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Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Urlaub

Das Leben der Yachtmenschen

Brief von der Insel
Von Bernhard Spring
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»Wenn die Kraft nicht mehr ausreicht, um gegen den Strom zu schwimmen«: Trinken und rauchen auf Mallorca

Lieber Freund,

bitte frage mich nicht, warum ich Dir ausgerechnet aus Mallorca schreibe. Wo wir doch auf diesen Massentourismus immer etwas herabgeschaut haben. Aber da siehst Du halt, was passiert, wenn die Kraft nicht mehr ausreicht, um gegen den Strom zu schwimmen: Dann landet selbst der schärfste Satiriker plötzlich im Flieger nach Palma.

Ich bin also hier, wobei »hier« Magaluf ist. Der Ort besteht größtenteils aus Hotels und Kiosken, beides voller Briten. Ihr hartes Englisch wird ab dem späten Nachmittag immer unverständlicher, wenn sich die Beistelltische am Pool mit Bier- und Cocktailgläsern füllen. Zur Sicherheit wird nur in Plastikgefäßen serviert.

Ich habe nie verstanden, warum man sich an einen Pool legen sollte, wenn doch das Meer zwei Schritte weiter ist. Nun weiß ich es: Das hat mit Geld zu tun. Am Strand zu sein ist teuer, weil man es dort ohne Sonnenschirm nicht aushält. Einen eigenen Schirm kannst Du nicht aufstellen, denn der Strand ist Privatbesitz. Also musst Du einen Schirm mieten, immer kombiniert mit mindestens zwei Liegen zu je 20 Euro pro Tag. Das läppert sich.

Natürlich kannst Du Dich einfach im Meer erfrischen. Aber Vorsicht: Den Schwimmerbereich kreuzen Motorboote, um die Yachten, die in der Bucht ankern, mit Spezialitäten zu versorgen und schöne Menschen ans Ufer zu bringen. Am Strand kannst Du Dir nicht nur Wolle ins Haar flechten, ein Tattoo stechen oder eine billige Kette andrehen lassen. Es gibt auch exklusive Clubs, alle mit Pool. Dorthin zieht es die Yachtmenschen.

Auch weniger exklusive Hotels haben Pools for »adults only«. Da lehnen durchtrainierte, verbrannte Männer am Beckenrand wie Krokodile, die nur darauf warten, dass sich etwas zum Zuschnappen auf sie zubewegt. Sonst ist niemand im Wasser. Drumherum aber sitzen die Leute auf den Liegen und beäugen sich – nur weiß wegen der Sonnenbrillen niemand, wer gerade wohin sieht. Trotz dieser Totalüberwachung passiert so einiges. Es wird geflirtet, gefeilscht, gestritten und ganz viel repräsentiert. Weißt Du übrigens, was ein Sugardaddy ist? Hier siehst Du, wieviel Champagner so ein älterer Gönner in seine jugendliche Gespielin kippen lässt. Er (ohne Haar, mit Bauch und Rolex) tätschelt ihr (gertenschlank mit operierter Oberweite und fast genauso großer Gucci-Tasche) den Oberschenkel, und schon schmiegt sie sich an ihn.

Manchmal lärmt es aus irgendeiner oberen Etage. Dann siehst Du eines dieser jungen Dinger auf dem Balkon wild gestikulieren, einer dieser älteren Herren setzt ihr eine, zieht sie an den Haaren ins Zimmer zurück und die Tür hinter sich zu. Anscheinend eine Fehlinvestition. So richtig klar wird es nicht, denn der Partymix in Dauerschleife, der aus unzähligen Boxen von der Rezeption bis zum Strand dröhnt, übertönt noch die lautesten Paargeräusche. Und so glitzert die polierte Fassade unschuldig, und die Kellner lächeln strahlend weiß, und im Pool flirrt das Wasser, und alles verliert sich in der gleißenden Augustsonne.

Ich trinke einen Mojito für Dich mit!

Bernhard

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