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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Irreale Strategie

Georg Lukács äußerte sich 1966 zum Zusammenhang der Politik des frühen deutschen Imperialismus mit dem philosophischen Irrationalismus (Teil I)
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Kaiser Wilhelm II., dargestellt als Einmannorchester, das die Angelegenheiten Europas dirigiert. Karikatur aus Le Rire, Paris

Was bedeutet die Hitlerzeit in der deutschen Entwicklung? Ist sie eine unglückselige Episode innerhalb eines – im wesentlichen – normalen nationalen Wachstums? Oder ist sie die letzte, am schärfsten zugespitzte paradoxe Folge einer gesellschaftlich-geschichtlichen abnormalen Evolution? Ich weiß: Im allgemeinen wird, wenn auch nicht in der hier vorgeschlagenen eindeutigen Form, die erste Frage bejahend beantwortet. Hier soll für eine Zustimmung zur zweiten das Wort ergriffen werden. (…)

Die staatliche Vereinigung Deutschlands ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine ökonomische Notwendigkeit geworden. Es kam aber sehr stark darauf an, wie sie politisch verwirklicht wurde. Schon 1848 stand die Alternative vor dem deutschen Volk: »Einheit durch Freiheit« oder »Einheit vor Freiheit«. Die Niederlage der Demokratie in der Revolution hat diese Frage im Sinne der zweiten Formel beantwortet, und zwar so, dass die Verwirklichung der Freiheit immer wieder auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben wurde. Eine derartige Wendung der deutschen Geschichte hat bereits der junge Marx vorausgesehen. Er schrieb über eine ihrer möglichen Perspektiven: »Deutschland wird sich daher eines Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden, bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation gestanden hat.« Genau das hat Bismarck am Abschluss der großen Kriege verwirklicht: ein ökonomisch-politisch vereintes Deutschland, das deshalb sehr rasch den Weg des kapitalistischen Aufschwungs zum Imperialismus einschlagen konnte. (…)

Damit waren die Grundlagen des neuen Deutschland gelegt. Bismarck hatte den staatlichen Überbau zum Zollverein mit großem diplomatischem Geschick verwirklicht. Und da dies eine welthistorisch bedeutsame Tat war, erschien er lange Zeit im Gedächtnis der deutschen Nachwelt als großer Staatsmann. Dabei hatte er über das selbstgeschaffene Werk nichts weniger als ein klares und richtiges Bild. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass das Entstehen einer deutschen Großmacht mit Gefahren verbunden war. Über deren Grund hatte er keine wirklich deutliche Vorstellung. Er ging davon aus, dass Deutschland »saturiert«, also friedliebend, ja der Hüter des europäischen Gleichgewichts im Frieden sei. So war er bestrebt, den Status quo von 1871 um jeden Preis zu halten, hatte bei jeder Regung zu einer Umgruppierung sein bekanntes »Cauchemar des coalitions« (Alptraum von Koalitionen). Dass seine wirtschaftlichen Maßnahmen der Entwicklung des deutschen Imperialismus und nicht der Konsolidierung eines »saturierten« Deutschlands dienten, wusste er selbstverständlich nicht. Was er sonst tat – Sozialistengesetz, Kulturkampf – sollte die Befestigung der Verpreußung Deutschlands fördern, konnte jedoch im Ausmaße seiner Intentionen unmöglich verwirklicht werden.

Bismarcks Sturz war also eine historische Notwendigkeit: Das nicht saturierte, das verpreußte Deutschland, das nunmehr »seinen Platz an der Sonne« suchte, schob ihn durch die vielfach sinnbildliche Gestalt des größenwahnsinnig-mittelmäßigen Schwadroneurs Wilhelm II. beiseite. Es gehörte lange Zeit zur allgemeinen Schablone der deutschen Geschichtsschreibung, bloß die Gegensätzlichkeit dieser beiden Hauptakteure hervorzuheben. Sie ist psychologisch zweifellos vorhanden, auch als politisch-menschliches Gewicht der Persönlichkeit. Trotzdem scheint es hier nützlich, einen wesentlichen, spezifisch deutschen gemeinsamen Zug an beiden hervorzuheben: die Irrealität der strategischen Grundkonzeption. Das ist deshalb besonders wichtig, weil gerade diese ein sehr selten erkanntes Produkt der deutschen Entwicklung ist. Die philisterhafte Kleinlichkeit im zerstückelten Deutschland hat großangelegte und zugleich auf Realität basierende politische Entwürfe unmöglich gemacht; solche erwachsen nur aus den schicksalhaften Situationen eines großen Volks, das Weltgeschichte macht, indem es die eigenen Lebensfragen für sich beantwortet. Mit der Reichsgründung war das deutsche Volk in eine derartige Lage versetzt: wie sich das Staat gewordene, sich rapid entwickelnde deutsche Volk in das Machtgefüge der Welt einbauen werde. Bismarcks Antwort vom saturierten Deutschland war – am Vorabend des Übergangs zum Imperialismus – ökonomisch völlig irreal. Er unterscheidet sich aber darin von seinen Nachfolgern, dass er seine irreale Strategie in bedächtig erwogenen taktischen Zügen zu verwirklichen trachtete.

Auch hinter allen Improvisationen von Wilhelm II. stand eine irreale Konzeption: die von Deutschland als führender Weltmacht. Sie war so irreal, dass sie eine bewusste Gestalt erst beim Scheinübergang in ihre Realisierung während des Ersten Weltkriegs erhielt.

Georg Lukács: Über die Bewältigung der deutschen Vergangenheit. (Vorwort zu Georg Lukács: Von NIetzsche zu Hitler oder der Irrationalismus in der deutschen Politik. Frankfurt am Main 1966). Hier zitiert nach dem Faksimile des Typoskripts im Internetarchiv der Ungarischen Akademie der Wissenschaften: real-ms.mtak.hu/21818/

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