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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 15 / Medien
Diversität im ÖRR

»Vor allem weiße Akademiker«

Studie zur Zusammensetzung der Rundfunkräte: Migranten, Muslime und Behinderte kaum vertreten
Von Carmela Negrete
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»Welche Gesellschaft soll das abbilden?« Sitzung des Rundfunkrates im Saarland

Die Gremien, die die Vielfalt in den öffentlichen Medien garantieren sollen, sind selbst kein gutes Beispiel. Seit 75 Jahren gibt es die Rundfunkräte in der BRD. Der Verein »Neue deutsche Medienmacher*innen« (NdM) hat sich deren Zusammensetzung in einer Studie genauer angesehen und kommt zu dem vorhersehbaren Schluss, dass insbesondere Migranten und deren Nachkommen unterrepräsentiert sind. Mit dem Titel »Welche Gesellschaft soll das abbilden?« untermauern die Journalisten Konstantina Vassiliou-Enz und Fabian Goldmann ihre Thesen mit Fakten und zeigen, dass die Kontrollgremien der öffentlichen Anstalten, die auch die Ausrichtung der Programmgestaltung mitbestimmen, kaum divers sind.

»Rundfunkräte werden ihrem Auftrag, die ganze Breite der Gesellschaft zu repräsentieren, nicht gerecht«, erklärte Goldmann gegenüber junge Welt. »Gesellschaftliche Gruppen, denen auch anderswo Benachteiligung widerfährt, kommen in Rundfunkräten nicht oder kaum zu Wort.« Das beträfe etwa Muslime, Menschen mit Behinderung, LGBTI oder Jugendliche. Dominiert werden die meisten Rundfunkräte von Politikern, Verbandsvertretern und Abgesandten der beiden großen Kirchen.

In der Studie wird das Beispiel der Bauernverbände genannt: Sie repräsentieren weniger als ein Prozent der Bevölkerung und haben sie so viele Sitze in den Räten wie Menschen mit Migrationshintergrund, die 27 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dass weder Arme noch Analphabeten in den Räten vertreten sind, wird in der Studie leider kaum thematisiert. Der hohe Anteil von Politikern ist bedenklich, da die Räte die Staatsferne der Rundfunkanstalten sicherstellen sollen.

»Unsere Ergebnisse zeigen, dass der größte Teil der Medienlandschaft – der öffentlich-rechtliche Rundfunk – nicht vernünftig kontrolliert wird und die Kontrollorgane ihren Ansprüchen, alle relevanten gesellschaftlichen Akteure einzubeziehen, nicht gerecht werden«, so Goldmann. Es seien »vor allem männliche, weiße, akademisch gebildete Journalisten«, die letztlich für alle entscheiden würden, »was gesendet und geschrieben wird, während viele andere Stimmen und Perspektiven zu kurz kommen«.

Während Politiker und Lobbyisten in der Regel genügend Zeit für die ehrenamtliche Arbeit in den Rundfunkräten hätten, so Goldmann weiter, müssten Vertreterinnen und Vertreter »zivilgesellschaftlicher Organisationen und marginalisierter Gruppen die aufwendige Arbeit oft neben ihrem Hauptjob allein nach Feierabend schultern. Das verschärft das Machtungleichgewicht im Gremium zusätzlich und führt zu Abhängigkeiten des Rundfunkrates von Sender und Politik.«

Verbesserungen könnte laut NdM ein Zusammenschluss von Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund bringen, der sich für die Repräsentation von Einwanderern in den Medien einsetzt. Außerdem wäre es ratsam, den Job des Rundfunkrats mittels höherer Aufwandsentschädigungen zu vergüten. Und schließlich könnten Experten an Sitzungen zu bestimmten Themen teilnehmen. »Wenn ich gute Konzepte zu Barrierefreiheit haben will, ist es sinnvoll, Interessenvertreter von Menschen mit Behinderung im Gremium zu haben«, nimmt Goldmann als Beispiel. Er plädiert für eine entsprechende Änderung der Staatsverträge.

Die Studie kann unter kurzelinks.de/NdM heruntergeladen werden

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