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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Durch die ungeputzte Brille

Eine neu herausgegebene Auswahl der Reiseskizzen des sowjetischen Avantgardeschriftstellers Sergei Tretjakow
Von Dennis Püllmann
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»Alles Unverständliche wird durch hartnäckige Gedankenarbeit verständlich«, Sergei Tretjakow

Sergei Tretjakows Reiseskizzen sind von den ersten Seiten an so unfassbar komisch und für die Sowjetunion einnehmend, dass man losheulen möchte, wenn man daran denkt, wie ihr Verfasser 1937 vom NKWD verhaftet und drei Monate später als angeblicher japanischer Spion erschossen wurde.

Alles beginnt mit einer Zugfahrt von Moskau nach Beijing, wo der Schriftsteller und Theoretiker der linken Kunstavantgarde anderthalb Jahre als Dozent für russische Literatur verbringen wird. Sein Reisebegleiter im Abteil ist ausgerechnet ein fortschrittlicher deutscher Kaufmann, mit »den Sozialisten ist er im Grunde einer Meinung, will aber einen schrittweisen Sozialismus und ihn selber natürlich nicht mehr erleben müssen.« Als er sich darüber beschwert, dass es den Zugbetten an Wanzen und Flöhen mangele und er somit zwei Pfund Insektenpulver ganz umsonst mit sich führe, knurrt man ihn nur an: »Dann hätten Sie halt auch Wanzen mitnehmen müssen, damit es sich lohnt.« Natürlich, Tretjakow war Futurist, aber es ist doch etwas dreist, wie viel von ihm fast klingt, als würde er die China-Bücher Christian Y. Schmidts plagiieren. Dabei war es damals eine andere, noch kolonial-bürgerliche Welt, in der, mit unserer Jetztzeit verglichen, so manches auf dem Kopfe zu stehen scheint. Sind heute die meisten Räuchermännchen aus dem Erzgebirge ebenso wie die in griechischen »Tourist Shops« als Wohnaccessoires gehandelten Kopien antiker Skulpturen sämtlich »Made in China«, so stellt der Reisende 1925 fest, dass die überall feilgebotenen »chinesischen Götterchen und kupfernen Räucherfässchen längst in den Fabriken Japans und Deutschlands hergestellt werden.«

Georgien erkundet Tretjakow zu Pferde und auf den Knien durchs Gelände rutschend. Im Detail notiert er das Bemühen der lokalen Genossenschaft, die Bevölkerung einer abgelegenen und dünn besiedelten Provinz mit Grundgütern des täglichen Bedarfs wie Salz zu versorgen, aber auch den schonungslosen Raubbau und Kahlschlag der Wälder durch den staatlichen Holztrust sowie die Ineffizienz des Verflößens, bei dem von hundert Stämmen vierzig verloren gehen. Der futuristische Blick ist hier keineswegs blind gegenüber den sich anbahnenden ökologischen Katastrophen, die Liebe zu Turbinen und Zentrifugen ist unerschüttert, es kehrt aber auch die Sorge um Natur und Landschaft wieder zurück.

Was bleibt, ist der Hass auf die Landschaftsmalerei, sei es in Ölfarbe oder in öligen Worten (nicht zuletzt dieser Hass war es ja, der Tretjakow mit Brecht verband, der in diesem Zusammenhang von der »kulinarischen« Kunst zu sprechen pflegte): »Es gibt nichts Schlimmeres, als die Welt mit den Augen des Konsumenten zu sehen. Aber auf ebendieser Wahrnehmung beruht die ganze alte Kunst. Landschaftsmalerei ist mit den Augen des Konsumenten gesehene Natur.« An jener Stelle brechen auch alte Fehden innerhalb der jungen sowjetischen Literatur auf und in den Text ein. So erscheint selbst der gerade mal ein Jahr ältere Ilja Ehrenburg als Repräsentant dieser alten Kunst, der die Menschen und Dinge, das nickelglänzende Interieur einer Schiffskajüte zum Beispiel, verzückt »mit den Konsumentenaugen eines linken Ästheten« betrachte. Das revolutionäre Gegenprogramm könne da nur sein, endlich zu lernen, die Dinge und die Menschen mit den Augen des Produzenten zu sehen, »durch die ungeputzte Brille« hindurch, wie Tretjakow schreibt. Was das für ihn selbst hieß, führt er, einigermaßen stolz, in seinem »Rapport eines Schriftstellers als Kolchosarbeiter« vor.

Auch in den 1930/31 in zwei Bänden erschienenen Skizzen aus dem Kolchoseleben, von denen eine kleine Auswahl in die vorliegende Sammlung übernommen wurde, dominiert stets der wenig romantische (Post-)NÖP-Blick des Futuristen und Enthusiasten jeder Modernisierung: »Zunächst muss der Kolchos den unwissenden, saumseligen, untrainierten Dorfmenschen von gestern lehren zu arbeiten, wie es sich gehört: in industriellem Tempo. Erst dann kann zu noch besseren Formen der Entlohnung übergegangen werden.« Die Kommune ist eine Leistungsgesellschaft.

1931 treibt Tretjakow eine dort einiges Aufsehen erregende Vortragsreise über die Prinzipien operativer Literatur nach Deutschland. »Jede zweite Straße in Berlin mieft nach Kaisertum«, aber die Revolution gärt noch immer nach, im Reichstag trifft Tretjakow auf die alte Clara Zetkin, und im seine Vorträge besuchenden Publikum sieht man Bertolt Brecht, Siegfried Kracauer und Herbert Marcuse sitzen, aber auch Gottfried Benn, der in dem Sowjet­schriftsteller einen »literarischen Tschekatyp« zu erkennen meint, »der alle Andersgläubigen in Rußland verhört, vernimmt und bestraft«. Gern würde man dazu mehr aus Tretjakows Perspektive erfahren. Nur daraus wird nichts, denn die Herausgeberinnen haben sich entschlossen, statt dessen ein Stück über eine Shoppingtour durch die Frankfurter Sanitärfachgeschäfte in die Sammlung aufzunehmen.

Sergei Tretjakow: Fakten/Räume. Reiseskizzen 1925–1937. Hrsg. v. Tatjana Hofmann und Susanne Strätling. Spector Books, Leipzig, 2021, 582 Seiten, 22 Euro

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