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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kunst, Kritik und kritische Kunst

»Die Wahrheit ist komplizierter, als sie im Krieg gebraucht wird«

Über ideologisches Trommelfeuer, die Kunst des Widerstandes, produktive Verunsicherung und die nötige Gelassenheit. Ein Gespräch mit Hans-Eckardt Wenzel
Von David Maiwald
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»Zur Front wird jeder Ort« – Hans-Eckardt Wenzel (Demonstration für Waffenlieferungen, 30.7.2022)

Am Wochenende vom 27. und 28. August findet das UZ-Pressefest, das traditionsreiche Volksfest der DKP, rund um den Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte statt. Auf dem Podium »Die Musen im Takt der Kriegstrommeln?« diskutieren am 27. ab elf Uhr in der jW-Maigalerie in der Torstr. 6 die Musiker Hans-Eckardt Wenzel und Dieter Klemm sowie die Theatermacherin Helma Fries über »Künstler zwischen NATO-Patriotismus und Paralyse der Kritik«, es moderiert die Chefredakteurin von Melodie & Rhythmus, Susann Witt-Stahl. (jW)

Der Krieg »schläft in den Ländern«, singen Sie. Annalena Baerbock wachte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine in einer anderen Welt auf, manch ein Politiker spricht gegenwärtig von der »Zeitenwende«. Warum wird diese »Wende« erst auf den 24. Februar 2022 datiert?

Wir erleben eine Ansammlung systematischer Krisen, die auf tradierte Weise nicht mehr lösbar sind. Um von inneren Widersprüchen und eigenen Defiziten abzulenken, gebraucht herrschende Politik oft außenpolitische Themen. In Deutschland wird dann gern das Adjektiv »historisch« gebraucht. Ob für ein Fußballspiel oder Staatsaktionen. Wenn es eine »Zeitenwende« gab, dann war es der Zusammenbruch des Realsozialismus in den 90er Jahren. Seit 1990 erleben wir einen Zustand permanenter Kriege, wozu auch der Ukraine-Krieg gehört.

Auf welche politische Kultur treffen diese Krisen in der Bundesrepublik Deutschland?

Auf eine Kultur, die die Erklärung der Welt größtenteils auf zwei Begriffe reduziert: Diktatur und Demokratie. Das sind keine hinreichenden Begriffe für die Beschreibung gesellschaftlicher Organisation. Was gemeinhin als Demokratie beschrieben wird, befindet sich in einem abstrakten Zerfallsprozess. Einer kriegerischen Situation letztlich.

Auch die deutsche Linke scheint zu zerfallen, sie wirkt aktuell weitgehend orientierungslos, auf Demonstrationen gegen den Krieg wird nach Waffenlieferungen geschrien. »Zur Front wird jeder Ort«, singen Sie. Der Druck, im Takt der NATO-Kriegstrommeln mitzumarschieren, steigt. Spielt das auch eine Rolle im Kunstbetrieb?

Man muss unterscheiden: Was ist laut, was wird gehört? Die Wahrheit ist weit komplizierter, als sie im Krieg gebraucht wird. Stefan Zweig beschreibt in »Die Welt von gestern«, wie die Intellektuellen im Ersten Weltkrieg aus dem Gefühl, auf der »richtigen Seite« zu stehen, in eine Hysterie verfallen, »das Gute« durchsetzen zu müssen, und sei es mit den Mitteln des Krieges. Die Situation ist heute ähnlich. Da sitzen die wertebasierten Demokraten in der Friedrichstraße im Café und fordern Waffen. Sie müssen diese ja nicht bedienen, niemanden erschießen. Wir erleben ein propagandistisches Trommelfeuer von Ideologen, die uns kriegsreif schießen wollen. Aber es gibt eben auch die anderen, die vor Waffenlieferungen an die Ukraine warnen. Die landen dafür auf »schwarzen Listen«, werden bloßgestellt und als »Vaterlandsverräter« gebrandmarkt. Das hat eine lange Tradition in Deutschland. Das Dilemma der Linken ist wie damals das der Sozialdemokratie, dass sie auch aus einer ideologischen Position heraus agiert und sich nicht entscheiden kann. Nach Walter Benjamin ist aber die Unterbrechung des »Weiter-so«, ist das »Ziehen der Notbremse« die einzige folgenreiche Aktion in solchen Krisen.

Wer sind diese Ideologen, von denen Sie sprechen?

Leute, die formal Fragen stellen, aber an keiner Antwort interessiert sind. Sie halten Monologe und meinen, ihre Welterklärung sei hinreichend. Die stärkste ideologische Fraktion stellen derzeit die Grünen, ihre ideologischen Maschinen wie jene von Herrn Fücks und Frau Beck, das »Zentrum liberale Moderne«, das üppig von öffentlichen Geldern lebt, sind für Feindbeobachtung, auch im Inland, ausgerüstet. Es gibt aber auch genügend Ideologen in der Linken. Im Moment gibt es fast nur Monologe. Der Krieg ist der größte Monolog, da ist man nicht interessiert an einer Antwort. Aber um ins Offene zu gelangen, brauchen wir eine Kultur des Dialogs.

Kann oder vielmehr müsste die Kunst in diesen Zeiten nicht eine Orientierung bieten?

Kunst hat den Vorteil, keine klar definierte Aufgabe zu haben, sie ist freiwillig in Produktion und Rezeption. Aber sie ermöglicht eine andere Erkenntnis über die Welt und ihre unsichtbaren Verstrickungen. Sie kann deshalb für die Schwachen da sein, für die Friedfertigen, und sie kann Dialoge eröffnen, für die Ökonomie und Politik kein Interesse haben. Die Kunst kann keine Orientierung geben, aber sie kann die Räume zur Verfügung stellen, Räume, die durchlässiger sind als die monadischen Echokammern des Internets.

Kunst singt das Lied der Herrschenden, wenn sie sich in verwertbare Gleichförmigkeit fügt. Warum singen Sie dieses Lied nicht?

Ich tauge dazu nicht, dafür wird ein anderer Charakter benötigt. Ich halte mich lieber an einen Vers von Theodor Kramer: »Für die, die ohne Stimme sind«. Poesie kann den Schwachen einer Gesellschaft beistehen. Ich bin dann enger mit der Welt verbunden. Wenn mein Glück nur auf Kosten des Unglücks anderer möglich ist, taugt es nicht für mich. Das ist der Impuls, aus dem ich meine Kunst schöpfe. Das kann man in den Zentren der Macht nicht. Sieger haben keinen Sex. Sie sind damit beschäftigt, ihre Siegerposition nicht zu verlieren. Dann verliert Kunst ihre Erkenntnisfähigkeit und wird zum Ornament. Schick und unterhaltsam.

Der Konformitätsdruck kann zu Stillstand und Ohnmacht führen. Was setzen Sie dem entgegen?

Solange ich schreiben und komponieren kann und vor allem möchte, gibt es noch die Möglichkeit des Widerstandes. Das Schweigen ist dann manchmal der Punkt, an dem sich Resignation breitmacht. Ich stärke mich dann gelegentlich an einem Gedanken Goethes, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich an meiner individuellen Borniertheit resigniere oder an der Unendlichkeit des Universums. Die Resignation haben wir umsonst, die gehört dazu, sonst macht man doch keine Kunst, diese Donquijotterie. In Momenten der Ausweglosigkeit hilft es, mich produktiv zu verunsichern. Dass alles, was sicher scheint, nicht gilt. Dass man neu suchen muss.

Es ist also noch nicht die Zeit der Verzweiflung?

Ist das Problem, das wir als Menschheit im Moment haben, nicht größer und umfassender als die NATO und die westlichen Länder, die sich für den Nabel der Welt halten? Manchmal muss man sagen, dass es keinen Ausweg gibt, damit man einen findet. Die Ausweglosigkeit der Situation, in der sich die Menschheit im Moment befindet, müssen wir mit aller Härte beschreiben. Das Absurde dabei erscheint als tödliche Gefahr. Wenn zum Beispiel eine Partei, die sich als ökologisch definiert, ganz auf die Weltrettung verzichtet, um einen unliebsamen Politiker zu bestrafen, dann liegen doch die Probleme klar. Die alten Pazifisten beleidigen dann eben die aktuellen. Wie dichtete F. W. Bernstein: Die schärfsten Kritiker der Elche – waren früher selber welche.

Die ideologischen Nebel dürfen nicht unsere Urteilskraft verhunzen. Wir müssen uns äußern. Wir müssen widersprechen gegen diesen Krieg und gegen die Waffen, gegen die ökologische Verheerung dieses Planeten, gegen die soziale Zersplitterung unserer Gattung, gegen die kulturelle Verwahrlosung unserer Gesellschaft. Dazu brauchen wir eine gewisse Gelassenheit. Wir dürfen nicht auch in diesen kriegerischen Ton verfallen. Man kann uns verlachen und verhöhnen. Aber in Zeiten der Kriege gilt es, Sanftheit zu behaupten. Und das Recht auf Schönheit.

Hans-Eckardt Wenzel ist Musiker, ­Sänger, Regisseur und Schriftsteller

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