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Aus: Ausgabe vom 08.08.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
»OPEC plus«

Symbolische Zahlen

Erdölproduzierende Länder am Rande ihrer Kapazität. Sorgen wegen großer Investitionslücke und »Energiearmut« im globalen Süden
Von Knut Mellenthin
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Sie sind endlich, die Erdölreserven dieser Welt (Abuja, Nigeria, 5.7.2022)

Alle vier Wochen legen die Ressortminister der »OPEC plus« ihre gemeinsame Erdölfördermenge für den nächsten Monat und die ursprünglich als Obergrenze gedachten Quoten für die einzelnen Mitgliedsländer fest. Drei Staaten werden dabei nicht mitgerechnet: Iran und Venezuela aufgrund der gegen sie gerichteten Sanktionen der USA, Libyen wegen der häufigen Unterbrechung seiner Ölproduktion durch innenpolitische Konflikte.

Am vergangenen Mittwoch war es dann wieder soweit: In einer Videokonferenz, wie sie seit Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 üblich geworden ist, verständigten sich die Fachminister der Interessengemeinschaft darauf, ihre Ölförderung im Monat September um insgesamt 100.000 Barrel pro Tag – englisch abgekürzt bpd – zu erhöhen. Das entspricht ungefähr 0,1 Prozent der globalen Produktion, ist also für das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage irrelevant und hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Ölpreise, die nach wie vor deutlich über denen des Vorjahres liegen.

Angesichts der außergewöhnlich geringen Menge der vereinbarten Steigerung gaben sich die Medien enttäuscht. Schließlich hatten sich doch die wichtigsten westlichen Politiker demonstrativ darum bemüht, die Monarchen der arabischen Halbinsel zur vollen Ausnutzung ihrer Kapazitäten anzutreiben. Das Handelsblatt sprach in der Überschrift seines Berichts am vergangenen Mittwoch von einer »Ohrfeige für die USA« und berief sich dabei auf einen nicht näher gekennzeichneten anonymen »Marktteilnehmer«.

In Wirklichkeit handelte es sich aber nur um eine Routineentscheidung, die von vornherein zu erwarten war: Seit Juli 2021 hat die »OPEC plus« ihr Planziel von Monat zu Monat um jeweils 432.000 bpd aufgestockt. Davon abweichend hatten die 23 Minister bei ihrer Videokonferenz am 2. Juni zusätzlich die planmäßig erst im September fällige Erhöhung zeitlich vorgezogen und auf die Monate Juli und August umgelegt. Dadurch ergab sich für diese beiden Monate eine Steigerung der Fördermenge um jeweils 648.000 bpd. Demnach wäre im September nur eine Nullrunde fällig. Dass dennoch 100.000 bpd mehr bewilligt wurden, war vermutlich als tröstliche Geste gemeint.

Es geht ohnehin nur um symbolische Zahlen, denn mit Ausnahme des Februars hat die »OPEC plus« in keinem Monat ihre Planziele erreicht. Insbesondere die afrikanischen Mitgliedsländer der OPEC sind nicht in der Lage, ihre Quoten auszuschöpfen. Internationale Beobachter trauen nur Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, unter Umständen vielleicht auch dem Irak und Kuwait, zu, dass sie noch Potential für eine Steigerung ihrer Ölförderung haben. Die gesamte mobilisierbare Reservekapazität der »OPEC plus« wird auf maximal zwei Millionen bpd geschätzt.

Im Kommuniqué der Videokonferenz vom Mittwoch wird angesprochen, wo aus Sicht der Interessengemeinschaft das Hauptproblem liegt: »Die Beratung hob mit besonderer Sorge hervor, dass unzureichende Investitionen die Verfügbarkeit einer zeitgerechten Versorgung zur Deckung eines wachsenden Bedarfs über das Jahr 2023 hinaus (…) beeinträchtigen.«

Damit wurde ein Thema aufgegriffen, das der am 5. Juli überraschend verstorbene nigerianische OPEC-Generalsekretär Mohammed Barkindo am selben Tag ins Zentrum seiner letzten Rede gestellt hatte: In einem kurzen Zeitraum sei die internationale Erdölproduktion durch zwei »größere Zyklen« schwer getroffen worden: durch den Preisverfall in den Jahren 2015 bis 2016 und kurz darauf durch die Auswirkungen der Coronakrise. In diesen Zusammenhängen sei, verstärkt durch den angestrebten Wechsel zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen, eine riesige Investitionslücke entstanden, in deren Folge sich vor allem die ärmeren unter den erdölproduzierenden Ländern in einem »Belagerungszustand« befänden. Weithin werde unterschätzt, so Barkindo, dass Öl und Gas noch bis 2045 gut die Hälfte der verbrauchten Energie liefern müssten. Fehlende Investitionen in diesen Sektor würden auch das Problem der »Energiearmut« in vielen Ländern der sogenannten dritten Welt verstärken.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 9. August 2022 um 12:13 Uhr)
    Abwärtstrend auf dem Rohstoffmarkt. Der Preiseinbruch auf dem Finanzmarkt zeigt die Furcht vor der kommenden Rezession. Die Preise für Öl, Kupfer und Baumwolle sind seit Anfang Juni deutlich gesunken. Diese Entwicklung verzögert aber jetzige Rohstoffinvestitionen und werde künftige Versorgungskrisen noch weiter verschärfen. Anleger ziehen sich im großen Stil aus Rohstoffinvestments derzeitig zurück. Das setzt den Rohstoffmarkt unter Druck: Der Preis für das wichtige Industriemetall Kupfer, ein viel beachtetes Konjunkturbarometer, ist ab Juni um 30 Prozent gefallen. Die Märkte preisen für 2023 zunehmend das Risiko einer Rezession in den USA und Europa ein. Leider wird uns diese Marktkorrektur – sowohl von der Geschwindigkeit als auch vom Ausmaß – beinahe so hart treffen wie in der Finanzkrise 2008.

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