75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 12. August 2022, Nr. 186
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 8 / Ausland
Linke Debatte

Putin am Ende?

Ukraine-Krieg und die russische Linke: Anmerkungen zu Äußerungen des Soziologen Boris Kagarlizki (Teil 1 von 2)
Von Ulrich Heyden, Moskau
8.jpg
Gefahr für die westliche Zivilisation? Darstellung des russischen Staatschefs im Central Park in New York (2.8.2022)

Wie die russische Linke sich zum Ukraine-Krieg positioniert, ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Eine wichtige Stimme in der russischen Linken ist der Soziologe Boris Kagarlizki. Auf seine Thesen zum Ukraine-Krieg, die der bekannte Linke und Chefredakteur des russischen Videoportals Rabkor in einem am 22. Juli veröffentlichten Interview gegenüber dem Magazin Jacobin darlegte, möchte ich im folgenden eingehen.

Kagarlizki malt ein düsteres Bild von Russland. Das Land sei gefesselt von Unwissenheit, Angst und Repression. Der Krieg gegen die Ukraine sei ein Mittel des Kremls, von dem Problem abzulenken, dass für Wladimir Putin, der seit 2000 mit kurzer Unterbrechung im Amt ist, kein Nachfolger gefunden wurde. Putin »hat Krebs und einige andere Krankheiten. Das sind natürlich Gerüchte, aber jeder auf der Straße kennt sie«. Der Soziologe erhärtet diese Gerüchte, die von westlichen Medien und russischen Liberalen geschürt werden, nicht mit Fakten.

Russlands wirtschaftliche Probleme versuche die Führung des Landes, durch Expansion und militärische Einsätze in Syrien und in der Ukraine zu übertünchen. Mit der Waffenproduktion solle die Wirtschaft am Laufen gehalten werden. Weil der Krieg in der Ukraine nicht so erfolgreich sei, wie Putin es sich gewünscht habe, könne es zu einer »Spaltung des Militärs« und einem Militärputsch kommen. Bei einer allgemeinen Mobilisierung werde es in Russland zu einer »Rebellion« kommen. Auch zu diesen Vermutungen fehlen die Fakten.

Die Russland-Sanktionen des Westens verurteilt der Soziologe nicht. Das »effektivste Instrument« im Rahmen der Sanktionen sei – so der Soziologe – der Rückzug ausländischer Unternehmen aus Russland. Einige Sanktionen, wie die Maßnahmen gegen die russische Kultur, spielten allerdings »Putin in die Hände«, weil »die Isolation genau die Ideologie des Regimes ist«. Die Position von Kagarlizki deckt sich in der Frage der Sanktionen mit der Position des radikalen Flügels der russischen Liberalen, die alles befürworten, was Putin schadet. Es fällt auf, dass der Soziologe zu den diktatorischen Zuständen in der Ukraine, zur Schlüsselrolle der USA in dem Land und zu den westlichen Waffenlieferungen an Kiew kein Wort verliert.

Kagarlizki meint, in der russischen Elite werde es wegen des langsamen Vorrückens der russischen Armee in der Ukraine und den Auswirkungen der Sanktionen zu Streit kommen. Ob es schon zu Streit gekommen ist, kann der Soziologe nicht sagen. Meiner Meinung nach werden die Schwierigkeiten im Krieg in der Ukraine die russische Elite und die Bevölkerung eher zusammenschweißen als trennen. Der Westen ist im Hinblick auf Sicherheitsgarantien zu keinerlei Zugeständnissen an Russland bereit, und die russische Bevölkerung nimmt das sehr genau wahr und sieht sich als Opfer westlicher Maßlosigkeit.

Das nachsowjetische Russland hat im übrigen schon ganz andere Krisen durchgestanden. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre drohte – ausgehend vom Tschetschenien-Krieg – ein Zerfall Russlands. 1996 musste die russische Armee nach einer Niederlage aus der Kaukasusrepublik abziehen. Vier Jahre lang – bis zur Rückeroberung von Grosny im Jahre 2000 – gab es in Tschetschenien weder russische Justiz, Polizei noch Militär. Aber Russland hat diese Krise – durch das Eingreifen von Putin – überlebt, ohne Revolution und Militärputsch.

Mit seinen Äußerungen reiht sich Kagarlizki ein in die Anti-Putin-Front, die sich unter westlichen Linken und Liberalen gebildet hat. Unter Linken in Deutschland und anderen Ländern der EU ist es modern geworden, nicht die USA, sondern Putin als Gefahr für die westliche Zivilisation zu verdammen.

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek erklärte in einem am 21. Juni in der britischen Tageszeitung The Guardian veröffentlichten Interview, man könne dem russischen Einmarsch in die Ukraine »nicht mit Pazifismus begegnen«. Der Ukraine könne nur geholfen werden, wenn man »für eine stärkere NATO« sei. »Vom linken Standpunkt kämpft die Ukraine für die globale Freiheit, inklusive der Freiheit der Russen.«

Boris Kagarlizki ist eine der weltweit bekanntesten linken Stimmen aus Russland. Der 1958 geborene Soziologe ist Direktor des Instituts für Globalisierung und Soziale Bewegungen in Moskau und äußert sich regelmäßig in internationalen Publikationen zu den politischen und sozialen Verhältnissen in Russland. Er schrieb unter anderem auch für die junge Welt. In den 80er Jahren war er eine führende Persönlichkeit einer marxistisch orientierten Dissidenz in der Sowjetunion, Anfang der 90er ging er kurzzeitig in die Politik. Es sind zahlreiche Bücher von ihm erschienen. - Teil 2 folgt in der Montagausgabe. (jW)

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin ( 6. August 2022 um 15:27 Uhr)
    Wladimir Putin, in wenigen Tagen wird er seinen 70. Geburtstag feiern. Ob er die ihm zugeschriebenen Krankheiten alle hat, weiß ich nicht. Was ich glaube zu wissen ist, er arbeitet an seinem Nachruf. Putin will nicht in der Versenkung verschwinden. Er hat von Jelzin, dem Zerstörer der Sowjetunion, ein heruntergewirtschaftetes Land voller Korruption übernommen. Er hat Russland wieder auf die »Weltbühne« zurückgebracht und wurde dafür als »Regionalmacht« von Obama gedemütigt. Die NATO rückte, entgegen aller gemachten Versprechungen, bis an seine Landesgrenzen vor. Die Auflösung des Warschauer Vertrages war die erste Stufe der Isolation Russlands. Putin musste sich die Anerkennung seines Landes und seiner Leistung »hart erarbeiten« und erhielt sie nicht. Das Vorpreschen der NATO in der Ukraine, verbunden mit einem antirussischen Nationalismus, brachte dann das »Fass zum Überlaufen«, man hatte den russischen Nationalismus, der die UdSSR überlebt hatte, komplett unterschätzt. Jetzt haben wir das Dilemma, man hat Russland unterschätzt, den Rohstoffreichtum und auch die wiedererwachte Militärmacht mit Atomwaffen bester Qualität. Man unterschätzte Putin auch noch, als er sich das ehemalige »Alphamännchen« G. Schröder zum »Schoßhündchen« machte. Dass er von Strategie und Taktik mehr versteht als seine Gegner, will man bis heute nicht wahrhaben. Jetzt arbeitet er daran, dass sein Name in den Geschichtsbüchern der Welt stehen wird. Wie auch immer der Krieg in der Ukraine ausgehen wird, dieses Ziel wird er wohl erreichen. Jetzt können wir darüber diskutieren, wie sein Name überleben wird, ich glaube auch dafür hat er schon einen Plan. Wir werden sehen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin ( 6. August 2022 um 10:37 Uhr)
    Ohne die wiederholte positiv bewertete Einordnung des Soziologen hätte ich ihn für einen Vertreter der imperialen Linken gehalten. Ein gutes Beispiel für die möglicherweise liberale Pressepolitik in der RF. Solche Dissidenz würde hier schwer zu finden sein, bei Leuten mit irgendeiner Relevanz.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz ( 6. August 2022 um 03:34 Uhr)
    Unwissenheit, Angst und Repression gibt es in Teilen und für Teile der Bevölkerung jedes Landes. Seit 2015 lebe ich in Russland und kann nicht feststellen, dass sich das hier wesentlich von Deutschland unterscheidet, eher zum Positiven. Alle Formalitäten des bürgerlichen Wahlsystems werden erfüllt, ohne dass sich anschließend viel ändert. Demnächst wird auch in Burjatien ein neuer Präsident gewählt. Die Republik ist etwa so groß wie Deutschland. Zur Auswahl stehen ein Liberaler, ein Kommunist, ein Vertreter der Partei Putins und ein parteiloser Industrieller. Meine Frau wird dann ihr Kreuzchen machen, wie ansonsten für Putin. Dürfen die Deutschen bei Bundeskanzler oder Bundespräsident auch direkt wählen? Bis der Ukrainekrieg dafür sorgte, dass nun auch in Russland eine strengere Zensur Einzug hielt, fand ich die Meinungsvielfalt in den Medien und die Zulassung der Tätigkeit westlicher Organisationen und ihrer Protegés wesentlich freier und großzügiger als umgekehrt. Wenn ein Nawalny im Gefängnis sitzt (wohin Fälscher und Betrüger gehören) dann ist er bisher immer noch milder davongekommen als vergleichbare Oppositionelle in London oder in den USA. Dass kein Nachfolger für Putin gefunden wurde, ist doch eher ein Problem des Westens als für Russland. Tja, Wunschträume werden nicht für jeden wahr. Wäre Putin ein Problem für Russland, würden Bild und Tagesschau jeden Tag Lobeshymnen über ihn singen, wie für Annalena.

Ähnliche:

  • Putins schwieriges Erbe – Soldaten der Donezker »Volksrepublik« ...
    20.06.2022

    Spezielle »Spezialoperation«

    Der Angriff Russlands auf die Ukraine wirft Fragen auf. Welchen Charakter hat der Krieg, gegen wen und warum wird er geführt? Rätselhaftes Russland (Teil 2 und Schluss)
  • Wie die Ökopaxe lernten, die Bombe zu lieben. Joseph Fischer und...
    04.06.2022

    Avantgarde der Eskalation

    Ein historisches Déjà-vu: Jugoslawien und Ukraine – kaum regieren die Grünen mit, kommt es zu einem Angriffskrieg
  • Kein freies Gedenken mehr. Die Staatsmacht kontrollierte, wer wi...
    19.05.2022

    Erinnerungspolitischer Roll-Back

    Desinformation und Geschichtsrevisionismus. Das Gedenken zum »Tag der Befreiung«nach der »Zeitenwende«