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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 7 / Kapital & Arbeit
Mittellos mit Ruhestand

Rentnerarmut in Italien

Millionen ältere Menschen vegetieren im G7-Staat unter dem Existenzminimum
Von Gerhard Feldbauer
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Hohes Armutsrisiko: Die Kaufkraft der Rentenbezieher in Italien ist seit 15 Jahren um 30 Prozent zurückgegangen

In puncto Armut und Verelendung wurden unter der seit Januar 2021 amtierenden italienischen Regierung des früheren EZB-Chefs Mario Draghi alle Rekorde gebrochen. Ein Bericht des Unimpresa Study Center, eines Instituts kleiner, mittlerer und kleinster Unternehmen, enthüllte im Juli, dass Ende 2021 im G7-Staat Italien 11,5 Millionen Menschen, weit mehr als bis dahin bekannt, in Armut lebten. Davon sind die Rentner am stärksten betroffen. Laut dem Generalsekretär der Rentnergewerkschaft im AGB/CGIL, Alfred Ebner, ist die Zahl der Betroffenen in Geldnot kontinuierlich gestiegen. Auch die Mittelschicht sei betroffen – und könne damit nicht umgehen. Mit einem Plus von acht Prozent im Juni 2022 erreichte die Inflation gegenüber 1986 einen 36-Jahres-Höchststand, meldete die nationale Statistikbehörde Istat.

Die Verteuerung von Lebensmitteln fiel mit 8,3 Prozent sogar noch höher aus. Auch dies ist der höchste Anstieg seit Januar 1986. Diese Inflation »frisst die Rente auf«, so Ebner. Sei es bei der Bezahlung der Energierechnung oder beim Einkaufen im Supermarkt: Immer mehr Rentner rutschen in die Armut ab, stellte der Verband der »Koordinierung der Selbständigkeit im Ruhestand« (CUPLA) in seinem 2022 vorgelegten Bericht zu Renten, Inflation und Steuern fest. Die ohnehin bescheidene Kaufkraft der Rentenbezieher sei in den vergangenen 15 Jahren um 30 Prozent zurückgegangen. In einer »Charta für die Rechte der älteren Menschen und die Pflichten der Gemeinschaft« hatte CUPLA schon im September 2021 Draghi aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, die »der Achtung der Würde der Personen im dritten Lebensalter« entsprechen. Verändert hat sich nichts. Der Leiter der Mailänder Caritas, Luciano Gualzetti, berichtete kürzlich im Interview mit Radio Vatikan, dass die Coronakrise dazu führte, dass es kaum noch einen Unterschied zwischen dem traditionell reicheren Norden und dem Süden, wo generell mehr Menschen in sozialen Schwierigkeiten leben, gibt.

Laut der italienischen Sozialversicherung INPS lag die durchschnittliche Altersrente am 1. Januar 2019 bei 1.196,98 Euro. Einbezogen sind darin jedoch auch die verhältnismäßig bessergestellten Pensionäre, die Altersbezüge von 1.500 Euro und mehr erhalten. Bereits vor der Coronakrise hatte INPS etwa sieben Millionen Rentner gezählt, von denen 36,3 Prozent weniger als 1.000 Euro im Monat erhielt und die damit an der Armutsgrenze lebten. 12,2 Prozent kamen nicht über 500 Euro. In Südtirol, einer Region, die zu den wohlhabenderen zählt, bekommen »derzeit rund 30 Prozent der Rentner unter 1.000 Euro brutto«, sagt Ebner. Davon lasse es sich schon in Südtirol nur schwer leben. Und jetzt treffe es jene, »die ein bisschen darüber liegen – und die solche Situationen gar nicht gewohnt sind«.

Das Problem der steigenden Inflation wird die Situation in den kommenden Monaten noch verschärfen, glaubt Ebner. Denn die Teuerung »steht nun kurz davor, in den zweistelligen Bereich vorzudringen«. Seine Gewerkschaft fordert deshalb sowohl strukturelle Maßnahmen als auch einmalige Beihilfen. Die Rente müsse an die Inflationsrate angepasst werden. Mit Sozialhilfen müsse den Ärmsten unter die Arme gegriffen werden, dabei auch die Probleme beim Mittelstand einbezogen werden. Weiter verlangt die Rentnergewerkschaft dringend einen runden Tisch mit Politikern, Sozialpartnern, Verbrauchern und Verbänden einzuberufen. »All jene, die sich gegen Armut im Alter einsetzen, müssen miteinander sprechen.«

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  • Leserbrief von E. Rasmus (15. August 2022 um 12:44 Uhr)
    Dank an Dr. Gerhard Feldbauer, als einem profunden Kenner der italienischen Verhältnisse. Es ist schlimm und steht wahrscheinlich noch in keinem Vergleich zur BRD, aber der Kelch bitterer Altersarmut wird sicher nicht an uns vorübergehen – nebenbei, meine Frau hat nach der letzten »Erhöhung« 428 Euro, und das beschissene Prinzip mit den Prozenterhöhungen lässt ja sowieso, die Schere sich immer weiter zwischen hoch und niedrig öffnen. Von einer Rentnergewerkschaft können wir vermutlich nur träumen, das wäre etwas für Die Linke, doch da müsste sie über ihren Schatten springen.

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