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Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 15 / Antifa
Rechte Gewalt in der BRD

30 Jahre Lichtenhagen

Aktuelle Ausgabe von Der Rechte Rand widmet sich rassistischen Anschlägen in Rostock
Von Sandra Schönlebe
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Demonstration gegen rassistische Angriffe in Rostock-Lichtenhagen (29.8.1992)

Anlässlich des 30. Jahrestags der rassistischen Anschläge von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 und der damit verknüpften faktischen Abschaffung des Rechts auf Asyl in Deutschland hat das Magazin Der Rechte Rand eine Schwerpunktausgabe veröffentlicht. Das 197. Heft der antifaschistischen Publikation, das mit Aktiven des Dokumentationszentrums »Lichtenhagen im Gedächtnis« und des Vereins »Soziale Bildung« erarbeitet wurde, befasst sich mit den damaligen Ereignissen und den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie ermöglichten, sowie mit ihrer Verarbeitung bis heute und der Perspektive der Betroffenen.

Zwischen dem 22. und 26. August 1992 hatten in der Stadt an der Ostsee Hunderte rechte Jugendliche unter dem Schutz und Applaus von bis zu 3.000 Anwohnenden die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (Zast) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus attackiert. Das Wohnheim wurde mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. Die Polizei setzte dem Geschehen nichts entgegen und überließ die weit über 100 Menschen sich selbst, trotz der vorherigen Ankündigung der Angriffe. Zuvor hatten sich Medien und Politiker an einer Hetzkampagne gegen Migranten beteiligt.

Im ersten Text des Heftes analysiert Andreas Speit Parallelen und Unterschiede zwischen der Situation der Anfang der 90er Jahre aus dem zerfallenen Jugoslawien geflohenen Osteuropäer und derjenigen der weißen sowie nichtweißen Menschen, die heute aus der Ukraine nach Westeuropa flüchten. Der Autor zeigt sich in seinem Fazit besorgt: »2022 ist nicht 1992. Die ersten Anfeindungen erleben Geflüchtete aus der Ukraine aber schon. Die Solidarität könnte in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft sinken, wenn die Lebensmittel- und Benzinpreise weiter steigen. (…) Der humanistische Firnis ist dünn.«

Wie dünn er ist, zeigt sich in der Chronik von gewaltsamen Vorfällen gegenüber Migranten und Antifaschisten von Juni bis November 1992. Sie füllt ganze vier Seiten der Ausgabe. Marcel Hartwig ordnet die zahlreichen Übergriffe in seinem Text »Zwischen Vereinigungsrausch und Pogrom« ausführlich in die damalige politische Situation ein. Er beschreibt die extreme Rechte in Ost und West, die Verharmlosung der Geschehnisse durch Presse und Politik und die wiederaufkommende Asyldebatte sowie antifaschistische Gegenorganisation.

In einem Interview mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Rostock, Juri Rosov, der fünf Jahre nach den pogromartigen Ausschreitungen als Kontingentflüchtling in die Stadt kam, besprechen Claudia Lübcke und Mark Mühlhaus dessen Erfahrungen. Rosov spricht auch über die Nachwirkungen und das Gedenken an die Ereignisse und meint: »Ich bin nach wie vor der Meinung, dass viele Rostocker*innen das noch nicht richtig verarbeitet haben. Die Menschen, die damals an der Straße gestanden haben, versuchen nach wie vor, jegliche Schuld von sich zu weisen.« In einem ebenso lesenswerten Interview befragt Sascha Schmidt den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, zu den Ursachen der Flucht vieler Sinti und Roma aus Osteuropa zu Beginn der 1990er Jahre unter anderem nach Rostock sowie zum Antiziganismus damals und heute in der deutschen Gesellschaft.

Mit der kulturellen Verarbeitung der Ereignisse befasst sich der Text von Dan Thy Nguyen, der ein Theaterstück und ein Hörspiel basierend auf den Aussagen der überlebenden Vietnamesinnen und Vietnamesen produzierte. Ein weiterer Beitrag setzt sich kritisch mit den lokalen Denkmälern auseinander und fragt, ob eine deutsche Eiche unbedingt das passende Symbol für diesen Zweck ist.

Die Lektüre des Heftes lohnt in jedem Fall, da es sich facettenreich mit den rassistischen Ausschreitungen in der BRD in der Nachkriegszeit befasst und hierbei zahlreiche Akteure beleuchtet. Insbesondere im Vorfeld der großen Demonstration in Rostock anlässlich des Jahrestags am 27. August (ab 14 Uhr, S-Bahnhof Lichtenhagen) sei sie nicht nur allen Teilnehmenden ans Herz gelegt.

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