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Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Kräfteverhältnisse entscheidend

Zu jW vom 27.7.: »Konzertierte Schröpfaktion«

Der Kritik am Versuch, die Kriegslasten auf die breite Masse der Bevölkerung abzuwälzen, ist nichts hinzuzufügen. Doch unabhängig von den durch die Sanktionen selbst geschaffenen Problemen darf nicht vergessen werden, dass auch die wegen der Erderhitzung notwendige Dekarbonisierung der Wirtschaft die absolute Reduktion des Gasverbrauchs erfordert. Mit einem hohen Gaspreis ist es wie mit der Idee der »ökologischen Steuerreform«. Damit sie sozial funktioniert, kommt es auf die konkrete Ausgestaltung an: Umverteilung von oben nach unten durch Entlastung für die unteren und überproportionale Belastung der oberen Einkommensbezieher muss der Weg sein. Doch das durchzusetzen ist eine Frage des Kräfteverhältnisses. Die Kritik sollte sich daher gegen die neoliberale Umsetzung richten und nicht gegen die Idee als solche.

Alexandra Borchardt, Berlin

Wichtiger Erfahrungsaustausch

Zu jW vom 28.7.: Pegasus und Gaul Geschichte

Vielen Dank, liebe Mitarbeiter meiner jungen Welt, für den ausführlichen Artikel über die Poetenseminare in Schwerin und die Lyrik- und Poetenbewegung der DDR allgemein. Ich hatte das Glück, durch eine Teilnahme am Literaturwettbewerb 1971 und die anschließende Einladung zum Poetenseminar in Schwerin zweimal daran teilnehmen zu dürfen. Für uns als Jugendliche war diese Veranstaltung ein wichtiger Erfahrungsaustausch. Die besten Lyriker und Schriftsteller traten dort als Seminarleiter und Referenten auf. Es gab keine Tabus, egal zu welchen Themen. Mein Seminarleiter Martin Viertel hat mich in mancher Frage mit viel Einfühlsamkeit auf den richtigen Weg gebracht. Ein Schriftsteller ist aus mir nicht geworden, aber viele Jahre habe ich in Zirkeln der Schreibenden Arbeiter mitgewirkt und viel Gefühl für Kunst und Kultur erworben. Nie wurde gefragt, wer diese Veranstaltungen bezahlen soll, das Geld und die Räume waren einfach immer da. Vielen Dank für diesen schönen Rückblick.

Ingrid Markgraf, per E-Mail

Knallende Champagnerkorken

Zu jW vom 28.7.: »›Wie sollen diese Menschen Gas sparen?‹«

Offensichtlich kommt nun eine gewisse Panik in der Klasse der herrschenden Bourgeoisie, bei ihren politisch-administrativen Vollstreckern und in der (ver)öffentlich(t)en Meinung der BRD auf. Öl ist und bleibt nicht gerade günstig, Gas sowie Lebensmittel werden noch erheblich teurer. Zu den exorbitanten, »marktbedingten« – also renditeorientierten – Preissteigerungen letzteren Rohstoffs addiert sich ab Oktober nebenbei noch eine vom Verbraucher zugunsten gewisser Konzerne zusätzlich zu zahlende Staatsabgabe. Die Lasten trägt folglich – wie eigentlich immer im euphemistisch Marktwirtschaft genannten Kapitalismus – in erster Linie nicht die Oberschicht. Übrigens haben unsere Regierenden als staatlicher Überbau der herrschenden Wirtschaft primär Angst um letztere. Die Krankenpfleger, Stahlwerker, Aldi-Kassierer, Bürokräfte, Rentner usw. können eh die Heizung im kommenden Winter abstellen – Hauptsache, Gewinne der Industrie werden nicht gefährdet. Wenn übrigens nunmehr die Kassen der deutschen Mordindustrie, allen voran die von Krauss-Maffei Wegmann, wo die Ukraine mal eben für 1,7 Milliarden Euro Haubitzen bestellte (mit welchem Geld bezahlt die das eigentlich?), klingeln, darf im Winter in der Unterschicht ruhig kalt geduscht werden. Bei der Ölindustrie führten die erzielten Zusatzgewinne – auch durch den staatlich subventionierten »Tankrabatt«, der von Shell und Co. dankbar angenommen wurde – ohnehin schon zu täglich knallenden Champagnerkorken. Bezeichnend, aber nicht verwunderlich, wer Zusatzgewinne ungehindert einstreichen darf und wer sein Wasser über Teelichten erhitzen soll.

Frank Lukaszewski, Oberhausen

Kein Krieg mit US-Standards

Zu jW vom 22.7.: »Waffen und Drohungen«

(…) »Minsk II« war das Ergebnis von Friedensverhandlungen (UNO – völkerrechtlicher Rang). Poroschenko und Selenskij sagten, dass sie nie vorhatten, sich daran zu halten. Der Westen schaute zu. Alle mit Russland geschlossenen Verträge hat er selbst entweder gekündigt oder gebrochen. Wie sollte Russland annehmen, dass irgendein Abkommen mit westlichen Staaten seine Sicherheit garantieren würde? Welche Seite hat dieses selbst in Zeiten des Kalten Krieges noch vorhandene Vertrauen in Verträge auf Null abgesenkt? Der Zug ist abgefahren. Selbstverständlich wäre Russland zu jeder beliebigen Eskalation in der Lage, wenn die Ukraine oder der Westen eskalieren. Während die Ukraine im Gegensatz zu Russland bankrott ist und nur noch mit Krediten und fremden Waffen am Leben erhalten wird, die gesamte männliche Bevölkerung bis 65 Jahre von der Straße wegfängt und an die Front schickt, die Frauen dazu, gab es in Russland keine allgemeine Mobilmachung. Sowohl personell als auch waffentechnisch hat Russland seine Reserven noch gar nicht angegriffen, ist in der Ukraine bewusst in erheblicher Unterzahl angetreten. Sie verzichten trotz Luftüberlegenheit auf Flächenbombardements, wie sie für die USA Standard sind. Trotz allen Schreckens dieses Krieges ist es immer noch keiner mit den Opferzahlen eines Irak-Kriegs unter Einsatz von Uranmunition. Das liegt aber nicht daran, dass Russland dazu nicht in der Lage wäre, sondern daran, dass es das nicht will. Der Irak war nie ein Teil der USA. Zwischen Ukrainern und Russen gibt es dagegen Beziehungen in fast jeder Familie, jahrhundertealte kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten. Der »Schlächter« Putin sagte: »Schneller ginge es immer, aber mit mehr Opfern.« Deshalb lassen sich die Russen lieber der Schwäche bezichtigen.

Fred Buttkewitz, Ulan-Ude/Russland

Klassenauftrag

Zu jW vom 30./31.7.: »Steuergeschenk für ­Reiche«

Christian Lindner vorzuwerfen, seine Klientel zu bedienen, ist nicht in Ordnung. Denn er nimmt seinen Klassenauftrag ernst. Davon könnte sich die Linkspartei etwas abgucken. Denn die Klientel der Nicht-mehr-Linkspartei waren die in die gesetzlich verordnete Armut Getriebenen. Diese Klientel hat Die Linke aufgegeben. Man kann auch sagen: verraten! Und Klassenauftrag? Igitt, werden diese »Linken« sagen. Lasst uns woken und nicht linkeln, das ist der neue Leitspruch der Nicht-mehr-Linkspartei.

Joán Ujházy, per E-Mail

Christian Lindner vorzuwerfen, seine Klientel zu bedienen, ist nicht in Ordnung. Denn er nimmt seinen Klassenauftrag ernst.

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