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Aus: Ausgabe vom 08.08.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Polnische Geschichte

Alle Fehler gemacht

Gesinnungsfeste Banalitäten: Wolfgang Templins Pilsudski-Biographie präsentiert den deutschen Lesern das aktuelle polnische Geschichtsbild
Von Reinhard Lauterbach
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Auf dem Weg nach Osten: Jozef Pilsudski inspiziert 1919 polnische Truppen in Minsk

Es gibt einen polnischen Witz über einen Schüler, der in Biologie über den Elefanten abgefragt werden soll. Weil er sich nicht vorbereitet hat, improvisiert er über »den Elefanten und die polnische Frage«. Die Erinnerung an diesen Spruch lässt einen nicht los, wenn man Wolfgang Templins Biographie des an der Wiederbegründung des polnischen Staates 1918 maßgeblich beteiligten Politikers Jozef Pilsudski liest.

Die Originalformulierung des Autors vom »Vater der polnischen Unabhängigkeit« soll hier aus grundsätzlichen Vorbehalten gegen einen Personenkult, den sich Pilsudski vor seinem Tod im Jahr 1935 organisieren ließ und der bis heute lebendig ist, so konsequent vermieden werden, wie sich Templin darauf kapriziert, von »belarusischen Wäldern« mit einem »s« zu schreiben und auf der polnischen Schreibweise Feliks Dzierzynski entgegen der »russischen« Fassung »Dscherschinski« zu bestehen. Nur: Was Templin hier als Russizismus anprangert, ist gar kein Russisch, sondern die von der wissenschaftlichen abweichende DDR-Populärtransliteration. Das sollte der in der DDR als Bibliothekar ausgebildete Autor noch wissen. Aber das ist eben Programm: Russisch ist böse.

Templin, von 2010 bis 2013 Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau, hat für dieses Buch in Polen Recherchen betrieben, mit Autoritäten der polnischen Historie des frühen 20. Jahrhunderts gesprochen und umfangreiche Lesefrüchte angehäuft. Allerdings sitzt er dabei sämtlichen geläufigen Fehlern patriotischer Geschichtsbetrachtung in ihrer polnischen Ausprägung auf, die es gibt: von der Teleologie, dass alles auf das Ende habe hinauslaufen müssen, auf das es hinausgelaufen ist, über die unkritische und an der Sache vorbei argumentierende Verherrlichung der polnischen Aufstände des 19. Jahrhunderts (1863 seien die polnischen Bauern den adligen Aufständischen nur unzureichend zur Seite gesprungen, weil sie um ihre eigene Existenz Angst gehabt hätten; dabei hatten sie erstens kaum eine zu verlieren, zweitens aber insbesondere keinen Grund dazu, weil ihnen die Bauernbefreiung in Russland auch ein Ende der Leibeigenschaft versprach, von der die Herren Insurgenten mehr oder minder üppig gelebt hatten, bis die Reform von Zar Alexander II. zwei Jahre vor dem Aufstand ihre wirtschaftliche Existenz bedrohte) bis zur selbstverständlichen Übernahme der Vorstellung, dass die Wiederherstellung Polens als unabhängiger Nation die einzig denkbare oder legitime Option für die Gegner des Zarenregimes gewesen sei.

Einwände wischt Templin mit einem Federstrich beiseite: In einem unabhängigen Polen würden zwar Bourgeoisie und Proletariat im Gegensatz zueinander stehen, aber »es würden sich Kompromisse finden lassen«. Die sahen dann später, als Pilsudski der »starke Mann« der polnischen Republik war, so aus, dass er das Militär gegen streikende Arbeiter und steuerverweigernde Kleinbauern ausrücken ließ.

Widersprüche bleiben nicht aus. So schreibt Templin über Pilsudskis Konkurrenz mit der von Rosa Luxemburg und Leo Jogiches angeführten internationalistischen Richtung des polnischen Sozialismus erst, letztere sei »an den polnischen Realitäten gescheitert«, um ein paar Seiten weiter einzuräumen, dass der wachsende Zulauf zu der Luxemburg-Fraktion für Pilsudski Anfang des 20. Jahrhunderts eine »neue Herausforderung« gewesen sei. Er behauptet, die »Statistiken« in Rosa Luxemburgs Dissertation über die kapitalistische Entwicklung Polens hätten sich »an der Realität« des Patriotismus der polnischen Arbeiter blamiert – ohne zu merken, dass er da Äpfel mit Birnen vergleicht. Wenn er im übrigen an derselben Stelle behauptet, die polnischen Arbeiter hätten im Unterschied zu den russischen in ihrer großen Mehrheit Ende des 19. Jahrhunderts schon lesen können, fragt man sich, warum es Zwischenkriegspolen unter Pilsudskis Herrschaft nicht fertigbrachte, den Analphabetismus im Land zu besiegen.

Daneben stehen gesinnungsfeste Banalitäten, denen man den tagespolitischen Hintergrund anmerkt – die Krim, die für Pilsudski nie eine Rolle gespielt hat, habe »vor den Zeiten Katharinas II. nie zu Russland gehört«, stellt Templin fest. Dazu kommen Missgriffe wie die Kapitelüberschrift »Polnische Sozialisten gegen die Anhänger Rosa Luxemburgs« – als wären die keine polnischen Sozialisten gewesen.

Zahllose Flüchtigkeitsfehler kommen dazu. Templin schreibt auf der ersten Seite von den vielen Namen des Flusses Niemen/Nemunas/Memel, in dessen Einzugsgebiet Pilsudski geboren wurde, und benutzt konsequent die Form »Njemen«, die weder polnisch noch russisch, litauisch oder sonst etwas ist. Seine Hochzeit habe Pilsudski auf der Wasserburg »Troicki« gefeiert – das ist die polnische Adjektivendung, auf litauisch heißt der Ort Trakai, auf polnisch Troki. Das Adelsgeschlecht, aus dem Pilsudskis Mutter stammte, hieß nicht »Billewiczows«, sondern Billewicz, der Rest ist Flexionssuffix, und die »Bibulas«, die Pilsudski illegal hergestellt habe, sind einfach Broschüren auf Dünndruckpapier, das auf polnisch eben so heißt.

Nur noch ein müdes Lächeln entlockt einem die Formulierung, Pilsudskis geschiedene erste Ehefrau habe die Ehe mit ihm nicht nach katholischem Ritus »vollziehen« können. Dazu kommen mit einem Internetklick zu recherchierende Kleinigkeiten wie die falsch angegebene Entfernung zwischen Krakau und Zakopane: Sie beträgt nicht 200, sondern nur 106 Kilometer. Etwas peinlich, aber Lektorat kostet halt. Die Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung, Ellen Ueberschär, behauptet im Vorwort, Templins Buch sei die »erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende« Biographie Pilsudskis in deutscher Sprache – nun ja. Wie die Politik, so ihre Wissenschaft. Um einen Marx-Satz zu variieren: Zum anderswo ausgetragenen Krieg kommt hier die Liederlichkeit.

Wolfgang Templin: Revolutionär und Staatsgründer. Jozef Pilsudski – eine Biographie. Ch. Links, Berlin 2022, 448 Seiten, 28 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael S. aus Bonn ( 8. August 2022 um 12:40 Uhr)
    Danke für die Warnung vor dem Machwerk. Aber zur Schreibweise: In der DDR wurde Feliks Dzierzynski verwendet, jedenfalls hießen etliche Ferienlager, die ich besucht habe, so. Dscherschinski habe ich bis dato noch nicht gesehen.

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