Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Sa. / So., 1. / 2. October 2022, Nr. 229
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 16 / Sport
Basketball

Der Herr der Ringe

Am 31. Juli starb der Basketballrevolutionär Bill Russell
Von André Dahlmeyer
Obit_Bill_Russell_Ba_74702318.jpg
Bill Russell mit Trainer Red Auerbach in der Kabine nach dem Gewinn der achten NBA-Meisterschaft in Folge 1966

William Felton Russell ist tot. Seine Freunde nannten ihn Bill. Andere auch Felton X, in Anspielung auf seinen lebenslangen Kampf gegen Rassendiskriminierung und die Praxis der Nation of Islam, europäische Sklavennamen durch ein X zu ersetzen. Die Angehörigen des erfolgreichsten NBA-Basketballers aller Zeiten gaben den Tod des 88jährigen am Sonntag auf ihrem Twitter-Account bekannt. »Der größte Gewinner in der amerikanischen Sportgeschichte ist friedlich an der Seite seiner Frau Jeannine dahingeschieden.«

Russell spielte während seiner gesamten Profilaufbahn für die Boston Celtics, deren Mythos er lange noch vor Larry Bird prägte. Eigentlich als zweiter Pick von den St. Louis Hawks gedraftet, hatte er das Glück, dass dem Coach der Celtics, Arnold »Red« Auerbach, »rassische« Vorbehalte so ziemlich am Allerwertesten vorbeigingen. Auerbach machte einen Deal mit den Hawks und eiste Russell ad hoc los. Bevor der jedoch bei den Celtics loslegen konnte, standen die Olympischen Sommerspiele im November/Dezember 1956 in Melbourne auf dem Programm. Russell sollte erst nicht zugelassen werden, da er bereits einen Profivertrag unterschrieben hatte. Schließlich durfte er doch teilnehmen und führte die USA als Kapitän im Finale gegen die Sowjetunion zum Goldmedaillengewinn. Später merkte er einmal an, dass er, falls man ihm die Teilnahme verweigert hätte, auch als Hochspringer an der Olympiade hätte teilnehmen können. Auch in dieser Disziplin gehörte er damals zu den Besten der Welt.

Celtics-Dynastie

Bei Olympischen Ringen blieb es freilich nicht. Gleich in seiner ersten Saison gewann er als Rookie mit den Celtics die Meisterschaft. Insgesamt sollte er in 13 Spielzeiten elf NBA-Ringe gewinnen, davon acht hintereinander und die letzten beiden als Spielertrainer. (Russell war der erste schwarze Trainer in der NBA.) Russell hat mehr Ringe gewonnen, als an seine Finger passen. Hat ihm bis heute niemand nachgemacht. Die 60er Jahre gelten als sogenannte Celtics-Dynastie. Das Team aus Boston war praktisch unschlagbar und Russell ihr sportliches Aushängeschild. Ein Rekord jagte den nächsten. Sechsmal stand man in den Finals gegen die Los Angeles Lakers und sechsmal wurden sie gewonnen. Russell wurde fünfmal zum wertvollsten Spieler (MVP) der Liga gewählt und zwölfmal ins All-Star-Game berufen. 1975 wurde er in die Hall Of Fame aufgenommen – voriges Jahr auch als Trainer.

Bill Russell hat den Basketballsport revolutioniert. Vor ihm galt Verteidigen als bourgeois. Der Center erfand indes den Shotblock (so wie Ernst Happel später das Forechecking im Fußball) und das Verteidigen als Waffe. Die Journalisten erklärten ihn aufgrund seiner Spielweise für verrückt, doch Basketball sollte sich dennoch für immer verändern. Aufgrund seiner Spielweise wurden sogar diverse Regeln geändert. Der Abstand der Freiwurflinie zum Korb etwa wurde verdoppelt, um den Alleinherrscher der Rebounds zu brechen und Gegnern wieder eine Chance einzuräumen.

Legendär sind seine Duelle mit Wilt Chamberlain. Im Gegensatz zu Russell war dieser ein Offensivspezialist. Die durchschnittliche Zuschauerzahl der Celtics lag 1963 bei 7.455 Fans, doch wenn Wilt dort auflief, füllte sich der Boston Garden bis auf den letzten Platz (14.000). Chamberlain war der komplettere Spieler, doch Russell war einer, der auch seine Mitspieler brillieren ließ. Er war ein Mannschaftsspieler.

Schlacht der Titanen

Beide Spieler verband eine große Freundschaft. Chamberlain brachte ihn oft bei sich unter, sie fuhren sogar zusammen zu den Matches, bei denen sie gegeneinander antraten, und die von den Medien süffisant als »Schlacht der Titanen« vermarktet wurden. Die Freundschaft zerbrach nach dem letzten Spiel von Russells Karriere, dem entscheidenden siebten der Finalserie von 1969 in Los Angeles. Wilt hatte sich am Knie verletzt und Bill unterstellte ihm zu »schauspielern«, um sich vor dem letzten großen Fight zu drücken. In seiner Biographie schrieb Russell: »Wilts Auswechslung war wie ein falsches Wort am Ende eines guten Buchs.« Sie redeten 20 Jahre nicht mehr miteinander.

Russell wuchs in Oakland, in Kalifornien auf, stammte aber aus Louisiana. Sein Großvater wurde vom Klu-Klux-Klan gejagt, seinem Vater erging es kaum besser, und auch Bill wurde trotz aller Erfolge in Boston immer diskriminiert. Die Scheiben seines Wohnhauses wurden wiederholt eingeworfen, seine Trophäen zerstört, man hatte sogar in sein Bett geschissen. Man rief ihn »Waschbär«, »Gorilla« und »Schokoladenkind«. Russell engagierte sich bei den Black Panthers (deren Keimzelle ja Russells Heimatstadt Oakland war) und sagte: »Ich ziehe ein Gefängnis von Sacramento dem Bürgermeisterposten von Boston vor. Das ist ein Rassistennest.« 1967 hatte er zusammen mit Lew Alcindor (Kareem Abdul-Jabbar) und Jim Brown beim legendären Cleveland Summit Muhammad Ali unterstützt, als dieser sich weigerte, für das Imperium in den Vietnamkrieg zu ziehen.

In einer Zeit, in der auch in Deutschland selbst auf Friedensdemonstrationen immer mehr Menschen das Militär heroisieren, ist Bill Russell defintiv jemand, der fehlen wird.

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!