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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 6 / Ausland
Nukleare Bedrohung

»Deutschland macht Atomwaffen ›salonfähig‹«

Gedenken an Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki: Forderung nach Abrüstung aktueller denn je. Gespräch mit Florian Eblenkamp
Interview: Jan Greve
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Ein Modell der Atombombe »Little Boy« im Hiroshima Peace Memorial Museum (2007)

An diesem Samstag jährt sich der Abwurf einer US-Atombombe auf Hiroshima zum 77. Mal. Nachdem die japanische Stadt am 6. August 1945 vernichtet wurde, wurde nur drei Tage später eine weitere Atombombe auf Nagasaki geworfen. Welches Ausmaß hatte die Zerstörung damals?

Unmittelbar führten diese Angriffe zu ungefähr 200.000 Todesopfern. Allein in Hiroshima starben am Tag des Angriffes rund 45.000 Menschen. Im direkten Umfeld des Abwurfes gab es keine Chance zu überleben, und noch einen halben Kilometer entfernt betrug die Mortalitätsrate rund 90 Prozent. Auch in den folgenden Wochen starben viele Verwundete entweder durch Verletzungen oder an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Wie viele Menschen darüber hinaus an den Spätfolgen gestorben sind, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen.

In einer Mitteilung warnen Sie davor, die Bedrohung durch Atomwaffen sei aktuell so groß wie seit Jahren nicht mehr. Liegen belastbare Zahlen über die gegenwärtige Entwicklung vor?

Aktuell gibt es ca. 13.000 Atomwaffen auf der Welt, trotz völkerrechtlicher Verpflichtungen zur vollständigen Abrüstung. Besorgniserregend ist vor allem die Qualität der modernisierten Bomben, die ein Vielfaches der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe haben. Gleichzeitig werden neue, schnellere Flugzeuge und andere Trägersysteme entwickelt, welche die Vorwarnzeit noch mal deutlich verkürzen, so dass keine Evakuierungen möglich wären.

Die Bundesregierung sorgt mit ihrer »Zeitenwende«-Politik für eine milliardenschwere Aufrüstung und hält am NATO-Konzept der sogenannten nuklearen Teilhabe fest. Welchen Anteil hat die BRD an der wachsenden Bedrohung des Weltfriedens?

Der Weltfrieden wird nicht direkt durch Deutschland bedroht. Aber Deutschland macht Atomwaffen »salonfähig«, indem es weiter an der nuklearen Teilhabe festhält und in diesem Bereich sogar aufrüstet. Im nächsten Jahr wird hierzulande eine neue Atombombe stationiert werden: Das Modell B61-12 hat eine sehr hohe Sprengkraft und ist bunkerbrechend. Zudem hat die Bundesregierung neue Flugzeuge gekauft, um diese Bomben schneller abwerfen zu können.

In New York findet derzeit die Konferenz zum Nichtverbreitungsvertrag statt. Was kann dort im besten Fall erreicht werden?

Die Konferenz wird ein Erfolg, wenn die Atomwaffenstaaten dort konkrete, zeitgebundene und überprüfbare Abrüstungsschritte beschließen. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, da diese Staaten keinerlei Bereitschaft zur Abrüstung zeigen.

Außenministerin Annalena Baerbock präsentierte sich bei der Konferenz als Verfechterin einer atomwaffenfreien Welt. Was sind solche Worte der Grünen-Politikerin wert, wenn gleichzeitig die Lagerung von US-Atombomben im rheinland-pfälzischen Büchel verteidigt wird?

Ohne konkrete Abrüstungsschritte bleiben diese Ankündigungen Schall und Rauch. Es braucht die Beendigung der nuklearen Teilhabe und den Abzug der amerikanischen Atomwaffen aus Büchel. Zudem sollte Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten, um völkerrechtlich auszuschließen, dass hier jemals wieder Atomwaffen stationiert werden.

Während mit dem Thema Klimaschutz hierzulande viele junge Menschen mobilisiert werden können, scheint Friedenspolitik vergleichsweise wenige zu interessieren. Was können Sie von ICAN besser machen, um der wachsenden Bedrohung etwas entgegenzusetzen?

Wir schmieden Bündnisse mit Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich Klimaschutz, Neokolonialismus und Feminismus, zudem vernetzen wir uns stark mit anderen Friedensgruppen. Wir schaffen Bildungsangebote, versuchen auch über soziale Medien Aufklärung zu leisten und die politischen Positionen der Parteien zu beeinflussen. Gleichzeitig sehen wir, dass die Anti-Atomwaffen-Bewegung im Zuge des russischen Krieges gegen die Ukraine auch viel Zuspruch erfahren hat, da das Thema plötzlich wieder eine reale Bedrohung darstellt.

Florian Eblenkamp ist Mitarbeiter der »International Campaign to Abolish Nuclear Weapons« (ICAN)

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