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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 1 / Titel
Hiroshima-Gedenktag

Die Opfer mahnen

77. Jahrestag des US-Atombombenabwurfs auf Hiroshima: Bundesweit mehr als 100 Friedensveranstaltungen. UN-Generalsekretär warnt vor Vernichtung der Menschheit
Von Arnold Schölzel
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Abrüsten, jetzt! Die Feuer von Hiroshima und Nagasaki sind unvergessen (Friedensmuseum Hiroshima)

An diesem Sonnabend jährt sich der US-Atombombenabwurf auf die japanische Stadt Hiroshima zum 77. Mal. Drei Tage später, am 9. August 1945, zerstörten die USA mit einer weiteren Atombombe Nagasaki. Etwa 92.000 Menschen starben sofort, 130.000 weitere bis Ende 1945. Gesundheitliche Spätfolgen werden bis heute registriert.

Bundesweit finden insgesamt mehr als 100 Veranstaltungen der Friedensbewegung statt, darunter die traditionelle an der von Japan der DDR geschenkten Weltfriedensglocke im Berliner Volkspark Friedrichshain. Das Netzwerk Friedenskooperative in Bonn rief am Freitag die Bundesregierung auf, konsequent gegen die anhaltende atomare Bedrohung vorzugehen, die in der Bundesrepublik stationierten US-Atomwaffen abziehen zu lassen und dem Atomwaffenverbotsvertrag schnellstmöglich beizutreten. Weltweit gibt es noch immer rund 13.000 Atomwaffen, darunter etwa 1.800, die in ständiger Alarmbereitschaft gehalten werden.

Die Gedenktage fallen in diesem Jahr in den Zeitraum der 10. Überprüfungskonferenz des 1970 unterzeichneten Nichtverbreitungsvertrags für Atomwaffen (NVV) bei den Vereinten Nationen in New York. Sie findet vom 1. bis 26. August statt, nachdem sie wegen der Pandemie 2020 und 2021 verschoben werden musste. Die bundesweite Kampagne »Büchel ist überall! Atomwaffenfrei jetzt« nahm die Konferenz zum Anlass, um von der Bundesregierung die Beendigung der »nuklearen Teilhabe« zu fordern. SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP bekennen sich im Koalitionsvertrag zu ihr, obwohl sich Teile der SPD und der Grünen im Bundestagswahlkampf 2021 gegen sie ausgesprochen hatten. Die »nukleare Teilhabe«, für die etwa 20 US-Atombomben im rheinland-pfälzischen Büchel gelagert werden, verletzt den NVV. Durch den Beitritt zu ihm verzichtete die Bundesrepublik auf Atomwaffen, übernimmt diese aber durch die »nukleare Teilhabe« mittelbar – im Kriegsfall unmittelbar. In den kommenden Jahren sollen die in Büchel gelagerten Atomwaffen gegen neue, »einsetzbarere« Atombomben (B61-12) ausgetauscht werden. Dafür hat Berlin den Kauf von F-35-Kampfjets, die US-Atombomben tragen können, beschlossen.

UN-Generalsekretär António Guterres hatte am Montag die Überprüfungskonferenz mit einer dramatischen Warnung eingeleitet. Er erklärte, die Welt befinde sich in einer »Zeit nuklearer Gefahr, wie es sie seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges nicht mehr gegeben hat«. Die Menschheit laufe »Gefahr, die Lehren zu vergessen, die in den schrecklichen Feuern von Hiroshima und Nagasaki geschmiedet wurden«. Die Welt sei »nur ein Missverständnis oder eine Fehlkalkulation von der nuklearen Vernichtung entfernt«. Bei Bundesaußenministerin Annalena Baer­bock und ihrem US-Amtskollegen Antony Blinken stieß er mit seinem Appell auf taube Ohren. Sie nutzten ihre Auftritte zu Hetze gegen Russland, dem sie »gefährliches nukleares Säbelrasseln« vorwarfen. Baerbock behauptete: »Der brutale Angriffskrieg Russlands macht deutlich, dass Nuklearwaffen leider eine bittere Realität sind.« Und erklärte: »Der Einsatz für nukleare Nichtverbreitung und nukleare Abschreckung sind in diesen Zeiten kein Widerspruch.«

Russlands Präsident Wladimir Putin bekräftigte wie schon mehrfach in diesem Jahr in einem Grußwort an die NVV-Konferenz: »Wir gehen davon aus, dass es in einem Atomkrieg keine Sieger geben kann und er niemals begonnen werden darf.« Russland werde seine Verpflichtungen als NVV-Gründungsmitglied erfüllen.

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg ( 8. August 2022 um 13:37 Uhr)
    Was nützen all die Friedensveranstaltungen und das Warnen vom UN-Generalsekretär vor einer Vernichtung der Menschheit, wenn die Mächtigen der Welt so tun, als hätten sie eine zweite Erde in der Hinterhand! Und doch sind die Friedensveranstaltungen und das Warnen vom UN-Generalsekretär wichtiger denn je! Ja, die Gefahr von einem Atomkrieg und somit einem nuklearen Inferno ist so groß wie nie und die Atommächte rüsten immer weiter! Und es wird immer weiter gezündelt in der ganzen Welt. Aber es gibt keine zweite Erde und wenn es zum nuklearen Inferno kommt, dann sind alle Messen gesungen, haben die Mächtigen dieser Welt Hiroshima und Nagasaki wirklich schon vergessen?
  • Leserbrief von Bernhardt Köster ( 8. August 2022 um 12:51 Uhr)
    Die vor 77 Jahren von den USA verübten verbrecherischen Atombombenabwürfe mit ihren enormen zivilen Opferzahlen werden von den Mainstreammedien wohl wie gehabt, als bedauernswerte Notwendigkeit angegeben. Man hätte allerdings damit den Krieg gegen Japan um zwei Jahre verkürzt und einer Viertelmillion westalliierter Soldaten das Leben gerettet! Diese Aussage ist von Beginn an falsch gewesen und die Amerikaner wussten es! Nach den enormen Verlusten der japanischen See-Luftstreitkräfte während der See-Luftschlachten im Bereich Marianengraben (»Truthahnschießen«) und der Seeschlacht im Leyte-Golf schon 1944 plus nachfolgender US-Landungen auf den Phillipinen und auf Okinawa waren die Japanischen See- und Luftstreitkräften nicht mehr in der Lage, die Öltankerrouten im südchinesischen Meer zu sichern. Damit war eine nennenswerte Ölversorgung Japans aus den eroberten Ölquellen Südostasiens nicht mehr möglich. Japan war in der Folge bei der Flüssigtreibstoffversorgung seiner Gesamtstreitkräfte im Wesentlichen auf vorher angelegte Reserven angewiesen, denn Anlagen zur Treibstoffproduktion aus Steinkohle, wie in Deutschland verfügbar, gab es in Japan so nicht. Die massenhafen Kamikazeeinsätze der Japaner im April und Mai 1945 waren auch Ausdruck der Tatsache, dass Japan einen Großteil seiner verfügbaren Kriegsflugzeuge nur noch für diesen einen Flug ohne Wiederkehr betanken konnte.Diesen Zustand hatten die US-Streitkräfte ja zielstrebig und militärisch auch richtig, selbst herbeigeführt. Damit drohte den japanischen Gesamtstreitkräften schon 1945 die vollständige Entmotorisierung. Schon im Juli 1945 konnten US-Schlachtschiffe Küstenziele auf den japanischen Hauptinseln ohne nennenswerte japanische Gegenwehr beschießen. Eine Unterbrechung der japanischen Seeverbindungen nach China mit seinen enormen Lebensmittel- und Rohstoffressourcen lag also demnächst genauso im Bereich des Möglichen, wie die Unterbrechung der Seeverbindung zwischen den japanischen Hauptinseln. Die japanischen Eisenerz- und Steinkohlevorkommen liegen allerdings auf unterschiedlichen Inseln. Die japanische Kriegswirtschaft hatte ihren Totenschein schon in der Tasche, es fehlte nur noch das endgültige Datum. Real hatten die US-Stabschefs für die Einnahme der japanischen Hauptinseln übrigens mit Eigenverlusten von 25 bis 45 Tausend Toten gerechnet (mehr nicht) und selbst dieses Restrisiko hätten man den vielen wütenden Chinesen in der Chiang-Kai-shek-Armee übertragen können! Allerdings war den US-Streikräften auch der große technologische Rückstand der Ausrüstung der japanischen Bodentruppen im Vergleich zur Naziwehrmacht bekannt und selbst mit Letzteren konnte die sowjetische Rote Armee zumindest mithalten. Beim zu erwartenden sowjetischen Großangriff in Nordchina waren bedeutende Fortschritte der Roten Armee zu erwarten, sowie die nachfolgende Übergabe befeiter Gebiete Chinas an Mao Zedong, und genau das sollte möglichst verhindert werden. Deshalb die Kombination der Atombombenabwürfe mit der US-Erlaubnis für den japanischen Kaiser, im Falle einer schnellen Kapitulation, im Amt bleiben zu dürfen. Mehr »Rote Fahne« sollte es in Asien nach US-Vorstellung partout nicht werden. Der Massenmord an japanischen Zivilisten war im Prinzip Teil des beginnenden Kalten Krieges gegen »die Roten«.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 6. August 2022 um 17:24 Uhr)
    Die größte Phobie des »Deutschen Michel« ist offenbar die, sich mal »geradezumachen«, einen eigenen Willen zu bekunden und eigene Entscheidungen zu treffen. »Sapere aude« ist da zwar eine notwendige, aber eben noch lange keine hinreichende Bedingung. Dazu bedarf es ferner energischen Widerspruch und andauernden Widerstand auf breiter Heimatfront, denn »der Feind steht im eigenen Land« (Karl Liebknecht).
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt ( 6. August 2022 um 15:44 Uhr)
    Frau Baerbock quasi zu einer Kriegstreiberin zu stilisieren, halte ich für übertrieben. Schließlich ist ihre zitierte Kritik an Russland nicht sehr weit entfernt von der Rede des UN-Generalsekretärs António Guterres am vergangenen Samstag bei einer Gedenkzeremonie im Friedenspark von Hiroshima. Darin sagte er: »Krisen mit ernsten nuklearen Untertönen breiten sich schnell aus – vom Nahen Osten über die koreanische Halbinsel bis hin zur russischen Invasion in der Ukraine«. Ich nehme an, als UN-Generalsekretär wusste er, was er sagte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 5. August 2022 um 21:20 Uhr)
    Der Staat, der als erster und einziger die Atombombe tatsächlich eingesetzt hat, markierte mit dem 5. August 1945 den Beginn seines Anspruchs auf die Weltherrschaft. Nach dem Kriegsverbrechen an unschuldigen Zivilisten in Hiroshima und Nagasaki, das nie gesühnt wurde, ist die USA zum weltweiten Unterdrücker missliebiger Staaten mutiert. Über 120 Kriege überall auf der Welt, meistens weit weg vom eigenen Staatsgebiet, mit Millionen Toten, Versehrten und Vertriebenen sowie mit Milliarden Dollar an Schäden gehen seither auf das Konto des US-Regimes. Und dieses Regime im Zusammenwirken mit seinen westeuropäischen Vasallen erdreistet sich, mit Fingern auf andere Staaten zu zeigen. Zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist – das müsste man der Person zurufen, der man das deutsche Außenministerium anvertraut hat.

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