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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Karl May in Andalusien

Die Kinder dürfen wieder Indianer spielen: »Der junge Häuptling Winnetou« im Kino
Von Marc Hairapetian
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»Wie er in meiner Seele lebt, er, Winnetou, der große Häuptling der Apachen« (Karl May, »Winnetou I«)

»Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein.« Dieser erste Satz von Karl May in der Einleitung zu »Winnetou I« (1893), der ein, gelinde gesagt, recht wirres Geschichtsbild des selbsterklärten sächsischen »Reiseschriftstellers« offenbart, der die exotischen Länder, über die er schrieb, nie oder zum Teil erst lange nach Veröffentlichung seiner Bücher besuchte, führt irgendwie auch zu »Der junge Häuptling Winnetou«. Hier wird nämlich Intschu-tschuna, der Vater des »edlen Apachen«, von Mehmet Kurtulus (»Kurz und schmerzlos«) verkörpert, der bekanntlich türkische Wurzeln hat.

Pünktlich zum 60jährigen Jubiläum des ersten der vielen überaus erfolgreichen »Winnetou«-Filme, des im heutigen Kroatien gedrehten »Der Schatz im Silbersee« (Harald Reinl, 1962), kommt nun also tatsächlich wieder ein neuer Karl-May-Western in die Kinos, und der ist anders, als viele erwartet hätten. In »Der junge Häuptling Winnetou« wird die Titelfigur von einem zwölfjährigen Jungen gespielt. Winnetou (Mika Ullritz) ist voller Tatendrang und sieht sich selbst mit zwölf bereits als großer Krieger. Häuptling Intschu-tschuna (Mehmet Kurtuluş) ist jedoch der Auffassung, dass sein Sohn noch einiges zu lernen hat. Nachdem durch das Ausbleiben der Büffel den Apachen eine Hungersnot droht, sieht Winnetou seine Chance gekommen, sich gegenüber seinem Vater zu beweisen.

Eines Nachts erwischt er den gleichaltrigen Waisenjungen Tom Silver (Milo Haaf) beim Pferdestehlen (eine Untugend, für die in Wirklichkeit die Apachen berüchtigt waren), liefert diesen jedoch nicht an Sheriff Watson (Helmfried von Lüttichau) aus. Tom weiß nämlich, wo die Büffel geblieben sind. Nach anfänglichen Reibereien macht sich Winnetou mit ihm und seiner Schwester Nscho-tschi (Lola Linnéa Padotzke) auf, um seinen Stamm zu retten und vor einer Umsiedlung zu bewahren. Dabei kommt ihnen unter anderem der steckbrieflich gesuchte Todd Crow (Anatole Taubman), der einst den elternlosen Tom unter seine Fittiche genommen hatte, in die Quere.

Bei »Fünf Freunde«-Regisseur Mike Marzuk, der zusammen mit Gesa Scheibner auch das Drehbuch verfasst hat und sich selbst bei einer Saloonschlägerei einen witzigen Cameoauftritt gönnt, treffen Tom Sawyer (mit »roter« Hautfarbe) und Huckleberry Finn (mit »weißer«) auf einen James-Bond-Bösewicht: Der britisch-schweizerische Schauspieler Anatole Taubman (»Ein Quantum Trost«) gibt als langmähniger Bandenanführer mit nervösen Gesichtszuckungen dem Affen tüchtig Zucker und ist ungefähr so böse, wie Mehmet Kurtulus als alleinerziehender (!) Häuptling nobel ist.

Der Häuptling gibt in der andalusischen (!) Italo-Western-Landschaft, wo 2020 unter extremen Hitze- und Lockdownbedingungen gedreht wurde, stoisch immer wieder Weisheiten wie »Unsere Augen können uns trügen, nicht aber unser Herz« von sich. Den besten Satz hat allerdings die große Hildegard Schmahl (»Das Beil von Wandsbek«) als Stammälteste Sikari-zinu: »Ein Pfeil bricht, viele Pfeile sind unzerbrechlich.« Diesen setzen die Teenager Winnetou, Nscho-tschi und Tom Silver beim Showdown, als Crows Bande das Apachen-Gold stehlen will, in die Tat um: Romantik und Abenteuer wie in Opas Kino (wieder gut).

»Der junge Häuptling Winnetou«, Regie: Mike Marzuk, BRD 2022, 103 Min., Kinostart: heute

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