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Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 10 / Feuilleton

Holtz, Trepte

Von Jegor Jublimov
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Jürgen Holtz am Berliner Ensemble in Robert Wilsons Inszenierung von Samuel Becketts »Endspiel«

Als stets mitdenkender Schauspieler war er ein Leben lang ein Theateravantgardist und schenkte sich nichts. Noch im Jahr vor seinem Tode stand Jürgen Holtz in einer Castorf-Inszenierung von Brechts »Galilei« im Berliner Ensemble auf eigenen Vorschlag splitternackt auf der Bühne, weil es der Inszenierung einen wichtigen Impuls gab. Holtz hat in Greifswald und Erfurt gespielt, in München, Mannheim, Salzburg und Frankfurt am Main, aber das Zentrum seiner Theaterarbeit blieb Berlin, wo er am Deutschen Theater, der Volksbühne und eben am BE in verschiedenen Phasen Außerordentliches unter Regisseuren wie Besson, Dresen, Tragelehn, Schleef, Berghaus, Peymann und Wilson leistete.

Überregional fiel er dem Publikum in grandiosen Nebenrollen in Filmen auf wie Konrad Wolfs »Der kleine Prinz« (1966/72), Rainer Simons »Sechse kommen durch die Welt« (1972), Thomas Langhoffs »Stella« (1982) oder Margarethe von Trottas »Rosa Luxemburg«, wo er 1986 den Kautsky spielte. In aller Munde war er dann 1993 in der Titelrolle der wiedervereinigungskritischen Serie »Motzki«, wo Westrentner Motzki und seine Ostschwägerin (Jutta Hoffmann) mühevoll miteinander auskommen müssen. Bild heizte den Ost-West-Streit auf seinen Titelseiten an, bescherte der ARD beste Quoten, aber über den rüde nach Drehbuch motzenden Jürgen Holtz ging das hernieder, was man heute »Shitstorm« nennt. Neun Jahre später drehte Holtz den Spieß um und motzte als Ostrentner in der Komödie »Good Bye, Lenin!« (2003). Er starb vor zwei Jahren und wäre an diesem Mittwoch 90 geworden.

Der Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter Curt Trepte wurde in seiner Generation von ganz anderen Erlebnissen geprägt. »Trepte hatte seine Erfahrungen sowohl vom russischen wie vom deutschen Arbeitertheater gut genutzt, wie er auch gleichzeitig die Gedankengänge seines Freundes Brecht verstand und somit eine einheitliche und von persönlichem Erleben geprägte Leistung erzielte«, schrieb eine schwedische Zeitung über seine Arbeit beim Arbeitertheater in Stockholm, wohin er, aus der Sowjetunion kommend, ohne Sprachkenntnisse 1938 gelangt war. Der am Freitag vor 120 Jahren in Moritzburg geborene Theatermann war 1930 nach Berlin gekommen, wo er in der »Truppe 1931« linkes Theater spielte und ab 1933 Deutschland schleunigst verlassen musste. Mit der »Kolonne links« bereiste er die Sowjetunion, leitete ein Kolchostheater und spielte am Wolgadeutschen Staatstheater in Engels. In dem deutschsprachigen Film »Kämpfer« stand er 1935 neben Lotte Loebinger erstmals vor der Kamera. Nach der Rückkehr aus dem schwedischen Exil übernahm Trepte verschiedene Funktionen, besonders erfolgreich 1953 bis 1963 als Intendant des Theaters Quedlinburg und des Harzer Bergtheaters. Über seine Erfahrungen mit der dortigen Bürokratie schuf er 1956 die kleine Filmsatire »So’n Theater«, in der er einen Stadtrat spielte. Danach wirkte er als Theaterhistoriker und übernahm bis zu seinem Tod 1990 gelegentlich Großvaterrollen in Reihen wie »Polizeiruf 110«.

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