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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 9 / Ausland
Tod von 14jährigem

Zweifel an Polizeiversion

Nordirland: Angehörige gehen weiter von Ermordung des Teenagers Noah Donohoe aus
Von Dieter Reinisch, Galway
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Ein Wandbild in Divis Street in Westbelfast erinnert an Noah Donohoe (22.4.2021)

Die Zweifel an der offiziellen Version, laut der der Junge ertrunken sei, reißen nicht ab. Vielmehr hat die Vermutung, die Polizei wolle die wahren Umstände des Todes von Noah Donohoe vertuschen, neuen Aufwind erhalten. Ende Juli wies der neue britische Staatssekretär für Nordirland, Shailesh Vara, die Behörde in seiner ersten Amtshandlung an, alle Akten zum Tod des 14jährigen unter Verschluss zu behalten.

Am Donnerstag erklärte die Anwaltskanzlei KRW Law, die die Mutter des Opfers vertritt, die Geheimhaltung der Beweise würde »tief empfundene Bedenken eher verschärfen als zerstreuen«. Dass mehr hinter dem gewaltsamen Tod des Jungen steckt, als offiziell bekannt ist, vermuten insbesondere Katholiken in Nordirland. Denn: Noah war schwarz und Sohn einer alleinerziehenden Mutter katholischer Abstammung. Seine Leiche wurde in Tiger Bay, einer von loyalistischen Milizen kontrollierten Gegend von Belfast, aufgefunden.

Noah hatte am 21. Juni 2020 sein Zuhause im Süden von Belfast verlassen, um sich mit Freunden in einem Park im Norden der Stadt zu treffen. Dort wollten sie gemeinsam an einem Schulprojekt arbeiten, doch Noah kam nie an. Sechs Tage später wurde sein lebloser Körper 950 Meter tief in einem Abwasserschacht weit abseits der eigentlich geplanten Radroute gefunden. Die Polizei erklärte rasch, »kein Fremdverschulden« ausmachen zu können.

Laut Zeugen nahm Noah eine andere Route als sonst: Statt an seiner Schule vorbeizufahren, bog er in der Royal Avenue im Stadtzentrum ab. Wieso, ist unklar. Zeugen gaben später an, Noah sei von vier Männern belästigt worden. Wie sich später herausstellte, war einer der Männer der Lebensgefährte einer Nachbarin von Noahs Mutter. Derselbe Mann »fand« später Noahs Rucksack mitsamt Laptop. Ein Zeuge sagte zudem aus, dass er die Jacke des Jungen sowie den Inhalt des Rucksacks in einem Wohnhaus in Nordbelfast gesehen habe. Eine Ladenbesitzerin gab an, ein Mann und eine Frau hätten ihr den Laptop zum Verkauf angeboten, bevor die Gegenstände der Polizei übergeben wurden.

Zwei Stunden nachdem sich der Junge auf den Weg gemacht hatte, wurde Noah von einer Videokamera an der Kreuzung North Queen Street/York Road in Nordbelfast aufgenommen. Ein Zeuge gab an, er sei dort vom Rad gestürzt, habe in Eile und verstört gewirkt. Das letzte Mal gesehen wurde der 14jährige in der Northwood Road. Die Bilder einer Videokamera zeigen ihn nackt und verängstigt, wie er hinter ein Haus läuft. Keiner der Zeugen kam ihm zur Hilfe.

Noahs Mutter Fiona Donohoe kämpft seither um die Aufklärung der Todesumstände. Hartnäckig hält sich vor allem der Verdacht, ein Kommandant der loyalistischen »Mount Vernon UVF«, der in den 90er Jahren mit dem britischen Geheimdienst MI5 zusammengearbeitet habe, decke seinen Neffen für den Mord an Noah. In einer Erklärung, die am vergangenen Sonntag im Sunday Independent veröffentlicht wurde, wies die Polizei derartige Spekulationen zurück. Die Akten würden unter Verschluss gehalten, um Zeugen zu schützen, hieß es dort – eine Formulierung, die in Nordirland oftmals auf die Involvierung von Paramilitärs hinweist.

Unter den Hashtags »Justice for Noah« und »Remember My Noah« versuchen Menschen über die sozialen Medien Druck für die vollständige Aufklärung der Todesumstände zu machen. Die Kampagne »Wahrheit und Gerechtigkeit für Noah Donohoe« hat für diesen Sonnabend zu einer Kundgebung vor dem Rathaus in Belfast aufgerufen.

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