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Aus: Ausgabe vom 10.08.2022, Seite 1 / Titel
Black lives matter

Getötet mit fünf Schuss

16jähriger Geflüchteter von Polizei in Dortmund erschossen. Schon der vierte von der Staatsmacht Getötete innerhalb von sieben Tagen
Von Henning von Stoltzenberg
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Schießwütige Polizei: Mit einer solchen Kriegswaffe wurde der Jugendliche in Dortmund erschossen (Symbolbild)

Schon wieder ein Toter bei einem Polizeieinsatz: Am Montag starb in der Dortmunder Nordstadt ein 16jähriger Flüchtling aus dem Senegal, nachdem er von fünf Schüssen aus einer Maschinenpistole getroffen worden war. Der Jugendliche habe die Beamten mit einem Messer angegriffen, behauptete ein Polizeisprecher anschließend. Zu dem Vorfall war es nach Angaben des zuständigen Oberstaatsanwalts Carsten Domberg nachmittags in einem Innenhof zwischen einer Kirche und einer Jugendhilfeeinrichtung gekommen, in der der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland eingereiste Senegalese betreut wurde. Ein Anwohner habe die Polizei gerufen, da er ein Messer bei dem Jugendlichen gesehen habe, so Dombert am Dienstag gegenüber jW.

Die Obduktion habe ergeben, dass zwei Projektile aus der Maschinenpistole eines Polizeibeamten die Schulter getroffen hätten, jeweils ein weiteres den Unterarm, den Bauch und das Gesicht in Höhe des Jochbeins. Der schwerverletzte 16jährige starb kurz darauf bei einer Notoperation. Vor dem Schusswaffengebrauch seien Reizgas und ein Elektroschockgerät eingesetzt worden. Mehrere Betreuer hätten das Geschehen direkt beobachten können. Inwieweit der Jugendliche mit dem Messer mit einer Klingenlänge von 15 bis 20 Zentimetern gedroht habe, müssten die weiteren Ermittlungen ergeben. Warum es überhaupt zu der Eskalation und dem Todesfall kommen konnte, soll laut Staatsanwaltschaft Schwerpunkt der Ermittlungen sein. Mit ihnen ist aus »Neutralitätsgründen« die Polizei aus dem nahen Recklinghausen betraut worden.

Sie habe »deutlich mehr Fragen, als es bislang Antworten gibt«, erklärte Iris Bernert-Leushacke, Vertreterin für Die Linke im Dortmunder Polizeibeirat, gegenüber jW. »Warum ruft ein Anwohner die Polizei, wenn ein Jugendlicher in einer Jugendeinrichtung ist, die sich um ihn kümmert? Die Mitarbeitenden dort sind darauf spezialisiert, sich auch bei Schwierigkeiten um die Belange der Jugendlichen zu kümmern. Und warum rückt die Polizei dann an und ist trotz Pfeffersprays und Taser nicht in der Lage, den Jugendlichen zu entwaffnen, ohne ihn zu töten?«

Die Autonome Antifa 170 aus Dortmund wies in einer Erklärung darauf hin, dass die Wache Nord der Polizei in den letzten Jahren Skandale regelrecht gesammelt habe. So sei dort eine schwangere Frau in einer Shishabar verprügelt und ein vor Polizisten kniender Mann mit einem Elektroschocker traktiert worden.

Der junge Schwarze ist bereits das vierte Todesopfer infolge eines Polizeieinsatzes bundesweit innerhalb von nur sieben Tagen. Am Dienstag vergangener Woche wurde im Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main ein obdachloser 23jähriger durch einen Schuss eines Polizisten tödlich verletzt. Nur einen Tag später erschoss die Polizei in Köln einen 48jährigen Mieter bei der Zwangsräumung seiner Wohnung. Am Sonntag verstarb ein 39jähriger aus Oer-Erkenschwick nach einem Einsatz der Polizei in einem Recklinghauser Krankenhaus. Die Polizei hatte gegen den Mann, der in seiner Wohnung randaliert haben soll, Pfefferspray eingesetzt und ihn auf dem Boden fixiert. Dabei verlor er das Bewusstsein. Die Todesursache ist noch unklar, aus »Neutralitätsgründen« ermittelt hier die Dortmunder Polizei gegen ihre Kollegen.

Im Mai hatte der Tod eines psychisch kranken Mannes, der von Polizisten in der Mannheimer Innenstadt mit Pfefferspray attackiert und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen worden war, bundesweit für Entsetzen gesorgt.

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  • Leserbrief von Ulrich Sander aus Dortmund (15. August 2022 um 12:14 Uhr)
    Mir fiel die Meldung vom Juni vorigen Jahres aus Würzburgs Innenstadt wieder ein. Ein Mann, der tatsächlich gefährlich war (anders als der 16jährige Mouhamed Dramè) und mutmaßlich drei Menschen erstochen hatte, wurde nicht von der Polizei unschädlich gemacht. Das auf ihn Einreden half nicht mehr. Vielmehr ergriffen Passanten Stühle, warfen diese auf den mit dem Messer drohenden Mann, hielten die Stühle wie Schilde und bedrängten ihn, um ihn schließlich zu überwältigen. Mehrere Passanten mit sog. Migrationshintergrund übergaben den Messerstecher der Polizei. Ministerpräsident Söder dankten denen, die weiteres Unglück verhinderten. Das Opfer von Dortmund war offenbar weit weniger gefährlich – und musste sterben. Vielleicht sollten Polizeiautos statt MPs hölzerne Stühle mit sich führen? Und ausländerfeindliche Polizisten sollten sich ein Beispiel an migrantischen Mitbürgern nehmen. Ja, es waren Mitbürger mit sog.
    migrantischem Hintergrund. Und es war ein deutscher Inneminister namens Herbert Reul (CDU), der angeordnet hat, dass alle nordrein-westfälischen Polizeiwagen MPs mit sich führen.
  • Leserbrief von R.Kaiser aus Leipsch (12. August 2022 um 19:40 Uhr)
    Na super. Aus Neutralitätsgründen ermittelt eine andere Dienststelle. Man kennt sich ja auch nicht, z. B. aus gemeinsamen Einsätzen, Schulungen etc. Was an diesen Ermittlungen bitte ist neutral? Nichts! Sieht man ja an den bisherigen Ermittlungsergebnissen zu anderen Fällen polizeilicher Gewalt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter W. aus Schwerte (11. August 2022 um 12:21 Uhr)
    Keiner von uns war dabei, aber nach allem, was ich gelernt habe, verschießt die Maschinenpistole MP5, mit der die Polizei schon seit Jahrzehnten ausgerüstet ist, eine 9mm-Munition, die eine »mannstoppende« Wirkung hat. Das heißt, der Aufprallschock ist so groß, dass der Getroffene erst mal aus dem Verkehr gezogen ist. Wenn man aber, wie ich vermute, sechs Schüsse im Dauerfeuer abgibt, wartet man die mannstoppende Wirkung des ersten Schusses nicht ab. Eine MP5 kann man auch auf Einzelfeuer einstellen, dann kann man, wenn nötig, immer noch mehrmals schießen, genau wie mit einer halbautomatischen Pistole. Zumindest kann man den Eindruck gewinnen, dass der Einsatz einer MP5 in diesem Fall nicht erforderlich und nicht verhältnismäßig war.
  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (11. August 2022 um 11:46 Uhr)
    Von den Vereinigten Staaten von Amerika lernen heißt töten lernen, anders kann Mensch es nicht sehen, wenn die Polizei zur Schusswaffe greift und wie hier ein 16jähriger dadurch zu Tode kommt! In den USA ist es doch gang und gäbe, dass erst geschossen und dann gefragt wird – sind wir jetzt hier nun auch bei dieser Entwicklung angekommen? Es ist eine Entwicklung, die durchaus Fragen zulässt, wie zum Beispiel, ob diese Tötungsdelikte hierzulande aufgearbeitet werden und das von einer unbefangenen Intuition oder durch die Polizei selbst? Wann werden eigentlich alle Delikte aufgeklärt und wohin geht die Reise? Von den USA lernen heißt auch, dass Menschen wie Freiwild behandelt werden und diese Entwicklung darf niemals stattfinden hierzulande, wir brauchen keine Rambos die erst Schießen und dann Fragen!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinz-Joachim R. aus Berlin (10. August 2022 um 15:38 Uhr)
    Ist es nicht äußerst unangemessen, dass die Polizei mit Maschinenpistolen kriegsmäßig ausgerüstet – als »dein Freund und Helfer« – erscheint. Das ist feindselig! Wo bleibt hier die psychologische Variante? Der Staat – dein Feind (und meiner sowieso)!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen ( 9. August 2022 um 20:08 Uhr)
    Die junge Welt ist die einzige Publikation, in der ich gelesen habe, dass es sich um eine schwarze Person und Geflüchteten handelte. Ist das nicht schön? Seit spätestens der sog. »Flüchtlingskrise« wird in Mainstreammedien auf den Pressekodex gesch*ssen, nach dem die Herkunft von Tätern bzw. Tatverdächtigen nicht genannt werden soll, außer bei »begründetem öffentlichem Interesse«, wobei die vorauseilende Befriedigung der Ressentiments der Lügenpresse-Schreier ein ausreichend öffentliches Interesse darstellt. Also wird seit Jahren der fremdenfeindliche Reflex der weißen Mehrheitsgesellschaft bedient, indem ständig Kriminalität mit »Ausländern« bzw. Nichtdeutschen in Verbindung gesetzt wird. Wenn das Opfer hingegen schwarz ist, wird das geradezu verschwiegen. Die Journalisten fühlen sich womöglich noch moralisch-ethisch vorbildlich handelnd, denn in der Tat, alle Menschen sind gleich, warum sollte die Hautfarbe oder Herkunft eine Rolle spielen bei einem Todesopfer? Ja, schön nur, wenn man sich bei vermeintlichen oder tatsächlichen Straftätern auch daran halten würde. Aber nicht nur das, die Darstellung der Polizei wird, wie üblich, kritiklos als Tatsache verbreitet. So kann man einen Skandal à la »Polizei erschießt Jugendlichen« direkt im Keim ersticken, weil »Polizei erschießt Messerangreifer«, klingt da schon ganz anders. Und welcher durchschnittsdeutsche Medienkonsument macht sich schon die Mühe, sich den Sachverhalt selbst kritisch anzuschauen, geschweige denn seinen autoritären Reflex zu überwinden und Verlautbarungen der Staatsgewalt zu hinterfragen?

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