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Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Documenta 15

Die Zahlen stimmen

Halbzeitbilanz bei der Documenta 15
Von Ulrich Schneider
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Machen sich lieber ein eigenes Bild: Documenta-15-Besucher bewundern Klangkunst in Kassel (15.6.2022)

Der 8. August bot eine herbe Enttäuschung für all diejenigen, die die Documenta 15 am liebsten geschlossen (AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag) oder zumindest ausgesetzt (FDP und Zentralrat der Juden) hätten, bis die lautstarken Antisemitismusvorwürfe geklärt sein würden. Denn am Montag wurden die Besucherzahlen zur Hälfte der 100-Tage-Ausstellung in Kassel verkündet. Sie zeigen, dass von einem »Einbruch« oder »Boykott«, den beispielsweise die Junge Union schon am Eröffnungstag propagiert hatte, nicht die Rede sein kann.

Wenn man bedenkt, dass vor dem Hintergrund der Coronapandemie kulturelle Einrichtungen in ganz Deutschland mit zum Teil extremen Besucherrückgängen zu kämpfen haben, dann sind die vorgelegten Zahlen fast schon phänomenal zu nennen. Bis zum 50. Tag haben über 410.000 Besucher die Documenta 15 an ihren 32 Ausstellungsorten besucht, darunter knapp 15.000 Dauerkartenbesitzer. Das waren trotz Corona fast so viele wie bei der bislang besucherstärksten Documenta vor fünf Jahren (445.000). Einzig bei den Gruppenführungen ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, was sicherlich auch mit den coronabedingten Einschränkungen im Tourismus zu tun hat. Dagegen lag die Zahl der Schüler, welche die Documenta im Klassenverband besuchten (25.000), deutlich höher als vor fünf Jahren, was dem späten Start der hessischen Sommerferien geschuldet ist.

Laut Veranstalter waren die am meisten frequentierten Ausstellungsorte das Fridericianum, die Documenta-Halle, das Hübner-Areal und das Hallenbad Ost mit der großen Ausstellung des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. Letzteres dürfte daran liegen, dass sich – nach dem Entfernen des Banners auf dem Friedrichsplatz und der aufgeregten Berichterstattung in den Feuilletons – die Besucher lieber ein eigenes Bild von deren Kunst machen wollen.

Zu einer Halbzeitbilanz gehört auch ein kritischer Blick auf den problematischen Umgang mit dem Kuratorenteam. Zwar war Ruangrupa für die inhaltliche Gestaltung der Documenta 15 verantwortlich, aber das Team wurde in den letzten 50 Tagen weitestgehend an den Rand gedrängt. Erklärungen geben die Geschäftsführer der Documenta gGmbH oder der Vorsitzende des Aufsichtsrates ab. Die künstlerische Leitung durfte sich – wenn überhaupt – mit schriftlichen Statements auf der Homepage äußern. Dialogangebote von Ruangrupa und Taring Padi wurden abgelehnt bzw. blockiert. Selbst Stellungnahmen von Künstlerkollektiven, die mit Blick auf die Angriffe vor möglicher Zensur warnten, wurden ignoriert.

Gleichzeitig war die Geschäftsführung nach den Antisemitismusvorwürfen nicht in der Lage, eine Lösung anzubieten, z. B. auf die ernstgemeinten Angebote des Anne-Frank-Bildungswerks, des Internationalen Auschwitz-Komitees und anderer Partner für einen offenen Dialog über Antisemitismus einzugehen, was letztlich auch zur Entlassung von Geschäftsführerin Sabine Schormann führte.

Aufsichtsrat und Documenta gGmbH betrachten die Ausstellung offenbar nur als Event, bei dem die Zahlen stimmen müssen und nichts »schieflaufen« darf, aber nicht als gesellschaftliches Projekt, bei dem es um künstlerische Antworten auf politische Fragen geht. Hier in einen Dialog zu treten wäre die richtige Antwort gewesen. Statt dessen wurde zur Halbzeit ein »Experten«-Gremium berufen, dem die Aufgabe zugeschoben wird, Kritik an der Documenta »fachlich« zu prüfen. Wer die Zusammensetzung dieses Gremiums betrachtet, wird sich verblüfft die Augen reiben: Die sieben Berufenen sind zweifelsohne ausgewiesene Experten in ihren jeweiligen Fachgebieten – aber was haben sie mit Gegenwartskunst zu tun? Einzig Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, kann in dieser Hinsicht Erfahrungen einbringen. Nicht einmal ein Südostasienwissenschaftler, der – wie es in einem offenen Brief gefordert wurde – mit Blick auf das Kuratorenteam und das so gescholtene Kunstkollektiv Taring Padi eigentlich notwendig wäre, findet sich in dem Kreis.

Dieses »Experten«-Gremium, das manche schon als »Wächterrat« bezeichnen, hat vor allem zwei Aufgaben. Erstens soll es die »Handlungsfähigkeit« der Documenta-Geschäftsführung beweisen (»Schaut her, wir tun was!«). Zweitens soll es in Fällen, bei denen es durch die medial angeheizte Kampagne Klärungsbedarf gibt, Entscheidungen verkünden, die möglicherweise als Eingriff in die Kunstfreiheit verstanden werden können, die dann aber nicht der Documenta-Leitung anzulasten sind. Ob sich alle in dieses Gremium berufenen Experten dieser »Schwarzer-Peter-Funktion« bewusst sind, darf bezweifelt werden.

Der Unterschied zwischen dem Kuratorenteam und den Aufsichtsgremien wird auch an diesem Wochenende sichtbar. Die Künstler feiern die »Halbzeit« mit einem Meydan-Wochenende und laden dazu auch Menschen ein, die sonst nicht zur Documenta gehen würden. Bei freiem Eintritt finden im Norden Kassels im Kulturzentrum Schlachthof, im Boreal sowie im angrenzenden Nordstadtpark Konzerte und DJ-Sets, ein Flohmarkt, Gespräche und Workshops statt. Es ist zu erwarten, dass das Fest viele Besucher anlocken wird, denn in Kassel ist die Stimmung gegenüber der Documenta deutlich besser als in den Feuilletons. Zahlreiche Kasseler, die durchaus einen guten Namen in der Stadt haben, meldeten sich in den vergangenen Wochen in Leserbriefen zugunsten der Documenta zu Wort.

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