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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 8 / Ansichten

Empfindung des Tages: Neid

Von Jan Greve
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Krise? Welche Krise? Bei Prada laufen die Geschäfte prächtig (Filiale in New York, 2015)

Da ist er wieder, dieser Neid. Kann man über Arm und Reich überhaupt sprechen, ohne in moralischen Untiefen zu waten? Wer das Einmaleins der neoliberalen Rhetorik beherrscht, tönt: Nein, alles nur Neiddebatten! Beim Sprechen über die gesellschaftlichen Verhältnisse bitte von den Besitzenden schweigen. Empfehlung: Blick nach unten, Stimme nicht erheben, einfach anständig bleiben. Nur fällt das schwer, wenn man auf Schlagzeilen wie die bei spiegel.de vom Mittwoch stößt: »Die Reichen prassen, als gäbe es kein Morgen.«

Ist das nun billiger Boulevard oder bricht sich da der Neid Bahn? Der Inhalt des Beitrags jedenfalls ist schnell wiedergegeben: Hersteller von Luxusartikeln machen derzeit kräftig Plus. Ein schrecklicher Verdacht scheint sich zu bestätigen: Wer mächtig Moneten hat, dem sind steigende Preise schnurzpiepe. Oder, wie Arnaud Cadart, Portfolio-Manager bei Flornoy (was immer das bedeuten mag), schulterzuckend im Spiegel-Bericht bemerkt: »Die Nachfrage ist da.« Cadart erklärt weiter: Wohlhabende seien »weniger empfindlich, was die Inflation, das Rezessionsrisiko oder Befürchtungen bezüglich ihres Arbeitsplatzes angeht«. Das Ergebnis: Die Luxusmarke Prada erhöhte ihre Absätze im ersten Halbjahr 2022 um 89 Prozent, Moncler machte 42 Prozent Plus. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der Boom bei den Distinktionsmitteln soll laut Bericht auch etwas mit Währungsklimbim zu tun haben: schwacher Euro hier, starker Dollar dort. Muss man das verstehen? Gar nicht möglich mit einem vom Neid zerfressenen Hirn. Im Gegensatz zu den Wohlhabenden ist unsereins wohl einfach zu empfindlich. Am besten schnell zurück in die ­Fabrik, Mehrwert erwirtschaften, auf bessere Zeiten hoffen. Vielleicht ja morgen, wenn die Reichen bis dahin nicht schon alles verprasst haben. Nur dran denken: Mit Neid gewinnt man keine Schlacht.

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