Udo Muszynski hatte DAG nach Eberswalde geholt. Fast alles, was sich in Eberswalde kulturell hervortut, trägt seine Handschrift. Als die Stadt mit dem Paul-Wunderlich-Haus 2007 ein neues Zentrum erhielt, half Muszynski mit einem stetigen kulturellen Angebot, dass es von den Eberswaldern angenommen wurde, trug so zur Aufwertung der Innenstadt bei. Und nun das Brandenburgische Viertel. »Brand.Vier«, der Rand der Stadt. Auch hier soll Kunst dazu beitragen, ein anderes Verhältnis zum eigenen Wohnumfeld zu entwickeln. In der Innenstadt ist das gelungen. Dafür war ein langer Atem nötig. Den wird es auch im Brandenburgischen Viertel brauchen.

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