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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 10 / Feuilleton

Der unbedankte Wetterkundler oder Iskenderun muss warten

Von Erwin Riess
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Nicht nur Herr Groll brauchte dringend einen Raki …

Der Dozent traf Freund Groll in der Prager Straße zu Wien in einem türkischen Restaurant namens »Kent«. Ursprünglich ein Wettbüro, war das Lokal in eine glitzernde Absteige verwandelt worden, in der vergoldete Spiegel und rote Samtvorhänge die Atmosphäre eines osmanischen Serails hervorriefen. Er müsse Herrn Groll von einer Studienreise informieren, die er eben absolviert habe, in eine 250.000-Einwohner-Stadt namens Iskenderun am Mittelmeer. Die Stadt sei als Alexandretta in die Geschichte eingegangen, als der 20jährige Alexander von Makedonien im Jahr 333 vor der Zeitrechnung den Perserkönig Dareios in einer mörderischen Schlacht besiegte und damit das Ende des persischen Reiches einläutete.

»So haben es Generationen von Gymnasiasten gelernt: 333 bei Issos Keilerei. Und dieses Issos lag irgendwo beim heutigen Iskenderun.«

»Erstaunlich, dass Sie mit Ihrer mageren Schulbildung auch davon Kenntnis erhielten«, sagte der Dozent maliziös.

»Meine Schulbildung im mathematischen Realgymnasium zu Krems an der Donau kann es mit Ihrer dünkelhaften Ausbildung im Theresianum allemal aufnehmen«, erwiderte Groll lächelnd. »Bei uns unterrichteten die fortschrittlichsten Professoren nördlich der Donau – auch so etwas gab es im braunen Krems: erfahrene und weltoffene Leute. Unter ihnen befand sich auch ein Wissenschaftler, der nur durch einen Zufall nicht in Todesfabriken umkam. Ein jüdischer Mathematiker von internationalem Ruf, Emil Ptak, er hat mir in der Unterstufe die Grundbegriffe der Mathematik beigebracht. Alles was danach in meiner Schullaufbahn geschah, rangiert unter der Rubrik Niedergang. Eine beeindruckende Erscheinung: groß gewachsen, hager, mit einer Brille, deren eine Hälfte schwarz verdunkelt war. Ein großartiger Vortragender, streng und voll Liebe für seine Kinder aus den Industriebetrieben von Krems. Die Sprösslinge der braunen Kremser Gesellschaft verschanzten sich ja auf dem Piaristenberg im dortigen altsprachlichen Gymnasium. Sie lernten dort immerhin das Komatrinken und fochten ihre ersten Mensuren in den Kellern der Naziburschenschaft ›Rugier‹. Die Saufköpfe und Prügellanten machten Karriere in FPÖ und ÖVP. Sie stolperten ins Parlament, den Bundesrat, den Landtag, die Landesschulräte, den Kulturbetrieb und die braune Landesverteidigungsakademie.

Professor Ptak hatte eine mathematische Methode zur Verbesserung der meteorologischen Vorhersagen für die Luftfahrt entwickelt. Als dies dem Reichsluftfahrtministerium zu Ohren kam, wurde Ptak von der SS aus dem KZ geholt und nach Berlin überstellt, wo er Görings Luftwaffe in der Wetterkunde aufmöbeln sollte. Ein SS-Aufseher hatte Ptak ein Auge ausgeschlagen, dennoch lieferte der gefangene Wissenschaftler die Grundlage für bislang unerreichte Wetterprognosen. Wie sich allerdings erst nach dem Krieg herausstellte, hatte er an entscheidenden Stellen Fehler eingebaut, die selbst für Fachleute nicht erkennbar waren. Die Wetterprognosen blieben daher auf dem gegebenen dürftigen Niveau. Ptak blieb unbehelligt. Die SS-Chargen, die ihn aus dem KZ losgeeist hatten, befürchteten die Versetzung an die Ostfront. Ptak zugute kam desweiteren, dass sich in der Wetter- und Aufklärungsabteilung des Ministeriums ein harter Kern von Kriegsgegnern formiert hatte, die das ihre dazu betrugen, die Himmel für die Stukas und Bomber zu verdüstern. Dennoch war es ein Wunder, dass Ptak überlebte. Es zeugte von seiner Härte gegen sich selbst, dass er nach der Befreiung in seiner Heimatstadt, der berüchtigten Gauhauptstadt Krems, als Lehrer anheuerte. Wenn er auf seinem Puch-Waffenrad durch die Stadt fuhr, sollten die Denunzianten der NSDAP und die SS-Mordgesellen sich jedesmal daran erinnern, dass ihnen einige Juden durch die Lappen gegangen waren.«

Auch er habe von einer erstaunlichen Karriere zu berichten, meldete sich der Dozent zu Wort.

»Verehrter Freund, jetzt ist nicht der rechte Zeitpunkt dafür«, sagte Groll bestimmt. »Ich lade Sie ein, mit mir Minuten des stillen Gedenkens an den großen Antifaschisten und Mathematiker Emil Ptak zu verbringen, dem in Krems keine Gedenktafel gewidmet ist und an den im Hauptbuch der Universitätsstadt niemand erinnert.«

Er verstehe Grolls Beweggründe und teile sie vollinhaltlich, entgegnete der Dozent. »Iskenderun muss warten.«

Herr Groll bestellte eine Runde Raki.

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