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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 12 / Thema
Sozialismus in der Diskussion

»Jede Herrschaftsweise hat ihre Fronde«

Über Revisionismus, Klassen im Sozialismus und sozialistischen Absolutismus. Aus dem Briefwechsel zwischen Peter Hacks und Kurt Gossweiler
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Nach Peter Hacks Repräsentationen des Absolutismus: Walter Ulbricht des sozialistischen, Friedrich II. des aufgeklärten Absolutismus. Büsten der beiden Staatenlenker in der Modellkammer der Kunstgießerei Lauchhammer

In den kommenden Tagen erscheint im Berliner Eulenspiegel-Verlag der bereits 2005 veröffentlichte Briefwechsel zwischen dem Dramatiker Peter Hacks (1928–2003) und dem Historiker Kurt Gossweiler (1917–2017) in einer neuen, überarbeiteten und erweiterten Ausgabe. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags eine Diskussion der beiden Korrespondenten über Revisionismus, Klassen im Sozialismus und sozialistischen Absolutismus. (jW)

Hacks an Gossweiler

9.3.1998

Lieber Herr Gossweiler, ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Sie Ihr Lebenswerk zu diesem provisorisch-vollständigen Abschluss gebracht haben. Das Buch¹ hat noch Züge einer Materialsammlung, es ist als System noch nicht bis in den letzten Winkel widerspruchsfrei. Aber es gravitiert in allen seinen Teilen in Richtung des Ganzen, das das Wahre ist, und die Welt in ihrer großen Schwierigkeit kann mit seinem Erscheinen erst einmal für abgehandelt gelten.

Es gibt ja schon wieder ein paar wohlgemeinte Bücher, es gibt auch schon Bücher, die Tatsachen enthalten. Es gibt eine überaus kleine Zahl von Büchern, die vom höchsten Stand des sozialistischen Bewusstseins her ins Wesen packen, und ich denke, dass das Ihrige sich an deren Spitze gestellt hat. Wenn ein Standardwerk ein Hauptwerk über einen Hauptgegenstand ist, dann, lieber Herr Gossweiler, haben Sie unserem Jahrhundert das Standardwerk geschrieben.

Für Ihre wichtigste Nachricht halte ich eine These, die Sie gar nicht aufstellen, die ich aber aus Ihnen extrapoliere und das Gossweilersche Gesetz nennen will. Es lautet: Jede kommunistische Bewegung zu jeder Zeit seit 1848 ist zu einem etwa konstanten Anteil mit Kräften durchsetzt, denen die ganze Sache zu anstrengend ist und die potentiell bereit sind, die Friedensangebote, die die Bourgeoisie ihnen macht, wohlwollend zu prüfen. Wie hoch dieser Anteil jeweils ist, ist kaum eine Frage der Gunst oder Ungunst der gesellschaftlichen Stunde. Das Vorhandensein großartiger Führer, Lenins, Stalins, Ulbrichts, hingegen kann die Quote der Revisionisten entmutigen und für eine gewisse Weile senken. (…)

Wie richtig ist Ihre Bemerkung, dass der Imperialismus jede Form erlaubt, den Sozialismus zu denken, und jede verbietet, ihn zu unternehmen. Ihre andere Grundthese, die ich für richtig halte, ist, dass nicht Brzezinski und Kissinger die SU geleimt haben, sondern dass die SU Brzezinski und Kissinger eingeladen hat, sie zu leimen. Es war unmöglich, uns zu betrügen, solange wir nicht den Wunsch hatten, betrogen zu werden. (…)

Dieser Brief ist zu lang und ernsthaft, um durchaus beholfen zu sein. Es ist mir wurst, es kam mir nur darauf an, Ihnen zu erzählen, wie lebhaft ich Sie wahrgenommen habe. Da im Augenblick keiner zur Verfügung steht, Ihnen den Nationalpreis und den Karl-Marx-Orden zu verleihen, tue ich es eben. Ich danke Ihnen, und ich grüße Sie.

Ihr

Peter Hacks

+++

Gossweiler an Hacks

Zwischen 19.3. und 5.4.1998

Lieber Herr Hacks,

ich benutze die Gelegenheit, um mich nochmals für Ihren überraschenden Brief zu bedanken. Er hat mir natürlich sehr wohlgetan insofern, als er mir bestätigte, was ich sehr hoffte, aber dessen ich mir nicht so ganz sicher war, dass diese Veröffentlichung einem Bedürfnis entgegenkam und als nützlich empfunden wird. Sie haben jedoch der Sammlung von Aufsätzen und Briefauszügen einen so hohen Rang zugesprochen, der mir zwar sehr schmeichelt, aber den ich vorsichtshalber in Zweifel ziehe (aber nun wirklich nicht, um damit einen Widerspruch Ihrerseits zu provozieren). (…)

Einige Ihrer Einschätzungen rufen bei mir den Eindruck hervor, dass ich meine Position präzisieren sollte. Das betrifft zum einen das von Ihnen extrapolierte »Gossweilersche Gesetz«: Zu dem vielen, zu dem ich gänzlich ungeeignet bin, gehört ganz bestimmt auch, »Gesetzgeber« zu sein. Ich habe doch nur eine allgemein bekannte Tatsache festgestellt, dass es in jeder – nicht nur der kommunistischen Bewegung – »Fundis« und »Realos« – um mich mal »modern« auszudrücken – gibt. Ich würde aber nicht behaupten, jede kommunistische Bewegung seit 1848 sei »zu einem etwa konstanten Anteil« mit »Realo«-Kräften durchsetzt. Dieser Anteil wechselt mit Zeit und Raum, ist abhängig in erster Linie von objektiven Bedingungen – der Stärke des betreffenden Kapitalismus, der Sozialstruktur, den gegebenen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen –, in zweiter Linie auch vom Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Führerpersönlichkeiten. (…)

+++

Hacks an Gossweiler

13.6.1998

Lieber Herr Gossweiler,

(…)

Ein (…) Punkt, von dem Sie meinen, ich verstände mich nicht auf ihn, ist das »Gossweilersche Gesetz«. Ich nehme mir und raube Ihnen die Zeit, diesen Stoff durchzusprechen. Es ist, denke ich, ein Mangel, dass Sie das nie fehlende Statthaben von Revisionismus innerhalb des Marxismus – also eine Dauererscheinung – aus vielen jeweiligen Kombinationen verschiedenster Ursachen erklären statt aus einem generellen Gesetz. Was stets ist, kann nur einen Grund haben. Sie nennen den Grund (…) selbst: Der Kapitalismus entsteht spontan; den Sozialismus muss man machen, und er ist deshalb schwer zu machen.

Ich wieder schreibe (…) ganz analog vom Absolutismus folgendes: Feudalismus und Kapitalismus bilden sich auf natürliche Weise; der Absolutismus muss politisch hergestellt werden. Er ist, sage ich, »fortwährend bedroht und immer im Zustand der Verteidigung«. Aus dieser Voraussetzung, auf der wir beide fußen, folgt, dass für die nicht gewachsenen, planmäßig durchzusetzenden und also auf Fähigkeit der Führung angewiesenen Herrschaftsweisen regelmäßige historische Rückschläge unvermeidlich sind. Soziologische Gründe wie kleinbürgerliche Einflüsse, Arbeiteraristokratie, Kretinisierung der Intelligenz (zumal der künstlerischen), Bestechung durch das Kapital bewirken die Rückschläge im Sozialismus. Aber sie bewirken diese Rückschläge eben nur, weil die sich der Natur des Sozialismus nach bewirken lassen.

Wenn Sie diese Aussage nicht als »Gossweilersches Gesetz« deklariert wollen, biete ich sie Ihnen als »Hackssches Gesetz« an, und im folgenden Wortlaut: »Für den Sozialismus ist das Vorhandensein einer opportunistischen Opposition so selbstverständlich wie für den Absolutismus die Existenz einer Fronde.« (Übrigens ist eine opportunistische Opposition meist eine recht und linke Opposition, also eine Fronde. War es nicht eine recht und linke Opposition, die es Ulbricht auf dem 14. Plenum des VII. Parteitags besorgte?)

Länge, lieber Herr Gossweiler, verleitet zu Länge. Ich fahre also fort – mit Gegenständen, an denen nun aber, hoffe ich, gar nichts mehr strittig ist. Unter den Gründen, die Sie für die Entstehung revisionistischer Anfälligkeiten während des Krieges auflisten, fehlt mir der wichtigste: die Abweichungen vom Marxismus, die Stalin zuließ (und die eine große Sittenverderbnis in Gang setzten), um der russischen, slawischen, vaterländischen Seele zu schmeicheln – erpresst durch die Alliierten, welche auf »demokratischen«, »antifaschistischen« Phrasen insistierten, von der Rehabilitation der Kirche bis zur modernen Musik. Stalin war erpressbar. Den Nazikrieg konnte er notfalls allein gewinnen, aber Churchill hatte jederzeit die Möglichkeit, das Bündnis zu kündigen oder zu wechseln, und einen Krieg gegen den vereinigten Weltimperialismus konnte Stalin nicht mehr gewinnen.

Solche Sauereien führt man ein, aber es ist fast unmöglich, sie anschließend wieder loszuwerden. Stalins letzte acht Jahre gelten der Augiasarbeit der Wegräumung dieses kriegsbedingten taktischen Mists. Vergeblich. Das Buch, dessen Erscheinen alle theoretischen und didaktischen Zwecke des gegenwärtigen Augenblicks optimal erfüllen würde, das sozusagen »methodisch dran« wäre und zu dem das Ihrige die bisher wichtigste Vorarbeit darstellt, ist: »Geschichte der KPdSU (B), kurzer Lehrgang«, mit zwei Bänden nämlich, einem Aufstiegsband bis Stalins Tod und einem sinkenden bis zur Auflösung der Partei durch Gorbatschow und Jelzin. Es wird geschrieben werden. (…)

+++

Gossweiler an Hacks

11.8.1998

Lieber Herr Hacks, (…) »Länge verführt zu Länge«, schrieben Sie mir gleichsam als Entschuldigung – nach nur anderthalb Seiten! Was soll ich da am Beginn einer Seite 5 zu meiner Entschuldigung vorbringen? Vielleicht dies: Nicht so sehr Länge als Problemgehalt verführt mitunter zu Ausführlichkeit und Länge; wenigstens geht es mir so mit Ihren Briefen. Damit komme ich zum spannendsten Gegenstand Ihres Briefes, Ihrer Kritik an meiner Herleitung des Revisionismus aus »verschiedenen Ursachen statt aus einem generellen Gesetz«, und zum »Hacksschen Gesetz«. Um Ihre Zeit und Geduld nicht noch übermäßiger zu missbrauchen, führe ich meine Eindrücke und Fragen dazu nicht aus, sondern bringe sie, zu wenigen Thesen komprimiert, hier vor:

Der Revisionismus hat nach meiner Ansicht seine Ursache nicht darin, dass der Sozialismus nicht spontan entsteht, vielmehr »gemacht werden« muss, sondern seine Ursachen liegen wie die jeder Opposition in einer politischen, um die Macht oder um Machterhalt kämpfenden Organisation bzw. Regierung – zum einen in unterschiedlichen Klassen- und Schichtinteressen, zum anderen darin, dass nicht allen Menschen gegeben ist, mit gleicher Konsequenz und Ausdauer zu kämpfen. Anders gesagt: Die Ursachen liegen in der Struktur der Gesellschaft und in der Natur der Menschen. Ich verzichte darauf, aus Ihrem Brief noch einmal zu zitieren den Wortlaut des Gesetzes, dem Sie Ihren Namen gaben, und die Erläuterung dazu.

Mein Eindruck ist, dass Sie dem Absolutismus unter den Ausbeuterherrschaftsweisen eine Sonderrolle zuschreiben, die ihm nicht zukommt, andererseits eine Gemeinsamkeit mit dem Sozialismus, die er nicht besitzt. Jede Herrschaftsweise in der Klassengesellschaft hat ihre »Fronde«, ihre Opposition, weil diese Opposition die Folge objektiv gegebener Interessenkonflikte ist.

Keine Herrschaftsweise wird anders als politisch hergestellt, jede Herrschaftsweise erwächst aus dem Kampf der Klassen und erhält ihre Eigenart als politischer Überbau von der Spezifik der ihr zugrunde liegenden ökonomischen Basis, um in der Marxschen Terminologie zu sprechen. Mit der Beschreibung der Herausbildung der Produktionsweisen Feudalismus und Kapitalismus als »auf natürliche Weise«, der Beschreibung des Absolutismus aber als einer »nicht gewachsenen« Herrschaftsweise wird nach meinem Dafürhalten ein untrennbar zusammengehöriger einheitlicher Prozess – bei dem der Absolutismus erwächst und entsteht als Ergebnis des Hinüberwachsens aus dem Feudalismus in den Kapitalismus und zugleich als Instrument dieses Übergangsprozesses – künstlich auseinandergerissen in eine »natürlich gewachsene« ökonomische Formation und eine »nicht gewachsene«, sondern »politisch hergestellte« Herrschaftsweise. (…)

+++

Hacks an Gossweiler

28.8.1998

Lieber Herr Gossweiler,

(…) Der Absolutismus wird von mir zu Recht als eine Formation besonderer (und dem Sozialismus in struktureller Hinsicht ähnelnder) Art betrachtet. Der Absolutismus konkurrierte mit der bürgerlichen Revolution, und das nicht unbedingt zu seinem Nachteil: weil die bürgerliche Revolution zu Cromwells Zeit mit Gewissheit, zu Robespierres Zeit mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Übereilung und eine unkluge Vorwegnahme war; sie musste beide Male zurückgenommen werden. Sehr vergleichbar Ulbrichts Absolutismus, der ein anderes Wort für die Epoche des Sozialismus und gegenüber einem übereilten und vorweggenommenen Kommunismus im Vorteil ist. – Der Thomas Müntzer, mit Ihrer Erlaubnis, erscheint als Ideologe einer bürgerlichen Revolution gegenüber Luther, dem Ideologen des Absolutismus, einfach als Amokläufer. Ich habe immer Ihre Wut darüber geteilt, dass Honecker (einer, den »Grundsätzliches überhaupt nicht interessierte«) sein unappetitliches Lob über Luther und Friedrich auskippte, ohne auch nur zu ahnen, wer diese Leute mögen gewesen sein können. Aber das ändert nichts daran, dass besagte Leute große Leute waren und keine rückschrittlichen. – Wenn der alte Absolutismus dadurch gekennzeichnet war, dass der Fürst die ausgleichende und regelnde Macht über die sich hassenden herrschenden Klassen Adel und Bürgertum bildete und an der Fronde aus diesen sich hassenden Klassen litt, so bildete Ulbrichts sozialistischer Absolutismus die ausgleichende und regelnde Macht über der herrschenden sozialistischen Klasse der Intelligenz (Forscher, Planer, Leiter) und der herrschenden sozialistischen Klasse des Parteiapparats. Die Instrumente, den Widerspruch der sich hassenden sozialistischen Klassen zu stabilisieren, waren 1. der Staatsrat, 2. das Theorem von der moralisch politischen Einheit. (Die Bauern waren für den Monarchen. Die Arbeiterklasse war gespalten: Wenn sie arbeiten wollte, hing sie der Intelligenz an, wenn sie nicht arbeiten wollte, dem Apparat.)

Das 14. Plenum zeigte unter anderem den Sturz des Monarchen durch die Fronde. Wer immer und naturläufig vom Sturz durch die Fronde bedroht ist, muss begabt sein; die Geschichte kann es ihm nicht ersparen. Den USA ist wurst, ob Clinton begabt ist. Der DDR war nicht wurst, ob Ulbricht begabt und Honecker unfähig war. Um ein Feind zu sein, genügt im Sozialismus, wenn einer »an Grundsatzfragen nicht besonders interessiert ist«.

Diese Weise, über den Absolutismus zu denken, ist seit ein paar Jahrzehnten von André Müller und mir entwickelt worden; denn jener weiß alles über Shakespeare und Elizabeth I., und ich weiß nicht wenig über die französische Klassik und Louis XIV. Wir stimmen in der Beschreibung des Phänomens vollkommen mit Marx und Engels überein, nicht ganz vollkommen, kann sein, in dessen Bewertung. Der Beweis für die Richtigkeit unserer Denkweise besteht darin, dass ich mit ihr so ungewöhnlich gute Theaterstücke geschrieben habe.

+++

Gossweiler an Hacks

20.3.1999

Lieber Herr Hacks,

(…) Ihre Ausführungen zur »Klassenfrage« im Sozialismus sind ja bewusst provokant zugespitzt, und natürlich wissen Sie, welche Einwände von Leuten wie mir kommen werden. Und obwohl ich weiß, dass Sie das wissen, bringe ich die erwarteten Einwände vor. (…)

Das »alte und vertraute« Schema der Klassen im Sozialismus kennt zwei Klassen – Arbeiter und Bauern – und als drittes die »Schicht der Intelligenz«. Ihr neues und ungewohntes Klassenschema wird bereichert durch die aus dem Sozialismus hervorgehenden neuen Klassen »Spezialistenklasse« und »Apparatklasse«. Der Klassenkampf im Sozialismus – das muss man daraus folgern –, von dem das Schicksal des Sozialismus abhängt, ist der Kampf zwischen diesen beiden neuen Klassen, in die sich die Schicht der Intelligenz aufgeteilt hat. Der Begriff der »Spezialistenklasse« birgt aber vielerlei Probleme: Sind die Apparatleute nicht auch Spezialisten? Wieso gehören sie dann nicht zur Spezialistenklasse? Verkörpert die ganze Spezialistenklasse die Gefahr des Revisionismus – oder sind es nur die Ökonomen und Physiker? Wenn aber nur die – wo bleibt dann das gemeinsame Klasseninteresse »der Spezialistenklasse«? Und warum nur die Ökonomen und Physiker? Wieso nicht auch die Diplomaten, Künstler und überhaupt die Kulturschaffenden?

Und wie steht es mit der »Apparatklasse«? Ist das die »Klasse« der »Antirevisionisten«, der »Verteidiger des ML«? Wieso wurde dann aber der revisionistische Umsturz gerade vom Apparat eingeleitet und vollendet? Wieso geht die Spaltung in Revisionisten und Antirevisionisten quer durch die »Spezialisten-« und die »Apparatklasse«?

So originell Ihr Klassenschema ist: Hat es vielleicht doch mehr mit der Freude daran zu tun, mit ihm die Analogie von Absolutismus und Sozialismus auf den Punkt bringen zu können, den Sie mit der Feststellung so formulieren: »Aus dem hierbei entstehenden Klassengleichgewicht zwischen Spezialistenklasse und Apparatklasse folgt Stalins und Ulbrichts Alleinherrschaft, folgt beider Erfolg«, als mit einer exakten Strukturanalyse der sozialistischen Gesellschaft?

Schließlich will mir, lieber Peter Hacks, überhaupt nicht einleuchten, wieso »man nicht darauf hoffen kann, aus Spezialisten Marxisten zu machen«, wie Sie sagen. Wir brauchen hier gar nicht zu theoretisieren – etwa in der Art: Warum sollen hochintelligente Menschen nicht imstande sein, sich eine wissenschaftliche Weltanschauung, die ihnen dazu verhilft, ihr Spezialfach noch besser zu beherrschen, zu eigen zu machen? Sie wie ich würden doch mühelos nicht wenige Spezialisten beim Namen nennen können, die sich zu Marxisten entwickelten (nicht »gemacht wurden«, backen kann man sie wirklich nicht).

Jedenfalls wäre für mich eine sozialistische Gesellschaft, die mit ihren Spezialisten keinen anderen Umgang pflegen kann als den von Ihnen als allein möglich beschriebenen, eine Karikatur dessen, was Marx und Engels im Manifest als Sozialismus beschrieben, und geht auch von einem Menschenbild aus, das dem eines mit der Erbsünde behafteten Menschen nicht gar so fern steht: »Was der Sozialismus nur kann, ist: den Spezialisten ideologisch das Maul verbieten und sie ökonomisch hätscheln.« Nein, so schlimm stand es weder um den Sozialismus noch um die Menschen, sogar in dem unterentwickelten Stadium, in dem sich der Sozialismus bei uns und in der Sowjetunion befand.

Aber ich fürchte, ich bin jetzt schon viel zu ernsthaft auf Sentenzen eingestiegen, die von Ihnen als provokante »Bonmots« eingestreut wurden. Dennoch kann ich einen weiteren Einwand nicht unterdrücken. Sie schreiben: »Die revisionistische Gefahr resultiert nicht aus Fehlerstellen im Sozialismus, sie resultiert aus dem Sozialismus.« Das klingt so, als betrachteten Sie die revisionistische Gefahr als etwas dem Sozialismus unabhängig von Zeit und Bedingungen Innewohnendes. Das läuft dann aber wieder nicht auf den Sozialismus, sondern auf die menschliche Natur hinaus. Denn im Sozialismus, der, nicht mehr von einem überlegenen Imperialismus bedroht, einen erbitterten Klassenkampf um seine Existenz führen muss, sondern der den Zustand – sagen wir mal – einer sozialistischen Umkreisung des untergehenden Restkapitalismus erreicht hat und deshalb in seiner Sozialstruktur der Beseitigung aller Klassenunterschiede schon sehr nahe gekommen ist – wo liegen da die Ursachen für eine Gefahr des Revisionismus? Für mich ist der Revisionismus ein Ergebnis des Klassenkampfes sowohl im Kapitalismus als auch im Sozialismus; er ist ein Widerschein des Kapitalismus in der Arbeiter- und sozialistischen Bewegung – wobei dessen potentielle Stärke in direkter Beziehung steht zur Stärke des Kapitalismus im gegenseitigen Kräfteverhältnis. Das »potentiell« ist wichtig, weil der andere Bestimmungsfaktor für die Stärke des Revisionismus die Konsequenz des antirevisionistischen Kampfes innerhalb der revolutionären marxistischen Bewegung ist. Darin, in dieser Konsequenz des Kampfes gegen den Revisionismus, liegt für mich die Ursache der Erfolge nicht nur der Personen Stalins und Ulbrichts, sondern der von ihnen geführten Parteien und Massen. (…)

+++

Hacks an Gossweiler

30.4.1999

(…)

Nun zur Klassenlage im Sozialismus. Ich will zu Ihrer längeren Ermahnung keine Gegenbrochure schreiben, vermag aber auch nicht, gar nicht zu antworten. Also ein paar Stichworte und Andeutungen. Richtig ist, dass der Antikommunismus gern mit der »Apparatklasse« arbeitet. Hieraus folgt nicht, dass, wer die Existenz einer Apparatklasse feststellt, ein Antikommunist sein müsse. Die Hauptsache ist einzusehen, dass eine neue Gesellschaftsformation – und gar eine eigentumslose – neue Klassen hervorzubringen nicht umhin kann. Im Sozialismus, sagen Sie, gibt es zwei Klassen, die Arbeiter und die Bauern, und dann die Schicht der Intelligenz. Das, entschuldigen Sie, heiße ich toll getrieben.

Die »Schicht der Intelligenz« stellt als Direktoren die Leiter der Produktion, als Wissenschaftler die Hauptproduzenten – und soll aber keine Klasse sein? Die Intelligenz im Sozialismus hat, das ist wie früher, kein Privateigentum. Aber neben ihr stehen inzwischen keine Eigentümerklassen mehr, die im Kapitalismus den hohen Gebrauchswert ihrer Arbeitskraft zur Unwichtigkeit herabminderten. Und soll keine Klasse sein?

Die Arbeiter im Sozialismus haben mit den Arbeitern im Kapitalismus eben noch den Namen gemein, im Grunde gar nichts. Sie produzieren keinen Mehrwert fürs Privateigentum, sie haben, unausgebeutet, wie sie sind, keinen Anlass zur Revolution. Erzeugung von Gebrauchswert liegt ihnen am Herzen, Faulheit ebenfalls, und es steht nahezu in ihrem Belieben, welches dieser beiden Ziele sie verfolgen. (Es ist aus dieser Verlegenheit, dass wir vorzogen, das kitschige Wort Werktätige zu benutzen.)

Der Parteiapparat soll eine Abteilung der Arbeiterklasse sein, keine Klasse für sich? Das Politbureau soll eine Abteilung des Parteiapparats sein, nicht der Vorstand der Gesellschaft? In allen sozialistischen Ländern gibt es Kleinbürger und in vielen Kapitalisten. Weder die noch die ähneln dem, was im Kapitalismus unter diesen Namen auftritt. Die Genossenschaftsbauern sind keine Bauern mehr. Mein Gott, es gibt nicht einmal mehr eine Differentialrente.

Die sozialistischen Klassen können nichtantagonistisch sein. Eine große Neuerung, aber es ist nicht ausgemacht, dass sie es auch sind. Selbstverständlich sind die neuen Klassen die Personnage der neuen Widersprüche des Sozialismus. Dieselben kann er einer Versöhnung zuführen, aber es ist nicht ausgemacht, dass er nicht an ihnen zugrunde geht.

Warum, fragen Sie mich, Spezialisten keine Marxisten sein könnten? Sie sollten sie selbst fragen. Ich nehme an, Naturwissenschaftler haben einen anderen Denkapparat als Gesellschaftswissenschaftler, und es war Ulbrichts größte und verdienstvollste und gescheitertste Anstrengung, aus Parteimenschen zugleich Fachmenschen und aus Fachmenschen zugleich Parteimenschen zu züchten. Er ließ seine Funktionäre den Doktor machen und seine Professoren ML studieren. Die einen wie die anderen, mit verschwindenden Ausnahmen, wollten das nicht. Ehe diese Klassen bereit waren zu verschmelzen, stürzten sie ihn lieber.

Meinen Vorschlag, Spezialisten das Maul zu verbieten und sie aber ökonomisch zu hätscheln, nennen Sie zynisch. Es ist die erklärte Linie der chinesischen Partei, und es ist lang her, dass ich gewohnt war, die zu unterschätzen.

Anmerkung

1 Die Rede ist von Kurt Gossweiler: Wider den Revisionismus. Aufsätze, Vorträge, Briefe aus sechs Jahrzehnten, München 1997

Kurt Gossweiler: Darf ich Genosse sagen? Der Briefwechsel mit Peter Hacks, herausgegeben von Matthias Oehme, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2022, 220 Seiten, 12 Euro

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  • Leserbrief von Peter Wachata (12. August 2022 um 10:57 Uhr)
    Es ist der jW im Allgemeinen und Daniel Bratanovic im Besonderen zu danken, Ausschnitte aus dem Briefwechsel Hacks–Gossweiler zu drucken. Der Eulenspiegel-Verlag ist für die Herausgabe des Briefwechsels in Buchform nur zu beglückwünschen. Vielleicht kann in der jW ein zweiter oder gar dritter Teil folgen, denn das Bändchen verdient eine hohe Auflage und viele Leser. Nicht nur, dass sich der Text mit Genuss liest. Hacks bleibt sich treu und stellt auch hier eigentliche Grunderkenntnisse unseres Sozialismusverständnisses auf den Prüfstand. Und das aber eben – diametral zu manch anderen in der jüngeren Geschichte – aus marxistischer Sicht. Dass er zuspitzenderweise manchmal auch übers Ziel hinausschießt, ist sein Recht, ja seine Pflicht als Stückeschreiber und promovierter Philosoph. Kurt Gossweiler holt ihn dann schon auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber es ist eben ein schöpferischer Streit, bei dem es um die Sache geht, richtig wohltuend im Vergleich zu dem, was sich Linke sonst an den Kopf werfen. Man kann zu seiner Auffassung über die Klassen im Sozialismus (und besonders in der DDR) und zu seiner Meinung über den Zeitpunkt von deren Verschwinden in einer dann sozialistischen/kommunistischen Gesellschaft stehen, wie man will, es ist ein Diskussionsangebot, das nicht einfach von Tisch gewischt werden sollte. Für mich sehr interessant und lehrreich sind weiter die Betrachtungen beider zum Entstehen und Verbreiten des Revisionismus in der Arbeiterbewegung, die objektiven und die subjektiven Faktoren und die Rolle des Klassengegners dabei. Wer sollte die Tatsache negieren wollen »dass der Imperialismus jede Form erlaubt, den Sozialismus zu denken und jede verbietet, ihn zu unternehmen.« Pointierter und zugleich genauer ist kaum zu formulieren.

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