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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Der alte Mann und der Bus

Auf dem Weg zur letzten Adresse: Das Roadmovie »Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr«
Von Ronald Kohl
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Manche Alte werden ja wenigstens grantig, wenn die Schafe verladen werden

Er hat Asche im Gepäck und sein Blick ist leer und müde. Manchmal, wenn am Fenster die regenverhangene Küstenlandschaft vorüberzieht, werden seine Augen feucht. Dann denkt Tom (Timothy Spall) an früher, als er diese Reise schon einmal gemacht hat, nur in entgegengesetzter Richtung. Damals, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, fuhren er und seine Frau Mary (Natalie Mitson) vom südwestlichen Ende Großbritanniens in den nördlichsten Zipfel Schottlands, um ein neues Leben zu beginnen. Nun, siebzig Jahre später, ist Mary tot, und Tom ist fest entschlossen, ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Wir erfahren nicht, ob er ihr auch versprechen musste, mit dem Bus zu reisen. Andere Verkehrsmittel benutzt er zumindest nicht. Vermutlich ist seine Rente nicht allzu fett. Außerdem besitzt er eine Plastikkarte, die ihm als Rentner die kostenlose Benutzung regionaler Busse gestattet.

Da gibt es natürlich einiges zu erleben, worin ja auch der Sinn eines Roadmovie besteht. Die Frage ist nur, wie fesselnd diese Begegnungen sind. Um die Antwort nicht allzu garstig ausfallen zu lassen, soll es mal so formuliert werden: Egal, wo er auch Station macht, Tom will so schnell wie möglich wieder weiter. Und der Zuschauer will es auch. Bis er irgendwann dahinterkommt, dass Toms nächste Begegnung bestimmt noch öder und noch peinlicher sein wird als die davor.

Und dann erst die ewigen Rückblenden, die uns in eine andere Zeit versetzen wollen, aber eher wie von einem anderen Stern wirken. Erst recht, wenn Tom und Mary im Bett gefilmt werden. »Danke«, flüstert Mary ihm ins Ohr. »Wofür?« fragt Tom. »Fürs Warten.«

Dann müssen sie aber irgendwann doch Sex gehabt haben, denn Mary bringt am 1. Weihnachtsfeiertag 1950 ein Mädchen zur Welt. Am Heiligen Abend des darauffolgenden Jahres stirbt das Kind. Ursache unbekannt. Dieses Unglück ist der Grund dafür, dass Mary vom Ort ihres bisherigen Lebens so weit weg wie möglich ziehen will. Das bedeutet Umzug nach Schottland. Das europäische Festland schien keine Option zu sein.

Da sitzt Tom nun also im Bus, auf dem Schoß den Koffer, mit dem er schon in den Zweiten Weltkrieg gezogen ist. In dem Koffer befindet sich die Keksdose mit Marys Asche, die er ihrem Wunsch gemäß in Land’s End in die Keltische See verklappen soll. Sinn und Ziel der Reise stehen also fest. Und Tom, selbst todkrank, ist nicht der Typ, der sich so schnell von irgend etwas abbringen lässt. Das macht ihn zwar sympathisch, ist für den Film jedoch die nackte Katastrophe. Denn es ist klar, dass es bei einem Helden, zumal einem, der durch und durch in Ordnung ist, fünf Sekunden vor zwölf keinerlei Veränderungen mehr geben wird, außer dass sich sein Zustand verschlechtert.

Manche Alte werden ja wenigstens grantig, wenn es aufs Ende zugeht. Tom jedoch bleibt ein Gentleman alter Schule. Als er im Bus einen ordinären Rassisten zurechtweist, der eine verschleierte Frau belästigt, wird er dabei gefilmt. Und als ob der Plot, der so blutarm ist, dass Tom dagegen wie das blühende Leben wirkt, nicht schon genug mit den minimalsten Ansprüchen zu kämpfen hätte, kommen nun auch noch die sozialen Medien ins Spiel. Großpapa geht viral. Das ist pures Fernsehen. Und das soll es wohl auch sein, da auf alles, was im Kino sonst gut funktioniert, verzichtet wird.

Beispielsweise ist bei festgefahrener Handlung im Roadmovie die Panne ein beliebtes Mittel, wieder etwas Schwung in die Sache zu bringen: Kommt Hilfe? Wenn ja, in welcher Gestalt? Und welche Gegenleistung wird erwartet?

Wenn Tom in einem Bus sitzt, der die Hufe hochreißt, steigt er aus, schiebt den Busfahrer, der sich vor der geöffneten Motorhaube ratlos das Kinn reibt, beiseite, und nach zwei Handgriffen von Tom, der früher Mechaniker war, springt die Karre wieder an. Womit das größte Problem des Films beschrieben wäre. Alle Figuren, zumindest alle lebendigen, sind komplett überflüssig. Bis auf Tom und den Nazi.

Weil er diesem Idioten als einziger im gut besetzten Bus die Stirn geboten hat, ist er nun der »Land’s-End-Busheld«. Das klingt zwar bescheuert, hat aber den Vorteil, dass ihn alle Busfahrer kennen und ohne Bezahlung mitnehmen. Was eine unschätzbare Hilfe für Tom darstellt, da seine Seniorenkarte nur für Schottland galt. So erreicht er, kurz bevor ihn selbst der Sensenmann holt, sein Ziel. Eine riesige Menschentraube wartet bereits an der Haltestelle vor der Mole und klatscht begeistert, als er aus dem Bus steigt.

Dieses Finale verstehe, wer will. Und auch Tom kann sich darüber nur wundern. Dann geht er mit seiner Keksdose in Richtung Wasser. Zum Glück ist es windstill.

»Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr«, Regie: Gillies MacKinnon, UK/UAE 2021, 86 Min., Kinostart: heute

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