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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 16 / Feuilleton
15 Jahre Blockade

Kriege, Abriegelung und Angst

Leben im Gazastreifen: Das größte Freiluftgefängnis der Welt. Soziale Kontrolle und Enge kommen aufgrund patriarchaler Vorstellungen hinzu
Von Johannes Zang
Gesundes Trinkwasser gibt es in Gaza nur abgefüllt
Alltag für Kinder in Gaza: Aufwachsen inmitten von Zerstörung
Sinnbild der Gefangenschaft: Der Checkpoint Erez an der nördlichen »Grenze« Gazas

Youssef bindet seinen Esel an einen Mast am Straßenrand. Nach getaner Arbeit wird er den Karren ziehen, beladen mit Fliesen, Stahl und was der rötlichblondhaarige Palästinenser sonst an Verwertbarem der Hausruine abringen wird. Tag für Tag schlachtet er zwölf lange Stunden – in Tag- oder Nachtschicht – ein 15stöckiges Gebäude aus. Der 26jährige hat nie eine Schule besucht, kann weder zählen noch das Alter seiner Kinder nennen. Mit Frau, vier Töchtern und einem Sohn bewohnt er eine Einzimmerwohnung, die ihn 150 Schekel im Monat kostet, etwa 40 Euro. Je nach Qualität seiner »Beute« bringt er 15 bis 20 Schekel Tageslohn nach Hause, zuwenig für einen Kubikmeter Wasser von einem Tanklaster. Youssef lebt von der Zerstörung. Sein Arbeitsplatz im Gazastreifen sei im von Israel »Gegossenes Blei« benannten Krieg 2008/2009 von zehn israelischen Raketen getroffen worden, »weil es ein Hochhaus ist«.

Seitdem sind Zehntausende von Gebäuden zur Zielscheibe israelischer Angriffe geworden: Privathäuser, Wohnblocks und Moscheen, Krankenhäuser und Schulen, UN-Gebäude, eine Polizeistation und ein Hochhaus mit Büros des Senders Al-Dschasira und der Nachrichtenagentur Associated Press.

Gaza – das ist Zerstörung, israelische Besatzung und innerpalästinensischer Zwist, Wasser- und Energiekrise, aber auch palästinensische Überlebenskunst. Die Litanei begann 1948: Durch Flucht und Vertreibung strömten 200.000 Palästinenser nach Süden in den Streifen, in dem damals 70.000 angestammte Landsleute lebten. Seitdem kamen immer neue Krisen hinzu: der Sechstagekrieg 1967, zwei Intifadas (Volksaufstände), ab März 2006 ließ Tel Aviv keine palästinensischen Arbeiter mehr nach Israel einreisen, im selben Monat wurde die vom Wahlsieger Hamas gebildete Regierung von den USA, der EU und Japan boykottiert – fehlende Gelder waren die Folge. Ab dem 12. Juni 2007 verhängte Israel eine See-, Land- und Luftblockade und verbot die Einfuhr Hunderter Güter wie Windeln, Schulbücher, Batterien und Schokolade.

Sari Bashi, ehemals Direktorin der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha, nennt die Folgen »absurd«. So dürfe Zimt eingeführt werden, »aber Koriander nicht«. In ihren Augen sollte die Blockade die Wirtschaft lahmlegen. Zeitgleich forderten bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Milizen der rivalisierenden palästinensischen Parteien Fatah und Hamas laut palästinensischer Menschenrechtsorganisation PCHR 161 Tote. Weitere Opfer im dreistelligen und Verwundete im fünfstelligen Bereich zeitigten die Proteste des »Großen Rückkehrmarsches« am Grenzzaun 2018.

Fünf Kriege seit 2006 haben in Tausenden von Familien Wunden geschlagen, Depressionen ausgelöst, Verzweiflung gesät, die Einkommensquelle ausgelöscht und die Hoffnungslosigkeit potenziert – anschaulich dokumentiert im Dokumentarfilm »Gaza: Still Alive«. Im Krieg (Israel spricht von Militäroperation) »Gegossenes Blei« verlor die Familie Al-Dayah 22 Angehörige, darunter zwölf Kinder. Zwei Kriege später betrauerten 142 Familien nach Angaben des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) jeweils mindestens drei Angehörige. Der bekannte palästinensische Psychotherapeut Eyad Al-Sarradsch (1944–2013) bilanzierte bereits 2008: »Wir leben in einem Katastrophengebiet der seelischen Verfassung.« Schon damals erachtete er »eine Armee an Psychiatern und Psychologen« von mindestens 1.500 Personen als notwendig, statt der damals zur Verfügung stehenden rund 100 Fachleute.

Der Zukunft beraubt

Soziale Kontrolle und Enge aufgrund konservativer, patriarchaler Vorstellungen erlegen gerade jungen Menschen eine weitere Leidensschicht auf. »Keine Luft zum Atmen. Mein Weg in die Freiheit«, so der Titel eines Romans von Asmaa Al-Atawna, der das Lebensgefühl liberal gesinnter Gazaner ausdrücken dürfte. Die dreifach marginalisierte Autorin – als Frau im Flüchtlingslager in eine Beduinenfamilie hineingeboren – war mit 18 Jahren von Gaza nach Frankreich geflohen. »Ich fasste den Entschluss, dieser Hölle endlich zu entfliehen. Ich entschied mich dafür, an einen ruhigeren und grüneren Ort zu gehen«, lauten die letzten Sätze dieses autobiographisch gefärbten Romans.

Anlässlich des 15. Jahrestags der israelischen Blockade hat die OCHA ein Papier zu den »humanitären Auswirkungen« mit 13 »Key facts«, einer Landkarte und fünf Grafiken veröffentlicht: »Im Juni 2007, nach der militärischen Machtübernahme Gazas durch die Hamas, haben israelische Behörden bestehende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit verschärft und somit den Gazastreifen vom Rest des besetzten palästinensischen Gebiets und der Welt abgeschnitten«, beginnt das Dokument. Dann folgen viele Zahlen, meist deprimierende, doch auch ermutigende. Demnach genehmigten israelische Behörden in diesem Jahr nur 64 Prozent aller Anträge von Patienten fristgerecht, zwecks medizinischer Behandlung den Gazastreifen via Israel verlassen zu dürfen. Von einst fünf Übergängen sind in den Anfangsjahren der Blockade drei (Nahal Oz, Karni, Sufa) geschlossen worden. Ermutigend dagegen ist der Anstieg der Zahl derer, die nach Israel ausreisen dürfen, darunter Händler und Arbeiter. Lag der monatliche Schnitt im Jahr 2000 bei über einer halben Million Menschen, sank die Zahl nach Blockadebeginn auf 1.900. Danach stieg sie mit Auf und Ab kontinuierlich an, von 2021 zum ersten Quartal dieses Jahres gar um das Dreifache: auf 27.700 Personen.

Was der Bericht verschweigt, ist die Zahl der Politiker, Entwicklungshelfer oder Journalisten, die Israel in das Gebiet einreisen lässt. Ein solches Unterfangen gleicht dem Versuch, Zugang zu einem Hochsicherheitsgefängnis zu erhalten. Das israelische Militär verwehrte selbst dem damaligen Bundesentwicklungshilfeminister Dirk Niebel, Ex-US-Präsident James Carter, dem südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu oder Bundestagsabgeordneten die Einreise. Sie alle schmeckten ein wenig die Unfreiheit, die für die Menschen in Gaza Alltag ist.

Die 20jährige Informatikstudentin Nour Murtaja war fünf Jahre alt, als Israel die Blockade verschärfte. Sie hat nicht das Gefühl, jemals »richtiges Leben in Gaza erlebt zu haben«. Dieses habe aus »vier Kriegen, Abriegelung, Angst und endlosem Warten« bestanden und sei »bitter und schwierig«. Das erklärte sie gegenüber der Organisation Gisha, die anlässlich des 15jährigen Bestehens der Blockade drei junge Menschen zu Wort kommen ließ.

Hazem Al-Jauni, 23 und Grafikdesigner, hat Gaza noch nie verlassen und besitzt keinen Pass. »Ich gehöre einer Generation an, die nur ein abgeriegeltes Gaza kennt«, erklärte der Mann mit Baseballkappe und Tommy-Hilfiger-Hemd. Die Situation dort gleiche einem »Leben im Gefängnis«. Wenn sein Vater von Ausflügen nach Israel erzählte – nach dem Motto »Abfahrt bei Sonnenuntergang, Abendessen in Jaffa« –, konnte er sich das nicht vorstellen. Für ihn seien das Träume. Er beobachtet, wie sich junge Leute in anderen Weltregionen entwickeln. »Selbst über solche Möglichkeiten nachzudenken enthält man uns vor.« Die freudige Erregung, auf einem Flughafen zu landen, kennt er nicht. »Die einzigen Flugzeuge, die wir gut kennen, sind F-16-Kampfflugzeuge und Drohnen.« Die Lage in Gaza beschrieb er als »sehr deprimierend«. Die meisten Universitätsabsolventen fänden keine Arbeit, zudem gebe es politische Spaltung, Instabilität und alle ein bis zwei Jahre Krieg, »der Menschen tötet, Häuser und Äcker zerstört und damit Hoffnungen und Träume«. Trotzdem erstrebt er eine bessere Zukunft. »Aber in Gaza sind selbst unsere Träume von israelischen Einschränkungen abhängig. Es gibt so gut wie keine Möglichkeit, außerhalb Gazas zu arbeiten.« Dabei wäre er gerne frei – um sich auszuprobieren. Doch die Träume, die er als Schüler hatte, »verwelken unter einer Realität, die ich nicht kontrollieren kann«, so Al-Jauni.

Immerwährende Angst

Diese Realität sieht laut OCHA und Gisha folgendermaßen aus: Im Schnitt gibt es täglich nur zwölf Stunden Strom. 80 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 46 Prozent, ist unter Frauen und jungen Menschen allerdings noch höher. Fast ein Drittel der Gazaner hat Verwandschaft in Ostjerusalem, dem Westjordanland oder in Israel. Manche haben auf Studienplätze verzichtet, haben Hochzeiten oder Beerdigungen verpasst, weil Israel die Ausreise verbot. Ausnahmslos jeden trifft die miserable Trinkwassersituation. Gazas Grundwasserleiter ist überpumpt, mit Salz- und Abwasser verschmutzt, das geförderte Wasser wegen hoher Nitratwerte ungenießbar. Schon vor Jahren kritisierte die UNO im Report »Gaza 2020 – a liveable place?« die Lebensbedingungen dort. Aktuell sind nur 20 Prozent des Leitungswassers trinkbar. Zur Realität gehört auch: Sowohl Landwirten als auch Fischern sind Grenzen gesetzt: Erstere müssen eine 300 Meter breite Pufferzone zum Grenzzaun einhalten, Felder gehen dadurch verloren. Letzteren erlaubt Israel das Fischen – in Missachtung der Oslo-Abkommen und der sogenannten Bertini-Übereinkunft – nur auf der Hälfte der vereinbarten 20 Seemeilenzone.

All diese Faktoren werden durch die hohe Geburtenrate verschlimmert. Als die israelische Journalistin Amira Hass 2002 den Epilog für die deutsche Ausgabe von »Gaza – Tage und Nächte in einem besetzten Land« schrieb, lebten 1,1 Millionen Menschen im Gazastreifen. Nun, 20 Jahre später, sind es doppelt so viele, und zwei von drei Bewohnern sind jünger als 30.

Dazu kommt die immerwährende Angst vor dem nächsten Krieg und neuen Waffen. Menschen im Gazastreifen sehen sich als Versuchskaninchen für Israels boomende Rüstungsindustrie. Schon im Krieg »Sommerregen« berichteten Ärzte von glatter Durchtrennung der Gliedmaßen und komplizierten Verbrennungen. Der Leiter der Intensivstation des Schifa-Krankenhauses, Khalil Mechal, sagte damals zu den eingesetzten Waffen: »Wir glauben, dass es sich um Materialien handelt, die vom Körper absorbiert und an die inneren Organe weitergegeben werden.« Italienische Ärzte hatten den Verdacht geäußert, Israel verwende auch DEW-Strahlenwaffen. Möglicherweise sind auch die DIME-Granate (Dense Inert Metal Explosive) und DU-Uranmunition eingesetzt worden. Andrea Ricci, Autor von »Gaza. Die Kriegsverbrechen Israels«, schreibt zu DU: »Israel selbst dementiert den Einsatz dieser hochgiftigen Munition. Doch wurde nicht auch der Einsatz von weißem Phosphor zunächst dementiert, bis erdrückende Beweise auf den Tisch kamen?«

Wurde der Krisenstreifen schon vor dem Ukraine-Krieg kaum von Korrespondenten und Redakteuren beachtet, ist er seit Februar dieses Jahres noch weiter aus dem Blickfeld geraten. Das erzürnt Abed Shokry. Der in Darmstadt und Berlin ausgebildete Ingenieur der Medizintechnik schrieb im März aus Gaza (Stadt) angesichts der westlichen Sanktionen gegen Russland: »Was aber ist mit uns Palästinenserinnen und Palästinensern? Und in Gaza leben wir nicht nur unter Besatzung, sondern unter einer der schlimmsten Belagerungen der modernen Geschichte. Und die gesamte Weltgemeinschaft schaut zu und tut NICHTS. Wir wollen nur in Frieden und Würde leben. Ist das zu viel verlangt????«

Menschen in Gaza wünschten sich für ihre Kinder Perspektiven und Zukunft, ob das zuviel verlangt sei, fragt er, wieder mit vier Fragezeichen versehen. »Israel wird nur in Frieden leben, wenn wir auch in Frieden leben«, ist er überzeugt. Der Palästinenser findet es »sehr beängstigend«, wie die Weltgemeinschaft mit zweierlei Maßstäben die Ereignisse beurteilt. Das führe zu Fundamentalismus oder Radikalismus. »Daher ist es höchste Zeit, endlich ein gerechtes Wort gegenüber Israel laut und deutlich auszusprechen, damit die Besatzung nach mehr als 50 Jahren ein für allemal beendet wird. Es reicht, es reicht, es reicht.«

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