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Aus: Ausgabe vom 12.08.2022, Seite 5 / Inland
Grundversorgung

Luxusenergie Gas

Cottbus: Stadtwerke ziehen Preise kräftig an. Ende der Kostensprünge nicht in Sicht
Von Bernd Müller
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Will niemand im Briefkasten haben, den Kostenbescheid nach dem Ablesen der Zählerstände (Cottbus, 5.10.2020)

Die Energiepreise steigen, die Geldbörsen der Bürger werden spürbar leerer. Viele Stadtwerke in Deutschland erhöhen satt ihre Tarife. Das Handelsblatt berichtete am Donnerstag darüber – und die aktuellen Preissprünge dürften nicht die letzten gewesen sein.

Das Blatt stellte im Schwerpunkt die Situation in Westdeutschland dar. Aber auch im Süden Brandenburgs steigen die Preise extrem. Unter anderem in Cottbus: Der Geschäftsführer der Stadtwerke, Vlatko Knezevic, hatte kürzlich in einem Interview davon gesprochen, dass die »große Preiswelle« nicht in diesem Jahr zu erwarten sei, dafür komme sie aber 2023 und 2024 auf die Kunden zu. »Wir rechnen für einen durchschnittlichen Haushalt mit drei Personen mit Mehrkosten zwischen 3.000 und 5.000 Euro im kommenden Jahr, wenn die Politik nicht entlastet und gegensteuert«, sagte er.

Ein bundesweiter Trend

Eine Sprecherin der Cottbuser Stadtwerke erklärte auf Nachfrage von jW, wie dieser Anstieg zustande kommt. Vor allem liegt es daran, dass das kommunale Unternehmen Strom und Gas im Voraus kauft, so dass heute die Kunden noch von niedrigen Einkaufspreisen aus den Vorjahren profitieren. Bis Mitte 2021 hätten sie bei zirka zwei Cent je Kilowattstunde (kWh) Erdgas gelegen. Für das Jahr 2023 stiegen die Einkaufspreise aber in Richtung von 20 Cent je kWh.

Sollte sich dieser Trend fortsetzen, dann ergäbe sich bei einem Verbrauch von 15.000 kWh im Jahr Mehrkosten von 4.100 Euro, so die Sprecherin der Cottbuser Stadtwerke. Bei der Berechnung wurden sämtliche Steuern und Abgaben berücksichtigt, auch die Gasumlage, die nach aktuellen Schätzungen eine Höhe von fünf Cent je kWh betragen könnte. Bei einem Jahresverbrauch von 10.000 kWh betragen dann die Mehrkosten immer noch 2.737 Euro. Bestandskunden profitieren zwar noch von den niedrigeren Beschaffungskosten aus den Vorjahren, doch auch für sie mussten die Preise angehoben werden. Sie zahlen aktuell etwa 13 Cent je kWh, heißt es von den Stadtwerken. Neukunden müssten dagegen schon wesentlich tiefer in die Taschen greifen.

In Westdeutschland sieht es nicht besser aus. Die Energieversorgung Leverkusen (EVL) hebt die Preise in allen Tarifen um 60 bis 70 Prozent an, erklärte das Unternehmen gegenüber der Rheinischen Post (RP, Donnerstag). In Oberhausen zahlen die Kunden der Energieversorgung Oberhausen (EVO) künftig 14,49 Cent je Kilowattstunde in der Grundversorgung, was ein Anstieg von 33 Prozent entspricht. Die Stadtwerke Wuppertal verlangen künftig 50 Prozent mehr und der Versorger Rheinenergie verlangt 18,3 Cent je kWh, heißt es im Handelsblatt.

Also, ein bundesweiter Trend. Verbraucherschützer gehen davon aus, dass Stadtwerke noch nachziehen werden, die bislang ihre Preise nicht angehoben haben. Millionen von Menschen sind letztlich von der Preiswelle bei den Stadtwerken betroffen. Laut dem aktuellen Monitoringbericht der Bundesnetzagentur ist etwa jeder fünfte Haushalt in einem Grundversorgungstarif. Und viele müssen schon jetzt deutlich mehr für ihr Gas bezahlen. Bis zum Herbst sind nur die sicher, die in ihrem Vertrag eine aktive Preisgarantie vereinbart haben – ab Oktober müssen aber auch sie durch die Gasumlage mehr zahlen.

Vor der Insolvenz

Vor allem kleinere Stadtwerke sind durch die steigenden Einkaufspreise in wirtschaftliche Bedrängnis geraten und stehen vor der Insolvenz. Ihre Lage verschlimmert sich noch dadurch, dass viele Menschen die hohen Energiekosten nicht bezahlen können. Darauf müsse man vorbereitet sein, erklärte Knezevic von den Cottbusser Stadtwerken.

Auf Bund und Länder brauchen die Stadtwerke nicht hoffen – von keiner Seite wird es wohl Unterstützung geben. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) hatte im Juli erklärt, er sehe die Gesellschafter der Stadtwerke, also: die Kommunen, in der Pflicht. Im Juli hatte jW ferner die Wirtschaftsministerien der Länder dazu befragt – Pläne zur Rettung der Stadtwerke? Fehlanzeige.

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (15. August 2022 um 12:54 Uhr)
    So verdienstvoll Ihre Berichterstattung über den Anstieg der Gaspreise, in Cottbus speziell, aber auch überall in Deutschland ist, so irreführend ist leider Ihre Überschrift. Im Vergleich zu Strom ist Gas nämlich keine Luxusenergie, dieses Prädikat kommt immer noch dem Strom zu, auch wenn die Gaspreise gerade angeblich durch die Decke gehen. Ich zahlte bis Ende 2021 5,45 Cent pro Kilowattstunde Gas, aber 29,99 Cent für die Kilowattstunde Strom. Der Strom war also 5,5mal teurer als Gas, jeweils auf die gleiche Energieeinheit Kilowattstunde berechnet. Jetzt zahle ich für das Gas ab Juli 2022 11,47 Cent/kWh (Steigerung um 110 Prozent!), der Strom kostet ab Juli 34,12 Cent/kWh, ist also immer noch dreimal so teuer im Vergleich zu Gas. Mir ist klar, der Gaspreis wird weiter steigen.
    Man kann also immer noch Geld sparen, wenn man statt mit Strom mit Gas kocht. Das wissen offenbar viele Leute nicht, es werden ja viel mehr Elektroherde verkauft als Gasherde. Zugegeben, nicht jeder Haushalt hat einen Gasanschluss. Wer einen hat, kann auch einen Wäschetrockner mit Gas betreiben, so etwas gibt es zu kaufen. Darüber hinaus kann man viel Strom sparen, wenn man seine Wäsche zumindest im Sommer in der Sonne trocknet. Warum gibt es in unseren modernen Häusern keine Trockenböden mehr? Muss wirklich jeder Haushalt einen Wäschetrockner benutzen? Bei 20 bis 30 Millionen Wäschetrocknern braucht Deutschland wie viele Kohlekraftwerke nur für die Wäsche, die jahrhundertelang allein an der Luft trocknete? Könnte Herr Habeck doch mal ausrechnen lassen! Dann muss er nicht mit dem Kinderkram wie kürzer duschen, Pullover anziehen oder Deckel auf dem Kochtopf kommen.

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