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Aus: Ausgabe vom 15.08.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Widerstand gegen Ausbeutung

Kampf für drei Euro pro Tag

Kein Schuften mehr für Hungerlöhne: 150.000 Teepflückerinnen und Teepflücker in Bangladesch im unbefristeten Ausstand
Von Thomas Berger
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Protestaktion von Plantagenarbeiterinnen und -arbeitern am 10. Juli in Sylhet/Bangladesch

Auf Bangladeschs Teeplantagen hat am Sonnabend ein Massenstreik begonnen. In knapp 200 der insgesamt 232 Betriebe der Branche haben die Beschäftigten die Arbeit niedergelegt. Rund 150.000 Frauen und Männer befinden sich auf unbefristete Zeit im Ausstand. Gefordert wird eine deutliche Lohnerhöhung von derzeit 120 auf 300 Taka pro Tag. Das würde umgerechnet eine Steigerung von etwa 1,20 auf drei Euro bedeuten. Die Streikenden sind wild entschlossen. Denn sie schuften für Hungerlöhne. Von »moderner Sklaverei« ist in vielen aktuellen Berichten die Rede. Tatsächlich erinnern die Zustände auf den Teeplantagen in Südasien – da unterscheiden sich Bangladesch, die nahe Darjeeling-Region Indiens oder Sri Lanka nur unwesentlich – an eine Form von Leibeigenschaft. Die meisten Betriebe liegen weit abseits größerer Siedlungen, und die Pflückerinnen sind oftmals auf den Plantagen untergebracht. Nur wenig wird so von ihrem Los Notiz genommen.

Das Schicksal von Saraswati Bauri steht stellvertretend für viele. »120 Taka, wie soll ich davon meine Familie durchbringen? Ich kann damit nicht alles bezahlen, wenn überall die Kosten steigen«, wird sie vom einheimischen Nachrichtenportal bdnews24.com zitiert. Die junge Frau hat den Job von ihrem Vater übernommen, der vor drei Jahren gestorben ist. Von der geringen Entlohnung soll sie nicht nur selbst über die Runden kommen, sondern auch ihre beiden Kinder und ihre betagte Mutter ernähren. Für die siebenjährige Tochter Trisha müsse das Schulgeld bezahlt werden, so Saraswati. Und zurücklegen, um etwa einen Arztbesuch bezahlen zu können, lasse sich erst gar nichts.

Auch die Nachrichtenagentur AFP zitiert Streikende in ähnlichen Situationen. Ob Bildung für die Kinder, Medikamente oder Essen – das wenige Geld könne nur einmal ausgegeben werden. Und selbst die Nahrungsmittel, die man für den Betrag bekomme, würden immer weniger. An Fleisch auf dem Tisch sei bestenfalls einmal pro Jahr zu denken, wenn es einen Bonus gebe. Doch selbst bei Reis, Fladenbrot, Linsen und Gemüse gehe die reale Kaufkraft der mageren Entlohnung immer weiter zurück. Die in der Vorwoche erfolgte Erhöhung der Treibstoffpreise um gut 50 Prozent, die unmittelbar auf die Kosten weiterer Produkte durchschlägt, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Teepflückerinnen und -pflücker sowie Beschäftigte in den Teefabriken hatten schon vier Tage, bevor am Sonnabend der Streik startete, täglich für zwei Stunden die Arbeit niedergelegt. Am Donnerstag hatten rund 30.000 Beschäftigte der Branche in der Hauptstadt Dhaka demonstriert.

Der Streik hat deutlich wie selten das Augenmerk auf einen Wirtschaftszweig gelenkt, in dem teils riesige Profite und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in einem krassen Missverhältnis stehen. Den Plantagenbesitzern ist das öffentliche Interesse unangenehm. Sie versuchen sich mit Verweis auf die »deutlich gestiegenen Produktionskosten« herauszureden. So auch Shah Alom, Vorsitzender des Branchenverbandes Tea Industries Employers’ Association. Dass die Hungerlöhne für zehn, zwölf oder 14 Stunden Schuften aber schon seit Jahren nicht annähernd ein menschenwürdiges Minimalauskommen sichern, wird dabei ausgeblendet. Und selten wurde so viel Tee wie zuletzt produziert: Eine Rekordernte von 96 Millionen Kilogramm sei 2021 eingefahren worden, erinnert United News of Bangladesh in einem aktuellen Beitrag zum Thema. Und lässt Bijoy Hajra zu Wort kommen, Zentralratsmitglied der Teearbeitergewerkschaft: Seit nunmehr drei Jahren seien Zusagen für Lohnsteigerungen nicht umgesetzt worden. Dabei sei laut Rahmenvereinbarungen mit den Plantagenbetreibern eine jährliche Anpassung vorgesehen.

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