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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 13 / Geschichte
Geschichte Frankreichs

Die Zweite Revolution

Der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 setzte der französischen Monarchie ein Ende
Von Marc Püschel
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Monarchendämmerung. Sturm auf das Palais des Tuileries, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert

Wer an die Französische Revolution denkt, dem fallen der Sturm auf die Bastille, die Erklärung der Menschenrechte, die Guillotine oder der Ballhausschwur ein. Weniger Berühmtheit erlangte der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 – obwohl er nicht weniger gewichtige Folgen hatte als der 14. Juli 1789. Der Historiker Albert Soboul nannte ihn sogar die »Zweite Revolution« Frankreichs.

Den stürmischen Ereignissen 1789 war ein ruhiges Jahr gefolgt. Die kon­stitutionelle Monarchie war ein für (fast) alle annehmbarer Kompromiss, der feudale Augiasstall war größtenteils ausgemistet, die sozialen Bedingungen besserten sich. Doch schon 1791 brachen die Widersprüche der Revolution auf. Der Klerus zeigte sich widerständig, die unteren Volksschichten waren unzufrieden, dass das Wahlrecht für die Nationalversammlung an Besitz und Steuerzahlungen gebunden wurde, die Lebensmittelpreise stiegen drastisch, und im Ausland zogen adlige Emigranten bedrohlich viele Truppen zusammen.

Weg in den Krieg

König Ludwig XVI. lebte seit Oktober 1789 im Tuilerienpalast, einem mit dem Louvre verbundenen Schloss im 1. Arrondissement von Paris. Aus dieser Residenz, die er statt Versailles zwangsweise bewohnen musste, um nationale Gesinnung zu demonstrieren, versuchte er im Juni 1791 zu entkommen. Der bei Varennes scheiternde Fluchtversuch setzte eine Spirale der außenpolitischen Eskalation in Gang. Preußen und Österreich erklärten sich im August solidarisch mit dem Monarchen und drohten offen mit Intervention.

Die patriotische Empörung in Frankreich schlägt hohe Wellen, alles drängt zum Krieg. Jacques Pierre Brissot, der führende Politiker der linken Girondisten, fordert im Dezember einen »Kreuzzug für die allgemeine Freiheit«. Von einer Minderheit um Maximilien de Robespierre abgesehen, schließen sich alle der Begeisterung an – selbst der König, der am 20. April 1792 persönlich in der Nationalversammlung erscheint und vorschlägt, Österreich den Krieg zu erklären. Dahinter verbarg sich das Kalkül, nach einer Kriegsniederlage wieder auf den Thron gesetzt zu werden. Nur zehn Abgeordnete stimmen gegen den Krieg.

Der trifft die französische Armee völlig unvorbereitet. Die Hälfte ihrer 12.000 Offiziere ist bereits emigriert, die Adligen der militärischen Führungsebene verhalten sich zögerlich. Rasch steht das Heer vor der Auflösung, Interventionstruppen marschieren in Frankreich ein. Im Innern zeigt Ludwig XVI. nun, worum es ihm eigentlich geht, und entlässt am 13. Juni die girondistischen Minister. Eine neue Regierung der königstreuen Feuillants bildet sich.

Daraufhin dringen am 20. Juni 1792 erstmals Sansculotten in die Tuilerien ein. Der deutsche Publizist und Revolutionsfreund Konrad Engelbert Oelsner schließt sich ihnen an und berichtet: »Den König begrüßten hörbar genug die gröbsten Injurien; er wurde Hahnreih, Verräther, Schwein und was sich nicht übersetzen lässt, genannt. (…) Ich habe einen jungen Menschen bedauern gehört, dass es ihm an Muthe gefehlt den König niederzustechen, – er habe zweimal die Hand dazu ausgestreckt und wieder sinken lassen.« Doch der König – der die Chuzpe besitzt, sich eine Freiheitsmütze aufzusetzen und auf die Revolution zu trinken – kommt noch einmal davon.

Außenpolitisch spitzt sich die Situation weiter zu. Im Juli dringen die preußische Armee des Herzogs von Braunschweig und die von konterrevolutionären Adeligen befehligte Armee der Emigranten vor. Revolutionärer Patriotismus (und schiere Angst vor der Reaktion) nimmt überhand. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist ein Manifest des Herzogs von Braunschweig, in dem er dem französischen Volk mit Vernichtung droht, wenn dem König etwas zustieße. Als der Aufruf am 1. August in Paris bekannt wird, setzen die Pariser Sektionen (die 1790 neu geschaffenen Verwaltungsbezirke der Stadt) der Nationalversammlung eine Frist bis zum 9. August, um den König abzusetzen.

Das Ultimatum endet ohne Beschluss. Kurz vor Mitternacht läuten die Sturmglocken, in der Nacht zum 10. August gründet sich aus den Sektionen heraus die erste »aufständische Kommune« (Commune insurrectionelle) von Paris und übernimmt die Kommunalverwaltung. Frühmorgens stehen die Aufständischen bereit und töten zunächst den Kommandanten der Pariser Nationalgarde. Dessen am Tuilerienpalast stationierte Truppen, schwankend in ihrer Loyalität, ziehen um 7 Uhr ab. Zurück bleiben etliche Adlige und vor allem Schweizer Gardisten, die treue Eliteleibwache des Königs, insgesamt knapp 1.000 Mann. Die aufständische Bevölkerung, verstärkt durch in Paris stationierte Truppenteile aus ganz Frankreich, marschiert mit geschätzt 100.000 Menschen zum Palast.

Tabula rasa

Zunächst bleibt es friedlich, viele Kommunarden erwarten, die Gardisten würden sich friedlich der Rebellion anschließen. Die Schweizer jedoch suchen ihren zahlenmäßigen Nachteil durch Initiative auszugleichen – eine kurze, aber heftige Schlacht entbrennt. Der König flieht in den benachbarten Tagungsort der Nationalversammlung und gibt dort auf Druck der Abgeordneten den Befehl zum Rückzug, der allerdings nur noch einen kleinen Teil der Palastverteidiger erreicht. Den Rest, besonders die ausländischen Gardisten, von denen bis zu 700 sterben, trifft der ganze Hass der Bevölkerung. Als der Chronist Oelsner zwischen 9 und 10 Uhr am Schloss eintrifft, werden ihm schon aufgespießte Schweizer Köpfe entgegengetragen. Auch der junge Offizier Napoléon Bonaparte beobachtet das Spektakel und wird später sagen, er habe nie wieder so viele menschliche Kadaver auf einem Haufen gesehen.

Der Palaststurm machte Tabula rasa. Alle Anhänger der konstitutionellen Monarchie waren desavouiert, der König des Amtes enthoben, und ein nach allgemeinem Wahlrecht gewählter Konvent begann, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Die bisherigen »Passivbürger« erhielten das Wahlrecht und strömten als Freiwillige in die Armee. Der glückte, von neuem revolutionärem Elan befeuert, ein großer Sieg: Am 20. September schlugen die Franzosen bei Valmy die Interventionsarmee der europäischen Monarchien zurück. Einen Tag später trat in Paris erstmals der neue Nationalkonvent zusammen und rief die Republik aus. Eine neue Zeitrechnung begann, die Monarchie war Geschichte. Der König selbst, jetzt konsequent nur noch Louis Capet genannt, wird am 21. Januar 1793 hingerichtet.

An die Macht kamen nun die Politiker, die mehr an Gerechtigkeit wollten, als es die historische Lage zuließ. Robespierre, der zu den politischen Führern des Aufstandes vom 10. August gehörte, wurde von einer Randfigur zu dem alles prägenden Politiker. Sein Schicksal und das der Jakobinerherrschaft sind bekannt. Doch trotz ihres Scheiterns ließ sich der Sturm auf die Tuilerien nicht mehr aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängen. Noch 1871 war der Hass auf dieses Symbol so groß, dass Revolutionäre der Pariser Kommune den politisch bedeutungslosen, aber verhassten Palast in Brand setzten.

Maximilien de Robespierre: Über die Ereignisse vom 10. August 1792

Die Nationalgarde, das gesamte Volk, die Nationalgendarmerie, die Föderierten aller in Paris verbliebenen Departements, sie alle hatten nur eine einzige Gesinnung, ein einziges Ziel. (…) Diese Armee (…) bot ein Schauspiel, das keine Sprache wiedergeben kann und von dem diejenigen, die nur die Ereignisse des 14. Juli 1789 gesehen haben, sich nur eine unvollkommene Vorstellung machen können.

Sie bewegte sich in Richtung des Schlosses, wo sich eine Armee von Konterrevolutionären und Schweizern und das Zentrum der Verschwörung gegen die Sicherheit von Paris befanden. Als die Armee am Tor des Schlosses – auf der Place du Carrousel – ankam, forderte zuerst ein Bataillon von Föderierten und Bürgern die Schweizer auf, sich auf die Seite des Volkes zu stellen. Die Schweizer antworteten mit Zeichen der Freundschaft; sie reichten den Bürgern die Hand; viele setzten die Mütze der Freiheit auf. Aber als die Bürger sich dieser verführerischen Illusion hingaben, durchpflügten Kanonenschüsse aus dem Schloss die Armee des Volkes; eine beträchtliche Anzahl, darunter hundert Marseiller, fiel zu Boden. Diese perfide Tat ist weniger den Schweizern im allgemeinen zuzuschreiben als vielmehr den abscheulichen Tricks ihrer aristokratischen Führer und des Hofes, die seit mehreren Tagen nicht aufhörten, sie zu umgarnen, um diesen Anschlag vorzubereiten.

Dieser Verrat war das Signal für einen Kampf, in dem der Mut des Volkes, durch die Empörung angestachelt, noch einmal über den Despotismus triumphierte. Das Schloss wurde aufgebrochen, die Schweizer in die Flucht geschlagen und verfolgt; eine große Anzahl von ihnen wurde geopfert, für die Verteidiger der Freiheit, die unter den Schlägen der Tyrannei umgekommen waren. (…)

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