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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 16 / Sport
Sportbuch

Organisiert euch!

Wie lässt sich dieser Kommerzfußball überwinden? Raphael Molter gibt Anregungen
Von Gabriel Kuhn
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Irgendwann muss doch Schluss sein: Sponsorenwand bei einer Drittligapartie

Der Profifußball hat sich den Fans entfremdet, es ist zuviel Geld im Spiel, der Einfluss des Fernsehens ist fatal, die Fußballverbände sind korrupt. Man muss nicht für eine marxistische Tageszeitung schreiben, um dieser Ansicht zu sein, diese Ansicht teilt so ziemlich jeder. Dementsprechend gibt es zu diesem Thema bereits eine Menge Literatur.

Was tun?

Dennoch nimmt das vor kurzem im Papy­rossa-Verlag erschienene Buch »Friede den Kurven, Krieg den Verbänden« eine besondere Stellung ein. Denn Autor Raphael Molter geht über die Kritik hinaus und stellt sich die Frage, was zu tun sei, um die schlechte Lage zu verändern. Seinen Ausgangspunkt formuliert er wie folgt: »Viele Ultragruppierungen und viele aktive Fans, die in den verschiedensten Fanbündnissen organisiert sind, möchten den Fußball grundlegend verändern, und sie hätten womöglich eine Mehrheit der Fans auf ihrer Seite. Was hindert sie, und wie sichert sich das Big Business Fußball gegen eine solch radikale Veränderung ab?«

Warum wird diese naheliegende Frage nicht öfter behandelt? Vermeintliche Aussichtslosigkeit ist ein Grund, doch weitere Gründe sind Mangel an Ideen und fehlende Organisierung. Genau hier setzt Molter an. Er fordert die Kritiker des modernen Fußballs dazu auf, eine »soziale Bewegung« zu formen. Als theoretische Blaupause dient ihm der »linke Populismus« Chantal Mouffes, als konkretes Beispiel die Kampagne »Deutsche Wohnen und Co. enteignen«.

Molter ist Union-Berlin-Anhänger und macht daraus keinen Hehl. Sein Buch pendelt zwischen Stadionanekdoten und theoretischen Überlegungen, dazwischen Erzählungen von einem Auslandsjahr in Kuala Lumpur, Reflexionen zu Carl Schmitt, Erinnerungen an die Kindheit und Huldigungen an Johannes Agnoli. Es ist ein Hin und Her, manchmal vielleicht verwirrend, gleichzeitig aber anregend. Vieles liegt im Auge des Betrachters.

Zum besonderen Charakter der Molterschen Perspektive auf den Fußballsport gehört sein Bekenntnis zum Materialismus. Moralisieren würde wenig helfen, nur anhand einer ordentlichen materialistischen Analyse könnten die Probleme des modernen Fußballs verstanden und entsprechender Widerstand aufgebaut werden: »Es braucht Prozesse zum Verstehen dessen, was man da überhaupt zu bekämpfen versucht. Denn wer nicht versteht, was er bzw. sie bekämpft, hat schon verloren.« Immer wieder betont Molter, dass es in der gegenwärtigen Fanbewegung an »theoretischem Verständnis« mangele und sich daher ein »Aktivismus um des Aktivismus willen« breitmache.

Den als Ultras bekannten Fußballanhängern widmet Molter viel Aufmerksamkeit. Die Ultras, bekannt für leidenschaftlichen Support, beeindruckende Stadionchoreographien und Pyrotechnik sind für ihn »der Schlüssel« eines anderen Fußballs. Molters Faible für diese Fanbewegung führt in Kombination mit seinem materialistischen Bekenntnis zu Zwischenüberschriften wie »Karl M. – Ultra«. Doch Molter idealisiert die Anhänger nicht, denn »es hapert bei Ultragruppierungen an zwei Sachen«. Das seien »ihre unbewussten Abgrenzungsstrategien und die inhaltliche und analytische Unschärfe bei der Bekämpfung der Kommerzialisierung«.

Da geht’s lang

Molters Buch verdeutlicht, dass sich die Kritiker der modernen Fußballindustrie in zwei Lager teilen. Auf der einen Seite gibt es die Fans, für die das Erlebnis Fußball ein Teil ihrer Identität ist, die sie nicht Kräften opfern wollen, die diese Leidenschaft nicht teilen, sondern denen es primär um die kommerzielle Ausbeutung des Fußballsports geht. Auf der anderen Seite gibt es Kritiker, nennen wir sie Puristen, die ein hehres Sportideal pflegen, dem nicht nur die kommerzielle Ausbeutung widerspricht, sondern auch übertriebenes Konkurrenzdenken, mangelnde Fairness, sich im Sport widerspiegelnde soziale Ungerechtigkeit usw. Während Puristen wie mir das Erlebnis Fußball relativ egal ist, steht es für Fans wie Molter im Mittelpunkt. Seine Begeisterung für den Fußballsport erklärt er selbst so: »Es ist die brennende Leidenschaft, die in Windeseile dafür sorgt, dass das ganze Stadion in die Gesänge miteinstimmt. Das Zusammenkommen in dem Block, den man alle zwei Wochen für ein paar Stunden als wirkliche Heimat empfindet. Und das Gefühl eines kollektiven Willens. Als wenn sich in den etwas mehr als 90 Minuten Menschen verbänden und für diese Zeit nur eine Sache im Kopf hätten: ihren Verein.«

Wie links das ist, weiß ich nicht. Aber es spielt keine Rolle, was die Schlussfolgerungen angeht, die Molter in seinem Buch zieht. Auch ich bin im Kampf um den Fußball für Selbsorganisierung, Föderalismus, Fanräte, »keinerlei Einbindung in versöhnliche oder kompromissuchende Gespräche mit den Verbänden« und eine »fundamental-oppositionelle Bewegung«. Es fällt in einer marxistischen Tageszeitung auch leicht, Molters letztes Prinzip zu unterschreiben, das den Weg zu einer besseren Fußballwelt ermöglichen soll: »Die kapitalistischen Verhältnisse müssen überwunden werden, auch im Fußball!« Wenn das mal kein Schlusswort ist.

Raphael Molter: Friede den Kurven, Krieg den Verbänden. Fußball, Fans und Funktionäre. Papyrossa-Verlag, Köln 2022, 254 Seiten, 16,90 Euro

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