Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Donnerstag, 29. September 2022, Nr. 227
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Metal

Volksfest für Hartgesottene

Dorfglück bauert an: So war das Wacken Open Air 2022
Von Rüdiger Wartusch
11.jpg
Das vielköpfige Monster der Rebellion und andere Kinderstreiche: Behemoth auf dem Wacken-Festival

Unabhängig von althergebrachten heimischen Zeiteinheiten wie Tidenhub und Euterfülle verspürt nicht nur der langmähnige Metalbrother an unserer Seite den unterjährigen Biorhythmus Gipfel stürmen: endlich! Endlich ist wieder Wacken! Endlich wieder Weißblechwochen bei MacDonnert! Für uns heißt es also auch wieder »back to the roots« oder meinethalben auch »Wacken ist nur einmal im Jahr« – denn wo selbst der Karneval Einzug halten darf, ist der Ballermann nicht weit. Mit 200 Beats per minute (darf man ja) gen Norden gelindnert, ebenso schnell den Hänger abgeprotzt und die Zelte im Sicherheitsabstand aufgestellt … Los geht das diesjährige Sozialexperiment. Gilt es doch wieder, den Spezialisten der Aggrokultur auf die Überholspur zu kommen. Auf dem Programm in der Flachebene stehen natürlich wieder sämtliche Höhen und Tiefen – pardon: Bässe –, die das multikulturelle Genre Metal zu erklimmen vermag.

Und was bietet der aktuelle Kuriositätenfundus nicht alles: Von Rapcore (Badcast aus Bulgarien) bis Brutal Gore Grind (Rectal Smegma aus Holland) fehlt eigentlich kaum etwas, das man ohnehin noch nie hören wollte. Auch die zwangsjuvenile Ankungelei von Hämatom und Konsorten stand zu befürchten. Die mitunter schrägen Satan, Soen und Attic können da schon eher gefallen. Nicht minder der Speedpunk der gleichsam schmelztiegeligen Berliner Combo Indian Nightmare (Bandmitglieder aus Italien, Frankreich, Indonesien und der Türkei). Da entsteht schon mal eine Stimmung, wie wenn im ewigen Klassenkampf ein historisches Stündchen schlägt. Knorrig wie eine Ingwerknolle. Richtig gut wird’s dann bei den äußerst groovigen und gelegentlich magmazähen Clutch und Kadavar. Und mit Venom, Death Angel und Behemoth haben wir gleich drei Sechser im Teufelslotto gezogen.

Die aztekischen Folkmetaller von The Rise Of Mictlan hingegen lassen die alten Götter zu uns sprechen, tragen allerdings nur wenig zur Entniedlichung des Metal bei. Das wiederum gelingt erfrischenderweise einigen Musikerinnen: Stimmlich ist Alissa von Arch Enemy ohnehin die Perle unter den Muscheln des Festivals, aber auch beim Auftritt der Zertrümmerfrauen von Crypta wird der erhoffte Dominaeffekt aufs Massivste übererfüllt. Die Brasilianerinnen präsentieren ihren schwungvoll melodischen Black Death mit einer Horrorkomponente, die eine überaus einnehmende Optik gleich mal vorbildlich arschtritt. Da können sich manche »harten« Herren sonstwas von abschneiden!

Und wo wir gerade bei Rob Halford sind. Nicht nur für Judas Priest und Rose Tattoo, auch für die deutlich kleineren Loudness und Cirith Ungol gilt: Früher waren sie jünger. Aber wenn Phil Campbell mit Motörhead-Set antritt, Brian Downey mit Thin-Lizzy-Set und The Iron Maidens mit … (na, raten Sie mal), dann stehen Melodien aus dem Vorvorgestern des 20. Jahrhunderts an. Und warum zum Geier auch nicht? Bei all dem Brimborium, das rings ums Bühnenheiligtum so aufgezogen wird, kann ein konsequenter Tunnelblick die Konzentration auf das Wesentliche durchaus fördern. Und gerade weil sich hier die verschiedenen Härtegrade sämtlicher Gewerke und Dekaden austesten und durchleben lassen, fühlt sich auch dieses W:O:A kompakt an wie eine geballte Faust. Mit Heavy Thrash aus Panama bzw. Melo Death aus Argentinien lassen Komodo und V. I. D. A. auch gleich die Staubtornados circeln. Denn über allem thront ein Wetter, um Götter zu zeugen!

Nach gefühlt einem halben Jahrzehnt virtueller Konzerte gibt’s heuer auch nur mehr wenig Reminiszenzen an die ja doch noch unterschwellige Pandemie. Vorbildliche Schutzmasken sieht man gelegentlich: je nach Gusto im Ghost-Style, mit Kiss-Logo oder à la Slipknot. Eine Warrel-Dane-Gedächtnismaske war auch dabei (nur echt mit Hut). Aber Superstars hin, Superspreader her, am Ende des Tages wirft man ja doch wieder den Grill an. Und spätabends, wenn das Thermometer sich gefühlt gen schwarze Null neigt, liegen sich auch auf den Campgrounds alle in den Armen: Wir sind doch alle gleich, egal ob mit dem BMI eines Kojoten oder eines Pottwals. Vielleicht ist das ansatzweise, was Gottfried Benn meint, wenn er sagt: »Mich bauern Dorfglücke an.« Vielleicht auch nicht. Kritik jedenfalls ist ohnehin eher angebracht bei dem Volksfestcharakter des Venue, der Hardlinern schon mal aufstößt. Aber mit einer guten Handvoll Toleranz lässt sich auch das dulden wie ein übervoller ÖPNV in Neun-Euro-Zeiten. Immerhin hat man es endlich geschafft, auch das hartgesottene Publikum zu ausschließlich bargeldlosem Bezahlen zu bewegen! Und gemuckelt wird ja sowieso.

Metal aber ist durchaus in der Lage, der Inkonsistenz sämtlicher Realitäten Rechnung zu tragen. Allzu Buntes wird dann zwar mitgefeiert, aber doch schnell auf dem Altar der Kurzfristigkeit geopfert. Zum Beispiel die unsäglichen Versuche, vollständig Artfremdes zu integrieren. Dass Venom ausgerechnet nach dem HipHopper Alligatoah die Louder-Stage abfackeln dürfen, hat dann schon fast etwas Tröstliches. Sie haben uns eigentlich nichts getan, diese Vertreter unverzerrter Radiomusik, dennoch lösen sie mitunter durchaus justitiable Emotionen aus. Und deshalb schweigen wir an dieser Stelle geflissentlich und hören um so genauer hin. Etwa wenn Pumperkönig Doyle in seinen stereotypen Ansagen deutlich macht, dass er sich nicht eben zum Pisa-Gesandten eignet. Aber das macht natürlich aus respektablen Musiken noch lange keine Dschungelcampkandidaten.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton